
Europäischer Filmpreis 2010 - Glänzen durch Abwesenheit
- Serie: Ökonomie
Am Samstag wurde der Europäische Filmpreis vergeben. Ach, gar nicht mitbekommen? Da sind sie nicht alleine. Die Relevanz und öffentliche Wahrnehmung des Preises wird gerade diskutiert.
Lediglich die Deutsche Welle sieht die Verleihung des Europäischen Filmpreises am vergangenen Samstag in Tallinn, der Kulturhauptstadt Europas 2011 durchweg positiv. Besonders deshalb, weil man die Kür des Hauptgewinners, Roman Polanskis The Ghostwriter, seine Finanzierung aus drei großen europäischen Fördertöpfen und den multinationalen Background von Regisseur und Hauptdarstellern als „kraftvolles Zeichen in Sachen Zusammenhalt“ sieht.
„Die Kultur“, so Jochen Kürten, mache der Politik vor, „wie es gehen kann mit einer erfolgreichen, praktischen Kooperation innerhalb des Staatenbundes.“
Die große No-Show
Ob das die europäischen Spitzenpolitiker mitbekommen haben, steht auf einem ganz anderen Blatt. Das sieht auch Daniel Kotheschulte in der Frankfurter Rundschau, der anmerkt, dass zwar unsere nationale Lola „auch in schwachen Jahrgängen mit Glanz und Gloria“ verliehen wird, es der Europäische Filmpreis aber „nicht einmal in die Tagesschau schafft“.
Jan Schulz-Ojala sieht das im Tagesspiegel ähnlich: „Dem Europäischen Filmpreis fehlt es an Strahlkraft“, bringt er die Kritik auf den Punkt. Denn, das kennen wir von der Bochumer Verleihung im letzten Jahr: die Hauptakteure glänzen durch ihre Abwesenheit. So wurde der Abräumer des Abends, Roman Polanski lediglich per Internet-Verbindung zugeschaltet, und auch Hauptdarsteller Ewan McGregor entschuldigte sich mit einer Videobotschaft aus Thailand. Komplettiert wurde die „no-show“ durch das Fernbleiben der Gewinnerin der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“, der Französin Sylvie Testud (Lourdes).
Doch ist es wirklich so einfach? Ohne Stars keine Aufmerksamkeit und damit keine Relevanz? Schulz-Ojala sieht das Problem eher bei der Jurywahl des Abräumers The Ghostwriter: „Mag sein, dass viele EFA-Mitglieder, wie in Tallinn gemutmaßt wurde, einen gesamteuropäischen Künstlersolidarpakt für den in diesem Jahr schwer bedrängten Roman Polanski schnürten. Wahrscheinlicher aber ist, dass sich der von Deutschland, Frankreich und Großbritannien koproduzierte Film des polnischen Regisseurs, englischsprachig und in Amerika spielend und international mit akzeptablen Ergebnissen ausgewertet, als die simpelste Wahl anbot. Nicht Neugier ist mehr die Devise, nicht die Erschließung faszinierenden Kinos aus den cineastisch immer unbekannteren Nachbarländern, sondern die Belohnung des Gängigen.“
Kein Bock auf Europa?
Wahrlich ist die Wahl des guten, aber letztendlich doch als soliden zu bezeichnenden Films sogar noch weitaus weniger inspirierend und mutig als die jährliche Entscheidung über den Deutschen Filmpreis.
Soll nicht die Kür eines Films auch mehr Zuschauer für europäische Produktionen interessieren? The Ghostwriter, unter der Regie eines seit fünf Jahrzehnten weltweit gefeierten Regisseurs, mit Hauptdarstellern die längst in ganz großen US-Produktionen wie Star Wars (McGregor) oder James Bond (Pierce Brosnan) zu sehen sind, dürfte beim Zuschauer letztendlich einfach mit „Hollywood“ statt mit „Europa“ assoziiert werden.
So folgert auch Schulz-Ojala: „Vielmehr scheint die Institution mehr und mehr jenen national partikularistischen Wahrnehmungs- und Marktmechanismen zum Opfer zu fallen, denen sie einst programmatisch entgegengetreten war. Außer für Hollywood interessieren sich die europäischen Kinogänger in der Regel allenfalls für die Produktion ihres Heimatlandes.“
Da hilft auch kein stimmungsvoller Rahmen und eine grundsätzlich gelungene Preisverleihung. Wenn der Europäische Filmpreis wirklich zu Akzeptanz und Anerkennung des europäischen Films beitragen will muss er sich auf die eigenen Stärken besinnen, seine Eigenheiten betonen, und darf nicht versuchen US-amerikanischen Standards nachzueifern. Denn dann wird er immer nur hinterherhecheln.
Foto: EFA/René Velli
>>>Channel: "European Film Award 2009"
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