
Extraschicht 2010 - Frank Goosen und die Steigerung von Scheiße
- Serie: Kunst
Es war, als pilgerten sie zum Messias, dem Erlöser von allem Bösen. Hunderte, ach was, gefühlte zigtausende Besucher waren vorbeigeströmt, als der Bochumer Autor Frank Goosen auf Zeche Hannover aus seinem Roman So viel Zeit las.
Die Romanhandlung spielt zum Teil auf eben dieser stillgelegten Zeche, wo ein paar alte Schulfreunde mit ihrer kurz zuvor spontan gegründeten Band bei ihrem eigenen Klassentreffen auftreten.
Natürlich kann Goosen lesen. Gut sogar, gestählt durch unzählige gemeinsame Abende mit Ex-Kollege Jochen Malmsheimer von Tresenlesen. Am besten ist er aber, wenn er nicht liest. Am besten ist Goosen, wenn er abschweift, wenn er abgeschwiffen ist, wie er es selbst nennen würde. Wenn er sein Unwohlsein über hinter ihm stehende Besucher beklagt, die vielleicht Lehrer seien und ihm in die Parade fahren könnten, sobald er einen Satz aus dem Buch nicht ordnungsgemäß, sondern abgewandelt vorlesen würde.
Heimspiel auf Hannover
Goosen ist am besten, wenn er die Hintergründe seiner Erzählungen ausleuchtet. Dass der Scheiß tatsächlich so und so passiert ist, und das es vielleicht in echt noch scheißer war als im Buch beschrieben. Scheiße, scheißer, am scheißesten. Gooßen liebt drastische Satzoperationen, die von keinem philologischen Notdienst der Welt mehr zu retten sind.
Und so lief auch das Heimspiel auf Hannover ab. Ausgerechnet Hannover möchte man als VfL-Bochum-Fan rufen. Bist du eigentlich bescheuert Frank? Da vergeigt unser Lieblingsclub den Klassenerhalt am letzten Spieltag gegen Hannover, und du hast nichts besseres zu tun, als auf einer Zeche gleichen Namens aufzutreten, kaum das die letzte Träne der Trauer getrocknet ist? Immerhin gelang sein Versuch, die Leute zum Lachen zu bringen. Was natürlich auch daran gelegen haben könnte, dass Anhänger Ückendorfer und Sauerländer Fußballvereine anwesend waren, die natürlich über Gooßens immer wieder gern selbstironisch inszenierten Spaß herzhaft prusten können, der mit den von Schiedsrichtern nur homöopatisch dosierten Elfemeterentscheidungen für den VfL Bochum zu tun hat. Als Goosen nämlich irgendwann einmal während eines Auftritts genau diesen Mangel an Elfmeterzuspruch beklagt hatte, habe ihm ein Zuschauer sinngemäß zugerufen: Dafür müssten die Bochumer dann auch mal in den Strafraum vordringen.
"Hey, soll' ich dir mal nen Schalkewitz erzählen?"
Als VfL-Bochum-Fan kann man Selbstironie lustig finden. Anhänger anderer Clubs können das allerdings nicht so gut. Mir ist da nämlich neulich folgendes passiert: Ich sitze am Tresen in der Kneipe und sage zum Wirt Hey, soll' ich dir mal nen Schalkewitz erzählen? Da steht plötzlich ein Typ vom Nebentisch auf, einsneunzig groß, kräftig. Er starrt mich an und sagt: Ich würd' mir das an deiner Stelle noch mal überlegen, denn ich bin Schalker. Und die beiden Typen da drüben - er deutet auf die zwei Riesen an seinem Tisch - die sind auch Schalker. Na, willst du immer noch deinen Witz erzählen? Und Gooßen hätte darauf vermutlich geantwortet: Nee, dann müsste ich den Witz ja dreimal erklären. So was fällt spontan nur Goosen ein. Leuten wie mir erst dann, wenn ich wieder zuhause bin.
Foto (oben): Volker Wiciok
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Musik
Ja, richtig, Musik gab's auch. Aber das Grubenpferd war leider tot.
Flying Spaghettimonster
zeche hannover
leider findet die musikalische untermalung der lesung keinerlei erwägung. die im buch produzierte stimmung wurde von den musikalischen zwischenspielen perfekt getroffen. ein einmaliges erlebnis und am ende der lesung noch "child in time" von der kompletten band ! da schloss sich der kreis und das grubenpferd grinste :-)
Diego