Es boomt

Von Cornelis Hähnel. Die deutsche Filmlandschaft erscheint aus heutiger Sicht als seltsamer Bastard: Auf der einen Seite von vielen verehrt, muss sie sich, vor allen Dingen aus den eigenen Reihen, den Vorwurf der Belanglosigkeit und Einfallslosigkeit gefallen lassen. Zu Unrecht, wenn man genauer hinsieht. Schließlich stellten die Gebrüder Skladanowsky am 1. November 1895 in Berlin ihr „Bioskop“ vor und gewannen damit den Wettlauf um die erste öffentliche Präsentation „lebender Fotografien“. Bis zum Ersten Weltkrieg entwickelte sich der Film zu einem eigenen Wirtschaftszweig und erlebte in den 20er Jahren seine erste künstlerische Blütezeit. Werke wie DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1920, Robert Wiene), NOSFERATU (1922, Friedrich Wilhelm Murnau) oder METROPOLIS (1927, Fritz Lang) gelten heute als Meilensteine der Kinematographie.

Vom Propagandainstrument zum Heimatfilm

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde auch der deutsche Film zum Propagandainstrument und Ideologieträger, auch wenn zum Großteil unterhaltende Spielfilme gedreht wurden. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg kam die deutsche Filmproduktion zum Erliegen, der Film unterlag der Kontrolle und Gesetzgebung der Alliierten. Nach Aufhebung der alliierten Zensur gründete die westdeutsche Filmwirtschaft 1949 eine private und zentrale Zensurstelle, die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle), zur Förderung des anspruchsvollen Films schufen die Bundesländer 1951 die Filmbewertungsstelle der Länder (seit 1957: Filmbewertungsstelle Wiesbaden, FBW). Der für die 50er Jahre so typische deutsche Heimatfilm war ein Resultat des inhaltlichen Rückzugs vom Politischen und Zeitkritischen im Kino, was auch auf Kosten des künstlerischen Anspruchs ging. Anfang der 60er Jahre war der deutsche Film in einer existenzbedrohten Krise, besonders auch durch den starken Marktanteil der US-amerikanischen Produktionen.

„Papas Kino ist tot“

Mit dem „Oberhausener Manifest“ wandten sich 1962 junge Filmemacher mit der Parole „Papas Kino ist tot“ gegen die desolate Produktionssituation. Unter den Gruppenmitgliedern waren u.a. die Autorenfilmer Alexander Kluge, Edgar Reitz oder Peter Schamoni, die den „Neuen deutschen Film“ (zu dem auch Rainer Werner Fassbinder gezählt wird) maßgeblich prägten. Ihr Einsatz für eine handwerklich orientierte Filmherstellung und Subventionen hatte die Gründung des Kuratoriums Junger Deutscher Film zur Folge, das der Förderung von Nachwuchsfilmen diente. Als weitere Maßnahme verabschiedete der Bundestag 1967 das Filmförderungsgesetz (FFG). Seit dieser Zeit wird die wirtschaftliche Filmförderung auf Bundesebene durch die Filmförderungsanstalt (FFA), einer dem Bund unmittelbar unterstellten Anstalt des öffentlichen Rechts, betrieben. Anfang der 70er Jahre begannen die ersten Bundesländer, eigene Subventionssysteme zu entwickeln. Vorreiter waren die traditionellen Produktionszentren Berlin, Bayern, Hamburg und Nordrhein-Westfalen. Seit 1974 beteiligen sich auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten auf der Grundlage des Film-Fernsehabkommens an der Filmförderung, seit 1989 leisten auch private Sender Einzahlungen.

Der Film im Spannungsfeld von kulturellem und kommerziellem Interesse

In der DDR hingegen dominierte die am 17. Mai 1946 gegründete und zunächst noch von der Sowjetunion kontrollierte DEFA im wesentlichen die ostdeutsche Filmszene. Der erste deutsche Nachkriegsfilm DIE MÖRDER SIND UNTER UNS von Wolfgang Staudte entsteht bei der DEFA, die ab der Staatsgründung der DDR 1949 schrittweise in die Hände der Deutschen übergeht. In Anlehnung an traditionelle Studiostrukturen konzipiert, wurden bei der staatlich kontrollierten DEFA bis 1990 über 700 Spielfilme, 600 Fernsehfilme sowie 750 Animationsfilme und etwa 2.300 Dokumentar- und Kurzfilme produziert. Nach der Vereinigung beider deutscher Staaten übergibt die Treuhandanstalt die ehemaligen DEFA-Studios in Babelsberg in die Hände der Privatwirtschaft. Heute floriert das Geschäft der Studios, wo sich Hollywoodgrößen wie Quentin Tarantino, Stephen Daldry oder Roman Polanski zur Produktionen neuer Filme die Klinke in die Hand geben.

Nach der Vereinigung der deutschen Staaten in den 90er Jahren entbrannte wieder eine Diskussion um den deutschen Film im Spannungsfeld von kulturellem und kommerziellem Interesse. Die Großstadt-Single-Komödie war in diesen Jahren besonders beim Publikum erfolgreich, gleichzeitig bildete sich eine neuen Generation von Autorenfilmern heraus, die unter dem Namen Berliner Schule subsummiert einen betont künstlerischen Ansatz vertraten. Dazu gehören u.a. Christian Petzold, Angela Schanelec oder Thomas Arslan. Ende der 90er feierten Regisseure wie Fatih Akin oder Tom Tykwer mit ihren Filmen erste Erfolge, die sowohl Publikum als auch Kritiker begeisterten.

Verschiedene Modelle der Filmförderungsmaßnahmen

In Deutschland lassen sich heute, trotz verschiedenen Fördermodellen und -institutionen, einheitliche Förderungsarten feststellen. Von zusätzlichen Maßnahmen, von denen die Drehbuchförderung, die Verleihförderung und die Filmtheaterförderung besonders zu nennen sind, macht die Produktionsförderung den eigentlichen Kernbereich sämtlicher Filmförderungsmaßnahmen aus. Diese Finanzierungsmaßnahmen sollen zum einen den inländischen Standortfaktor unterstützen, auf der anderen Seite künstlerisch wertvolle oder wirtschaftlich wenig erfolgreiche Genres wie Dokumentar- oder Kurzfilme unterstützen. Zudem werden häufig Debütfilme gefördert.

Die bundesweite Filmförderung wird in Deutschland von der Filmförderung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Filmförderungsanstalt (FFA) und dem Kuratorium junger deutscher Film getragen. Seit 2007 gibt es den Deutschen Filmförderfonds initiiert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der bis 2012 jährlich 60 Millionen Euro für die Finanzierung von deutschen Kinoproduktionen zur Verfügung stellt. Bis zum 30. Juni 2009 wurden bereits 221 Filme mit 136 Millionen gefördert. Zudem gibt es einige regionale Förderanstalten, deren Förderungen an den jeweiligen Standort gebunden sind. Zu diesen Einrichtungen zählen u.a. die Filmstiftung NRW, Medienboard Berlin-Brandenburg oder die Filmförderung Hamburg, die jeweils eigene Förderrichtlinien aufweisen.

Die FFA beispielsweise vergibt Förderungen an Spielfilme ab einer Länge von 79 Minuten nach zwei Prinzipien. Einerseits gibt es ein Referenzpunktesystem, dessen Punkte sich aus Zuschauerzahlen, Festivalpreisen und Prädikaten der Filmbewertungsstelle Wiesbaden errechnen. Die Förderung wird in diesem Fall quasi nachträglich vergeben. Auf der anderen Seite erlaubt eine selektive Förderung nach dem Projektprinzip Darlehen von 250.000 Euro bis hin zu 1 Mio. Euro. Dafür ist allerdings eine Eigenbeteiligung des Produzenten von mindestens 15% erforderlich. Gefördert werden auch Kurzfilme von maximal 15 Minuten, wenn er ein Prädikat von der Filmbewertungsstelle oder einen Preis erworben hat. Auch der mittellange Film zwischen 15 und 45 Minuten kann nach den gleichen Regularien gefördert werden, wenn es das erste Projekt dieser Länge ist, für das der Regisseur die Alleinverantwortung trägt.

Ebenfalls können Gelder durch die Auszeichnung mit dotierten Preisen auf Festivals erlangt werden. Für junge deutsche Filmemacher sind im Bereich Spielfilm die Berlinale (v.a. die Sektion Perspektive Deutsches Kino), der Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken, die Internationalen Hofer Filmtage oder das Filmfest Biberach einige der wichtigsten Wettbewerbsstätten. Für den Kurzfilm sind die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, das Filmfestival Münster, Interfilm Berlin oder das Internationale KurzFilmFestival Hamburg zu nennen. Wie in den meisten Ländern hat der Kurzfilm einen schweren Stand, taucht selten im Kino und nur in Programmnischen des Fernsehens auf und bleibt somit oftmals nur einem Festivalpublikum zugänglich. Ein Nachwuchsfilmemacher hat hingegen mit seinem Spielfilm gute Chancen, auf die Leinwand zu kommen. Dank engagierter kleiner Verleiher finden immer mehr junge deutsche Autorenfilme den Weg ins Kino, wenn auch oft mit wenig Kopien und kurzer Spieldauer.

Eine Ausbildung bringt Vorteile

Natürlich kann man einfach anfangen, Filme zu drehen und versuchen, sie auf Festivals einzureichen. Allerdings ist, wie in allen Berufen, eine Ausbildung definitiv von Vorteil. Die hiesigen großen Filmschulen wie die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, die Hamburg Media School, die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolff“ in Potsdam-Babelsberg, die Hochschule für Fernsehen und Film München, die Internationale Filmschule Köln, die Kunsthochschule für Medien Köln oder die Filmakademie Baden-Württemberg bieten nicht nur erforderliches Wissen und Equipment, sondern ermöglichen auch während der Ausbildung wichtige brancheninterne Kontakte.

Zahl der Kinostandorte in Deutschland ist rückläufig

Die Gesamtzahl deutscher Filme ist in den letzten Jahren stets gestiegen, und das Publikum nimmt diese an. Laut Angaben der FFA erzielten in Deutschland produzierte und koproduzierte Filme mit 16,3 Millionen Besuchern im ersten Halbjahr 2009 einen Marktanteil von 25,4 Prozent – nach dem Rekordergebnis im Vorjahr (33,9%) ist dies der zweithöchste Wert seit Beginn der Auswertungen der Filmförderungsanstalt (FFA). Danach sind im ersten Halbjahr 2009 insgesamt 262 Filme in den deutschen Kinos angelaufen, davon waren 105 deutsche Produktionen, 22 mehr als in den ersten sechs Monaten des Vorjahres. Die Zahl der Kinostandorte in Deutschland ist weiter rückläufig: Zum 30. Juni verringerte sich die Anzahl der Städte und Gemeinden mit mindestens einem Kino um 30 Ortschaften und sank mit 985 erstmals unter die 1.000er Grenze. Im selben Zeitraum ging auch die Zahl der Kinos in Deutschland auf 1.746 (Vorjahr 1.804) zurück. Bei den Schließungen handelte es sich im Wesentlichen um kleinere Spielstätten und Sonderformen.

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Fr, 29.01.2010 0

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