Evening Sonx 2010 - Endlich mal was Originelles
Ein Gespräch mit Christoph Kammer, Musiker und kreativer Kopf hinter "Evening Sonx 2010" im Kunsthaus Essen.
Jens Kobler: Passend zum Kulturhauptstadtjahr hat im Kunsthaus Essen eine montägliche Konzertreihe namens „Evening Sonx 2010“ begonnen. Bei freiem Eintritt und mit vielen Gästen. Wie ist die Idee hierzu entstanden?
Christoph Kammer (auf dem Foto rechts, auf dem Bild links): Im Vorlauf zur Kulturhauptstadt war sehr viel von Superlativen die Rede: größter Chor der Welt, längste Biertischgarnitur der Welt, die weltweit meisten Instrumente an Kinder verteilt, die meisten Ruhratolle der Welt, da wollten wir uns einreihen. Also beschlossen wir, die längste Konzertreihe der Kulturhauptstadt zu organisieren. Das haben wir nicht ganz geschafft, wir sind aber die einzige wöchentlich zur selben Zeit am selben Ort stattfindende Konzertreihe, streng genommen ein seltenes Kontinuum in dieser kulturgeschwängerten Zeit!
JK: Eine unkommerzielle Veranstaltung also, an der durchaus bekannte Künstlerinnen und Künstler teilnehmen. Kann man Namen nennen, wer in diesem Jahr u.a. zu Gast sein wird? Und: Geht das wirklich ohne Reisekostenbeteiligungen oder ein gewisses Sponsoring?
Christoph Kammer: Wir befinden uns nach wie vor in der Planung und denken zunächst von Woche zu Woche, es gibt aber schon mehr oder weniger feste Zusagen im Sinne von: die kommen, wir wissen nur noch nicht, wann. Dazu gehören zum Beispiel der Darmstädter Bassist Jürgen Wuchner, der Freiburger Gitarrist Thomas Horstmann, Wollie Kaiser von der Kölner Saxofon Maffia, Dirk Rothbrust vom Schlagquartett Köln und mit der auf dem Planeten Erde weitest möglichen Anreise – noch ein Superlativ!! – Olivier Holland aus Neuseeland. Die Liste wird nahezu täglich länger, und zu den Musikern gesellen sich auch Künstler aus anderen Sparten, so werden wir beispielsweise mit dem Essener Videokünstler Karlheinz Mauermann eine gemeinsame Aktion durchführen. Das geht alles nur, weil wir zu diesen Leuten irgendeine persönliche Beziehung haben, weil wir sie auf der Durchreise erwischen oder weil sie diese Aktion sympathisch finden. Bisher sind wir noch nicht einmal „low budget“, wir sind „no budget“, hoffen aber, an den einen oder anderen Fördereuro noch ranzukommen. Über den Verein „Kunsthaus Essen“ nehmen wir gerne und jederzeit Spenden entgegen, selbstverständlich mit Spendenquittung und allem Zipp und Zapp!!
JK: Allein die Selbstbezeichnung „das anarcho-syndikalistische Konzertduo Bicinium Generalis“ zeigt ja schon sozusagen eine gewisse Richtung an. Ist das jetzt Teil der berüchtigten „Kulturhauptstadt von unten“? In welchem Verhältnis steht das eigentlich zum Ort des Geschehens und den Gästen des Hauses? Schaut da eher mal der Rotary Club vorbei, eine gewisse Kulturbohéme oder die Nachbarn von der Straße?
Christoph Kammer: So wie wir beim gemeinsamen Musizieren ein gewisses Maß an Anarchismus walten lassen, führen wir auch die Organisation der gesamten Konzertreihe eher mit einem gewissen Hang zu unkonventionellen Vorgehensweisen durch. Unser Ensemblename wiederum begründet sich in unserer Vorliebe für mittelalterliche Tonkunst. Bringen Sie das mal unter einen Hut!!
Von einer nun doch stattfindenden „Kulturhauptstadt von unten“, berüchtigt oder nicht, höre ich zum ersten Mal. Ich dachte, das Projekt „Zollverein unter Tage“ sei abgesagt worden. „Von unten“ hätte insofern ganz gut zum Kunsthaus gepasst, weil wir hier ja in einer ehemaligen Zechensiedlung angesiedelt sind. Ob man unter Tage per Lore direkt von Gottfried Wilhelm nach Zollverein hätte fahren können, entzieht sich meiner Kenntnis. Im Übrigen halte ich wenig von Publikumsausschluss, zu unserer Konzertreihe ist jeder herzlich willkommen. Die bisherigen Veranstaltungen wurden sowohl von der Nachbarschaft als auch von den bei Ausstellungseröffnungen hier auflaufenden Menschen besucht, die Resonanz war besser als erwartet. Wir haben also ein sehr gemischtes Publikum, vielleicht reicht das für einen weiteren Superlativ: gemischtestes Publikum der Kulturhauptstadt!!
JK: Und wie ist ein Christoph Kammer zum Kunsthaus gekommen? Und was macht er sonst so?
Christoph Kammer: Ich wohne im Kunsthaus seit 1994, hierhin gekommen bin ich mit einem Umzugslaster, davor habe ich mein Musikstudium an der Folkwang Hochschule absolviert und davor war ich als Saarländer in einem saarländischen Dorf beheimatet. Wenn ich nicht zu Hause bin, unterrichte ich oder arbeite als Bassist, da ist immer mal wieder was zu tun an dem einen oder anderen Schauspielhaus. Insgesamt ist die Lage für freischaffende Musikanten schwieriger geworden, der Sparknüppel schlägt zurzeit heftig um sich. Richtig spannend wird es aber ohnehin erst 2011. Eventuell rächt sich dann, dass es für einen Taxischein nie gereicht hat!
JK: Besonders in diesem Jahr ist der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des an Kultur interessierten Publikums schärfer denn je und auch das „Kämpfen um die Töpfe“ wird nicht weniger werden in nächster Zeit. Werden im Zuge dessen vielleicht Stadtteil spezifische Angebote wieder an Bedeutung gewinnen? (Wir reden hier über eine Veranstaltungsreihe in Essen-Rellinghausen!) Oder „reisen“ die Menschen des Ruhrgebiets auch eine größere Strecke für ein entsprechendes Programm? Wie kommuniziert man so eine recht spezifische Reihe?
Christoph Kammer: Als Markus und ich beschlossen, diese Konzertreihe durchzuziehen, haben wir keine Sekunde lang darüber nachgedacht, ob da jemand kommt oder nicht und ob wir zu wem auch immer in Konkurrenz treten oder nicht. Wir gehen davon aus, dass montags nicht viel los ist, so werden wir eventuell bemerkt. Unser Angebot ist auch nicht speziell auf den Stadtteil Rellinghausen oder die Gottfried-Wilhelm-Kolonie zugeschnitten, Lokalkolorit präsentieren wir nur bei einer Veranstaltung im Sommer mit dem Titel „Der Steiger kommt aus Istanbul“, das wird ein musikalischer Brückenschlag zwischen der ehemaligen Bergarbeitersiedlung und der dritten europäischen Kulturhauptstadt 2010. Als „bicinivm generalis“ muss man da was machen. Ob sich die Kultur mittelfristig von den dann weggekürzten Stadttheatern in die Hinterzimmer der Eckkneipen verlagert, weiß ich nicht. Da müsste man den Begriff „Kultur“ ohnehin erst einmal definieren. Das Rumreisen ist davon ab für zumindest einen Teil der einheimischen Bevölkerung kein Novum, man ist das gewohnt, schließlich kann man sich in Essen seit Jahrzehnten kein Spiel der ersten Bundesliga mehr anschauen.
Die Werbung für unsere Veranstaltungen läuft so, wie man das heutzutage macht: das Kunsthaus hilft uns mit Postkarten und elektronischen Newslettern, wir selber verschicken ebenfalls Mails an alle, die wir kennen. Aktuelle Programmhinweise findet man unter eveningsonx.wordpress.com (Achtung!! OHNE www davor!!), bei youtube gibt es Filmchen zum gucken. Wir setzen darauf, dass sich das rumspricht.
JK: Bicinium Generalis haben eine ganz bestimmte Beziehung zu Musik und vor allem zu Instrumenten, aber auch zum Zusammenspiel. Lässt sich das in kurzen Worten beschreiben?
Christoph Kammer: Markus und ich kennen uns seit rund zwei Jahrzehnten und sind entsprechend gut aufeinander eingespielt. Da werden Motive hin und her geworfen, aufgegriffen und moduliert, wir kommen mit ganz wenigen Absprachen aus. Ich nenne das „Komprovisation“, da wir die Willkür der reinen Improvisation gebändigt haben, ohne sie durch das strenge Regelwerk der Komposition zu ersetzen, die uns zu wenig Platz für Spontaneität auf der Bühne ließe. Unser Instrumentarium ist reichhaltig: Markus besitzt eine große Sammlung seltener Saxofone, darunter unter anderem ein gerades Altsaxofon, ich benutze neben Kontrabass und Tuba ab und an eine sowjetische Bassbalalaika und altertümliche Blasrohre, dazu kommen reichlich Samples aus unserer really unbelievable hearing research noisekitchen, abgekürzt ruhr-n. Kurz gesagt: unser Ziel ist die Befreiung der Tonkunst aus der Sklaverei des musisch-industriellen Komplexes!!
Di, 19.01.2010
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