Essener Frühlingsgefühle

Die Sonne knallt auf Schützenbahn 19/21, Essen-Nord, wir laden zum Gespräch mit Organisator Uwe Schramm

Der Kunsthistoriker Uwe Schramm steht mitten in der Eingangshalle zwischen Fundusmöbeln, Gartenstühlen und der präpubertären Erfrischungsbar, die Hände in den Taschen, den Blick nach draußen.

 

"Möchten Sie Kaffee? Oder lieber erst mal gucken, dann zu viel versprechen!"

Der Traum vom Kaffee bleibt unerfüllt, dafür scheint durch die dichten Lamellenvorhänge frech die Sonne und taucht den Raum, der seinen Bewohnern die 70er noch nicht verziehen zu haben scheint, in Zwielicht.

Schramm setzt an und erzählt in der nächsten Dreiviertelstunde ausgelassen von der Realisierung des Atelierprojektes:

"Als wir, das Kunsthaus Essen, die Räume angemietet haben, waren sie ja noch komplett leer. Jetzt, mit den Möbeln aus dem Fundus, haben wir sozusagen die Hardware."

Kaum ist der Punkt gesetzt, schleicht sich eine junge Frau am Diktiergerät vorbei. Anne Schmidt lächelt flüchtig, wechselt ein paar Worte und verschwindet wieder in ihrem Atelier. Hardware trifft es gut, in einer Ecke stapeln sich Stühle, wir sitzen in der Sonne auf Gartenmöbeln, hinter staubigen Scheiben.

 

Nordstadt steht auch immer ein bisschen für einen vernachlässigten Stadtbereich“

"Das ist ja Nordstadt hier, und Nordstadt in den Städten steht auch immer ein bisschen für einen vernachlässigten Stadtbereich, aber gerade da wollen wir ran. Es gibt so viele Institutionen, die hier angesiedelt sind! Die Folkwang Fotostudios zum Beispiel, das Unperfekthaus mit dem Mehrgenerationen Kulthaus, das Forum, die Galerie Ricarda Fox. Jetzt haben wir mit der Etablierung des Gebäudes hier die Möglichkeit, dass man sich ein bisschen konzentriert und auch verdichtet innerhalb des Quartiers. Und auf absehbare Zeit wollen wir natürlich auch die Bewohner mit einbeziehen, die Gastronomie, das braucht Zeit und Aufbauarbeit. Aber wir planen da nicht nur in den Grenzen dieses Hauses, sondern wollen auch städtebauliche Akzente setzen."

 

 

Die Umzugswagen fahren noch vor

Vieles ist noch im Anfang begriffen in der Schützenbahn 21. Die meisten Künstler ziehen gerade mit Sack und Pack ein, es braucht schließlich Zeit, bis man alle Utensilien, die sich über die Jahre verteilt haben, gebündelt hat.

Herr Schramm, übernehmen Sie:

"Die Künstler brauchen ja auch den Raum, viele haben vorher unter unzumutbaren Umständen gearbeitet. Man spürt diese Aufbruchsstimmung, die dokumentiert sich dadurch, dass dieses Gebäude physisch erfahrbar ist, es ist wirklich da! Das heisst, wir haben ein Konzept entwickelt und plötzlich kann man über dieses Gebäude hinaus sehen, wie so etwas real funktioniert."

 

Frühjahrsmüdigkeit ist passé

Frühjahrsmüdigkeit gibt es nicht, dafür Schwärmerei:

"Es ist nicht nur draußen sehr bunt: Wir haben Bildhauer, Installationskünstler, Fotografen, die auch teilweise im Grenzbereich zwischen Fotografie und Design arbeiten. Wir haben uns schon um Bandbreite bemüht, mit Malerei, mit Musikern. Es sind aber auch alles Menschen, die abbilden, was hier in der Stadt seit langem passiert – die Stadt hat ja künstlerisches Potenzial. Es fehlt schlicht an Atelier- und Arbeitsräumen. Wenn man wirklich versucht, diese Region auch als Kulturregion zu etablieren, dann muss man auch versuchen, sie international vorzeigbar zu gestalten!"

Uwe Schramm bleibt tendenziell gelassen: Er besieht sich Wasserschäden im Atelier einer Fotografiestudentengruppe ebenso gelassen wie die Hinterlassenschaften chinesischer Vormieter.

Gleichzeitig weigert er sich, den politischen Stillstand länger als nötig zu akzeptieren.

"Es gibt auch Beiträge, die wir alle leisten müssen, dass Zwischennutzung besser ist als Leerstand. Es muss da von möglichst vielen Seiten auch Überzeugungsarbeit geleistet werden, dass Künstler ja nicht die sind, die Gegebenheiten der Räume bis an ihre Grenzen ausreizen, einen Trümmerhaufen hinterlassen und dann wieder gehen. Im Gegenteil, viele Künstler sind ja auch ihre eigenen Unternehmer. Die Idee besteht darin, den Immobilienbesitzern Hilfestellung zu geben; Kontaktbörse sollte man vielleicht nicht sagen. Natürlich ist es ein Experiment, aber wenn man es im Auge behält, dann kann es durchaus funktionieren."

Schramm kann bei allem Realismus schöner schwärmen als man es im Ruhrgebiet erwartet. Wenn er 'Kreativquartier' sagt, klingt es zukunftsweisend, nicht utopisch. Wenn er 'Leerstand' sagt, klingt es inakzeptabel.

Noch ist Frühling in Essen, noch werden die Kisten ausgepackt.

Doch der Sommer wird wild! 

 

So, 22.04.2012 0

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Über den Autor

02.03.2012

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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