
Extraschicht Ruhr - Ein Extra fehlt!
- Serie: Kunst
Eine Kolumne von Markus Bohn
Seien wir mal ehrlich: auch ein perfekt organisiertes Shuttlebusnetz ersetzt keinen Transporter à la Raumschiff Enterprise, der einen von A nach B, von G nach D und um kurz nach 2 Uhr morgens wieder in die heimischen vier Wände beamt. Schade eigentlich, denn wenn am 19. Juni 2010 unter dem Pseudonym "Sommerfest der Kulturhauptstadt" die nunmehr 10. Extraschicht gefahren wird, dürfte es trotz logistischer Höchstleistungen schwierig werden, auch nur einem Bruchteil der rund 50 über das gesamte Revier verteilten Veranstaltungsorte einen Besuch abzustatten, der nicht den Charakter einer gehetzten Durchreise hat. Klar, wenn es heißt: "Da ist für jeden was dabei!" lässt sich im Umkehrschluss und ohne Vollführung eines gedanklichen Drahtseilaktes prognostizieren, dass auch das eine oder andere dabei ist, das halt nicht jeden Kulturinteressierten aus den Strümpfen schießt. Andererseits, und da sind wir einfach nochmal ehrlich, dürfte es bei einer solchen Anhäufung von hochkarätigen Veranstaltungen mehr als nur eine Handvoll Events geben, die einen nicht vollkommen verblendeten Nachtschwärmer auf industriekultureller Entdeckungsreise in ihren Bann zu ziehen wissen.
Da indes nicht davon auszugehen ist, dass uns die hierfür zuständigen Techniker und Ingenieure in absehbarer Zeit mit solider Science Fiction-Technologie versorgen, drängt sich mir unwiderstehlich die Frage auf, warum aus einer "Nacht der Industriekultur" nicht einfach mal eine "Woche der Industriekultur" werden sollte. Erwacht aus einem Rausch der Sinne am Oberhausener Gasometer könnte ich den Abend ausklingen lassen, indem ich mich im DinsLaken-Labyrinth verirre, tags darauf (und nach geglückter Befreiung) ließe sich dann ein Besuch in der Unnaer Lindenbrauerei in Erwägung ziehen, wo frisch Gezapftes zum Takt der japanischen Trommler von Taiko verkostet wird, und bestimmt fände sich in einer solchen Woche auch noch die eine oder andere Mußestunde, in der ich mich einfach nur zurücklehnen und denken könnte: Schön, hier zu leben!
Oder (und jetzt wollen wir zum allerletzten Mal und danach auch wirklich nie mehr ehrlich sein)?
Na also.
Fotos:
Titelfoto: Coniaric, "Flucht" Quelle: www.piqs.de
aspooner "Industriekultur XIII"
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