
Es werde Trickfilm!
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Von Daniel Bickermann. Diese „kleine Geschichte des animierten Bildes“ springt gleich mittenrein: in die Geschichte der Welt. Doch bevor es Film geben kann, muss es natürlich erst mal Licht geben, also beginnt unsere Geschichte ganz pseudo-religiös mit dem Umwerfen des Lichtschalters – zack: Die Vorführung kann beginnen. Gott als erster Filmvorführer der Welt. Was er (und wir) zu sehen kriegt, ist vor allem ein Gewusel: drollige Urmenschenklischees, Stummfilm-Slapstick und das Buch Genesis werden durch den Mixer geworfen; und Platons Höhlengleichnis, Micky Maus, einige medizinisch-neurologische Prozesse zwischen Sehnerv und Gehirn sowie Georges Méliès kommen auch gleich mit in den Fleischwolf.
Lernen über das Sehen selbst
Der Zuschauer reibt sich verwirrt und auch ein wenig schwindelig die Augen: Die drolligen Zeichentrickfiguren, die zur Erläuterung dieser halsbrecherischen Achterbahnfahrt durch die Geschichte des Sehens, Erzählens und Herumalberns herangezogen werden, plätten sich zur Zweidimensionalität und blasen sich zu 3D auf, werden von Scharf auf Unscharf gestellt, perspektivisch verzerrt, von Standbild zu Standbild animiert und letztlich auch digitalisiert. Und doch schleicht sich der Verdacht ein, dass es hier um mehr gehen könnte als nur um parodistische Abschweifungen und drollige Bildwitze: Tatsächlich lernt der Zuschauer von Une petite histoire de l’image animée etwas über die Abstrahierung des realen Bildes zur ikonischen Idee der Welt; über optische Täuschungen; über die Digitalisierung der Wahrnehmung und vor allem über das Sehen selbst.
Und so hastet die zunehmend atemlose Erzählerstimme und die charmante Bleistiftanimation (die Philippe Massonnet im Stile eines Don Hertzfeld zittrig und liebevoll hält) durch Impressionen von King Kong, Star Wars und Godzilla, um die Evolution der Tricktechnik zu veranschaulichen, aus den Höhlenmenschen werden Ritter und Geschäftsleute (ohne dabei ihre tumbe Natur zu verändern), aus TickTackToe wird die digitale Matrix der Moderne, aus Animationsfiguren Superhelden, und doch – schon wieder lernen wir etwas – und doch ist all das eigentlich vollkommen egal, wenn es nur eine wirklich gute Geschichte gibt. Zum Beispiel die, dass die Menschen sich ändern können, ob sie nun Keulen oder Schwerter oder Aktentaschen schwingen.
Produzentin Anne Jaffrennou, die neben dem Regisseur Joris Clerté hauptsächlich für Une petite histoire de l’image animée verantwortlich zeichnet, hat Erfahrung mit dem großen Ganzen: 2006 war sie Initiatorin und Ko-Regisseurin einer 160minütigen arte-Dokumentation namens CosmicConection, die gleichzeitig auf der Erde aus- und ins All abgestrahlt wurde – genauer: in Richtung des 45 Lichtjahre entfernten Doppelsternsystems Errai, das von einem Exoplaneten umkreist wird. Eine kurze Geschichte von allem für unsere außerirdischen Freunde.
Wiederholtes Sehen empfohlen
Im Gegensatz zu denen erkennen wir Erdlinge wenigstens die unzähligen Sight Gags und Anspielungen, die in Une petite histoire de l’image animee an uns vorbeiziehen. Sie mögen zu schnell und zu zahlreich sein, um sie alle bei der ersten Sichtung aufzunehmen, geschweige denn zu verarbeiten und zu überdenken: versteckte Hommagen an Pixar, Chuck Jones und Monty Python sind dann eher schon den Eingeweihten vorbehalten. Und auch das raffinierte Sound Design fällt nicht beim ersten Sehen auf. Doch alles zeigt dafür rückblickend und beim wiederholten Sehen, das hier explizit empfohlen ist, eine umso größere Wirkung. Es ist eben doch eine komische Spezies, der Mensch.
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