Niels Boeing: seit Jahren gehetzt

Es heult wieder

Niels Boeing schaltet "Alles auf Null"

Empört Euch! Occupy Wall Street! - Die Zeiten für eine fundamentale gesellschaftliche Krisenstimmung waren lange nicht so gut wie jetzt. Mit seinem Prosadebüt "Alles auf Null" setzt der Bochumer Autor Niels Boeing der breit gefühlten Malaise die Krone auf. Selten wird so fundiert geschimpft und gestritten wie in diesem kleinen Band, selten verbindet ein Text so eloquent Verbitterung, Zerrissenheit, Sehnsucht und den Mut zum Aufruhr. Von Kapitalismus- bis Religionskritik steckt alles drin. Doch die konservativen Linken freuen sich zu früh: Kommunismus ist auch keine Lösung. Aber das Beste: Witzig sind die 99 Thesen dabei auch noch. Boeing ein bisschen beim Schreiben über die Schulter geschaut hat der Geist des großen Beat-Poeten Allen Ginsberg. Herausgekommen ist ein Manifest der klugen Wut. LAB-Autor Marcus Römer hat sich gerade rechtzeitig vom Buch erholt, um mit dem 45-jährigen Wahl-Hamburger zu sprechen.

Was war der Auslöser zum Buch?
Ein allgemeines Unbehagen an der Welt, das mich eigentlich bereits Mitte der 1990er Jahre erfasst hat. 2001 saß ich dann nachts mit einem Kumpel zusammen in Frankfurt herum. Wir waren natürlich auch ein bisschen betrunken, aber eher kreativ betrunken, nicht so, dass wir unsere Denkfähigkeit verloren hätten. Wir sagten uns: "Lasst uns Sätze aufschreiben, die sagen, wie es wirklich ist." Daraus sind dann irgendwann 99 Sätze entstanden. Später hab' ich mir überlegt, zu jedem Satz eine Seite zu schreiben.

 

Was war denn so unbehaglich?
Na, heute sagt man ja eher 'Empörung'. Das war ein tief empfundenes Unbehagen über den Kapitalismus der 90er Jahre. Diese everything-goes-Mentalität. Das war Kapitalismus, gepaart mit der Hippie-Kultur. So unvereinbar das klingen mag - die Leute feierten eine Riesenparty. Damals sahen viele das Ende der Geschichte und meinten: "Der Kapitalismus hat gesiegt." Und kaum jemand hat gemerkt, wie wir gegen die Wand gefahren werden. Die 90er waren aber auch eine Hochzeit von Ironie und Zynismus, die ich im Buch als "Julie Burchill"-Phänomen bezeichne. Viele Leute, auch Bekannte und Freunde aus meinem Umkreis, hatten ihre ursprüngliche Wahrhaftigkeit verloren. Auf einmal standen Freunde, dich sich über Religion und Kirche immer abschätzig geäußert hatten, zum Heiraten vor dem Altar.

 

Der Titel "Alles auf Null" suggeriert auch einen Aufruf zum Neuanfang. Passt gut in eine Zeit, in der Menschen jeglichen Alters und aller Schichten auf die Straße gehen und protestieren. Am liebsten gegen die Banken wie derzeit in Frankfurt, New York und anderen Städten. Wie ist diese Bewegung zu bewerten?
Es passiert was, etwas wird sichtbar. Das ist gut. Nun wird diesen Leuten oft vorgeworfen, ihre Aktionen seien diffus, sie würden keine echten Forderungen stellen. Aber das, was sie tun, ist ja keine geringe Leistung. Das muss man erstmal schaffen, den Arsch hochzukriegen.

 

Im Text scheint ein großes Verlangen, Begehren auf. Doch bei allem, was nicht funktioniert - von Kapitalismus bis Kommunismus - was welches Modell wäre denn wünschenswert?
Die französischen Situationisten prägten den Begriff "Autogestion", was soviel wie Selbstverwaltung oder Selbstbestimmung bedeutet. Das ist der Urtraum des Anarchismus, mit dem auch ich liebäugele. Es geht um ein politisches und wirtschaftliches System, in dem die jetzigen Machtstrukturen beseitigt sind. Man muss die Macht abschaffen, ich will nicht mehr abhängig sein. Das hat aber nichts mit dieser komischen kalifornischen anarcho-primitivistischen Bewegung zu tun. Derrick Jensen hat deren Gedanken in seinem Buch "Endgame" beschrieben. Darin wird nichts anderes gefordert als die Zerstörung der Zivilisation. Das finde ich absolut haarsträubend. Meine ideale Welt wäre basis- oder rätedemokratisch. Es gäbe keine Hierarchien. Allen müsste überall jede nutzbare Technik zur Verfügung stehen. Kopfzerbrechen macht mir dabei nur noch, wie man das Geld ersetzen soll? Doch zunächst einmal fände ich es toll, wenn die Menschen nicht jeden anderen als potentiellen Konkurrenten oder Idioten betrachten würden. Jeder ist grundsätzlich akzeptabel.

 

"Alles auf Null" erinnert oft an Ginsbergs "Geheul".
Richtig. Als ich ihn und Keouacs "On the road" vor etlichen jahren zum ersten mal gelesen habe, hat mich das umgehauen. "Alles auf Null" hab' ich aber nicht auf Speed oder sonstwas geschrieben. Ich hab' die Seiten nach Jahren der Reifung im Hirn in elf Wochen runtergehauen. Aber dem Geist der Beat-Autoren, der dahinter steckt, fühle ich mich durchaus verbunden. Ich fühle mich seit Jahren gehetzt.

 

Foto: privat
Niels Boeing: Alles auf Null, Edition Nautilus, 128 S., 12 Euro

 

So, 23.10.2011 0

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23.08.2011

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