
Erster Mai – romantische Arbeitertradition oder Bollerwagenretro
Tanz, Kampf und Krawall am arbeitsfreihen Tag
Am Tag der Arbeit hat man frei. Das ist in vielen Ländern der Welt der Fall, auch in China oder Nordkorea. Der „Kampftag der Arbeiterbewegung“ wird aufrecht erhalten, egal ob als Massenparade zum Wohle des erhabenen Führers oder als Anlass für SPD-Politiker, mal wieder markige Reden zu halten.
In der Schweiz wird der Tag nur in einigen Gegenden gefeiert. Manches spricht sich dort halt langsamer herum. Papst Pius XII. erklärte den Tag zum katholischen Gedenktag „Josef des Arbeiters“.
Hierzulange gehen mehr ehemalige Arbeiter zur Kundgebung als derzeitige. Der Frühschoppen hat hier noch Tradition, wo man sich einen zwitschert und über alte Zeiten spricht. Für den jungen Menschen ist eher die Nacht vorher Anlass, taumelnd in den Mai zu tanzen und der Student erholt sich von der Arbeit am harten Brot des Bacholordaseins.
Der Markt als Ort der Kampfrede

Der Spiegel schrieb in seiner Ausgabe vom 8.8.1969: „…Aber der Mehrzahl der Staatsbürger dienen provokante Demonstrationen, die nicht selten von prominenten Soziologiestudenten wie Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit, Bernd Rabehl und Hans-Jürgen Krahl angeführt worden sind, nur als schockierende Stütze ihres Misstrauens gegen die Sozialwissenschaftler.“
Das Ruhrgebiet war die Domäne der Arbeiter und so traten alle SPD-Chefs am 1. Mai in Dortmund, Essen oder andernruhrnorts vor die Mikros. In diesem Jahr begnügt man sich mit der Vorsitzenden aus NRW, um vor das Wahlvolk zu treten und Bürgernähe zu demonstrieren.
Bollerwagen-Romantik
Männer ziehen mit ihren Bollerwagen um die Häuser. Angefüllt mit Flaschbier, wird arbeitsfrei die Arbeit gefeiert, ob man sie hat oder nicht. Wer sie nicht hat, muss den Kater am nächsten Tag nicht fürchten, denn es ist ein Arbeitstag und an manchem Ort der Arbeit werden Brummschädel durch Abtauchen geheilt.
„Ich war beim Tanz in den Mai“, gilt in einigen Landstrichen noch als ausreichende Entschuldigung, ähnlich der Karnevalsausschweifungen. Der Bollerwagen und vorneweg der Thomas und der Rainer. Die fünfjährige Susi sitzt im Wagen und erlebt zum ersten Mal in ihrem Leben wie ihr Vater Rainer zu einem anderen Wesen mutiert. Mutti trifft sich mit Anna zum Brunch. Die Männer haben sich einen zweiten Vatertag geschaffen und – egal wer spricht – die Getränkeausgabe, ob klein und privat als Boller-, oder groß und professionell als Bierwagen, ist primäres Ziel der Maiwanderer.
Maibowle und Maibaum

Meistens jedoch wird die billigste Miege wie Goldener Oktober (oder hat man den vom Markt genommen?) genutzt, Würfelzucker hinzugefügt, Waldmeistersirup oder Erdbeerzeugs untergerührt und das Ganze mit Faber Sekt veredelt. Juppheidi – und schon geht die Party ab in manch gut bürgerlicher Gastronomie. Man hat ja sonst noch kaum was an Tradition, die man mit Freude besaufen kann.
Und wenn man dann den Maibaum für eine Laterne hält, an der man sich festklammert, dann hat sich der freie Tag gelohnt. Und Mann kommt heim zu Mami und lebt. Bei den Germanen stand der Kultbaum in enger Verbindung mit der Erdmutter. Da schließt sich der Kreis.
Aber gibt’s das alles wirklich heute noch?
Wie auch immer, ich bekenne mich zur Konträrfaszination.
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