Alex Schwers Punk Jugendkultur Protest

„Es geht darum eine Grundhaltung zu transportieren“

Ein Gespräch mit Alex Schwers (Slime) über Jugendprotest und Popkultur

Kaum eine andere Band hat seit 30 Jahren die deutsche Punk-Szene so geprägt wie Slime. Die Hamburger Band spielte in besetzten Häusern, prügelte sich mit ihrem Publikum wegen Ausverkaufsvorwürfen oder spielte im letzten Jahr vor großer Kulisse auf dem Wacken Open Air. Nach längerer Pause bringen sie in diesem Sommer ein neues Studioalbum beim Dortmunder Label „People Like You“-Records heraus: "Sich fügen heißt lügen" erscheint am 15. Juni 2012.  Slime-Schlagzeuger Alex Schwers wohnt in Gladbeck, er ist zudem Konzertveranstalter von Festivals wie „Punk Im Pott“ oder „Ruhrpott Rodeo.“ Wir sprachen mit ihm über die Relevanz von Rockmusik in unruhigen Zeiten.

 

(Anm. der Redaktion: Dieses Interview wurde im September 2011 geführt! Ist aber immer noch gültig... Aktuell ebenfalls lesenswert: Alex Schwers im Spiegel Online Interview vom 28. April zum Thema Urheberrecht! Das ergänzt sich gut mit diesem Ding hier.)


Derzeit gibt es fast überall auf der Welt Massenproteste von Jugendlichen, doch Ausschreitungen, wie man sie in London erlebt hat, sind bislang in  Deutschland noch ausgeblieben. Ist die Jugend zwischen Flensburg und Bad Tölz zu träge?

Alex Schwers: In Berlin wurden in diesem Jahr schon weit über 500 Autos angezündet, für deutsche Verhältnisse ist das auch nicht ohne. Unsere gesellschaftliche Kultur hat sich anders entwickelt, als die in England. Oder was regelmäßig in Frankreich abgeht, dort geht man viel eher auf die Straße um seine Rechte zu verteidigen, egal ob man Rentner, Empfänger von Sozialleistungen oder Beamter ist. Ich war mal vor drei Jahren in Argentinien und habe eine Demonstration erlebt, bei der Bauern für staatliche Subventionen gestritten haben. Das war unbeschreiblich, was da abging. Die Leute hier bei uns können sich vielleicht mehr rausnehmen und sich im Vergleich zu anderen Nationalitäten dadurch besser entfalten.

Trifft diese „Entfaltung“ auch auf die deutschen Charts zu? Immerhin ist in den letzten Wochen die Heavy-Metal-Band In Flames auf Platz 1 gechartet, die Broilers sogar auf Platz 3. In England hat man den Eindruck, es würde derzeit fast immer nur Glimmer-Electro-Pop der Marke David Guetta laufen...

Das sind gute Beispiele, ich glaube bei uns ist in so einer Richtung mehr drin als in anderen europäischen Ländern. Auf dem Wacken Open Air haben Kreator in diesem Jahr vor über 60.000 Leuten gespielt, da waren viel mehr Leute vor der Bühne als vergleichsweise bei Judas Priest. Schwer zu sagen, warum das so ist, aber ich freue mich sehr, wenn eine Band aus Altenessen solch einen Zuspruch erlebt. Was das Thema David Guetta angeht, glaube ich, dass sich die Subkultur und der Mainstream nicht noch mal so verschmelzen werden, wie in den späten 1970er oder frühen 1980er Jahren, das werden wir so schnell nicht mehr erleben.

Gutes Stichwort. Eine Band wie The Specials waren im Jahr 1981 mit der Single „Ghost Town“ in den britischen Charts auf Platz 1, der Song thematisierte die verfehlte Sozial- und Wirtschaftspolitik der Thatcher-Regierung. Zum Falkland-Krieg wurde „I Love A Man In Uniform“ von Gang Of
Punk Jugendkultur Protest
Alex Schwers - mit seiner Solo-Single (c) Mirja Nicolussi
Four sogar im Jahr 1982 verboten...

Ja, ich denke, es wäre heute sicher undenkbar, dass Bands mit solch gesellschaftskritischen Inhalten so hoch in die Charts einsteigen würden. Aber ein kritischer Song, der wochenlang in den Charts war, kam in Deutschland beispielsweise von Udo Lindenberg. Sein „Sonderzug nach Pankow“ war im Jahr 1983 sein bis zu jenem Zeitpunkt größter Hit, der eine Welle der Entrüstung bis in der Regierungskreise der DDR auslöste. Was sich aus späterer Perspektive erst herausstellte, ist aber, dass Udo Lindenbergs Musik im geteilten Deutschland womöglich einen kleinen Riss in die Mauer ritzte, die das Land geteilt hat. Mehr kann Popkultur aus meiner Sicht wahrscheinlich nicht leisten.

Der in Berlin lehrende Soziologe Klaus Hurrelmann hat die These aufgestellt, dass Jugendproteste vorwiegend von den Gutsituierten und Gebildeten getragen werden...

Das denke ich auch. Die Typen, die in Berlin Autos abfackeln oder linke Demonstranten, die sich dann mit der Polizei prügeln wollen, kommen ganz sicher eher aus gutem Hause, wo der Vater dann als Rechtsanwalt oder Vorstandsvorsitzender arbeitet.

Zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern machten 40.000 Menschen in Mecklenburg-Vorpommern ihr Kreuz bei der NPD, das entspricht der Einwohnerzahl einer mittleren Kleinstadt. Auch die letzte NPD-Demonstration in Dortmund war begleitet von Randale und Aufruhr, insgesamt wurden 42 Polizisten verletzt. Wie beurteilst du das nationalsozialistische Phänomen in der Gegenwart?


Das ärgert mich natürlich sehr. Eigentlich denkt man, seit 30 Jahren ist alles zu dem Thema gesagt. Doch ich habe das Gefühl, dass die Problematik eher wächst. Es werden immer noch Menschen durch rassistische Übergriffe angegriffen und auch getötet. Eine Naziband wie Endstufe hat sogar einen Song von Slime gecovert, und zwar „Linke Spießer“. Als Musiker steht man dem total machtlos gegenüber, wir als Band können dagegen überhaupt nichts unternehmen.

Die gesellschaftlichen Randgebiete skizzieren ein deutliches Bild: Insgesamt 20 Prozent der Jugendlichen sehen sich laut aktueller Shell-Jugendstudie abgehängt...

Ich glaube, dass die Unterschicht in Deutschland längst noch nicht so weit am Boden ist, wie vergleichweise in Frankreich oder in England. Aber wenn es 20 Prozent sind, gibt es ja noch weitere 80 Prozent denen es dann im Umkehrschluss besser geht. Was man auch nicht vergessen sollte, ist die Kluft zwischen den sozialen Schichten. Das ist zwar kein unbedingt neues Thema, aber dieser Graben vertieft sich zukünftig vermutlich noch weiter.

Du trommelst seit ein paar Jahren bei Slime, wofür steht die Band im Jahr 2011?

Wir spielen für geringe Eintrittspreise, geben Soli-Konzerte und verdienen eigentlich ziemlich wenig mit T-Shirt- und CD-Verkäufen. Das ist unsere Politik. Darauf haben wir immer Wert gelegt und diese Ideal-Vorstellung auch nie verraten. Die Band hat aus meiner Sicht eine erhebliche Tragweite, die bei Phrasen wie „Haut die Bullen platt wie Stullen“ anfängt und bis zu ausgereiften, musikalischen Arrangements der Marke "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" reicht. Politpunk ist aus meiner Sicht eine eigenständige Kunstform, wie es an anderer Stelle meinetwegen Artrock oder Death Metal auch ist. Es geht nicht darum jede einzelne Textzeile zu diskutieren, sondern darum eine Grundhaltung zu transportieren. Da darf es auch mal etwas krasser und überspitzt zur Sache gehen.

Glaubt ihr immer noch eher „an die Unschuld einer Hure, als an die Gerechtigkeit der deutschen Justiz“?

Natürlich gibt es streckenweise ein ambivalentes Verhältnis zu einigen Texten aus den frühen Jahren. Der Song „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“ ist damals von wütenden 17-jährigen Jugendlichen geschrieben worden, unser Sänger Dirk und Gitarrist Elf sind ja beide inzwischen über 50 Jahre alt. Sie würden das heute sicherlich differenzierter ausdrücken. Aber es ist erstaunlich wie viele der teilweise 30 Jahre alten Texte sich auf die heutige Zeit übertragen lassen. Die Haltung ist im Kern die gleiche geblieben.

 

 

Fotos: Century Media, Mirja Nicolussi (2), Ralph Nitz (Portrait)

Sa, 05.05.2012 0

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22.06.2010

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