
Erste nationale Architekturbewegung der Türkei - Suche nach Formen
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erneuerte sich die Türkei grundlegend: 1922 wurde das Sultanat abgeschafft, 1923 die Republik gegründet. Nach drei Kriegen hatte Istanbul die angestammte Rolle als Metropole verloren, Hauptstadt wurde Ankara.
Städtebaulich hatte der Prozess der Verwestlichung schon 1839 mit der Proklamation des Tanzjamats begonnen, die später von Kemal Atatürk weiter geführt wurde.
Grund war der Einfluss der Industrialisierung mit ihren infrastrukturellen Anforderungen. Die traditionelle Gliederung der Stadt nach ethnisch-religiösen Kriterien löste sich auf. Der erste eigene Stil aber sollte mit der Republikgründung entwickelt werden.
Die erste nationale Architekturbewegung umschreibt den Prozess der nationalen Identitätsfindung der jungen Republik, allerdings ohne offenkundigen reformerischen Ansatz.
Mimar Kemalettin stand an der Spitze der Bewegung, seine Architektur wurde international bekannt. In Berlin hatte er Architektur studiert, 1948 wurde er Leiter des Baubüros des Ministeriums für religiöse Stiftungen. Der weitere wichtige Repräsentant der Zeit war Vedat Tak als Leiter der technischen Kommission. Beide begründeten den neuen türkischen Stil, der jedoch nicht lange währte.
Neuer Historismus
Gesucht wurde eine Synthese aus osmanischer Tradition, verbunden mit westlichen Stilelementen. Neu war etwa die farbige Gestaltung der Fassaden mit farbigen Kacheln, die bis dahin den Innenräumen vorbehalten waren.
Westliche Elemente wie spitze Bögen, kleine Säulenreihen, Kuppeln und Erker vermittelten den Eindruck barocker Architektur. Wohnhäuser erhielten offene Innenhöfe, eine Reminiszenz an traditionelle Karawansereien. Hinzu kamen Elemente der seldschukischen und osmanischen Architektur. Alles zusammen entwickelte sich jedoch nicht zu einem eigenständigen Stil.
Die als 'Harikzedegan' bekannte ehemalige Wohnanlage war die erste Siedlung des sozialen Wohnbauprogramms, erbaut von Mimar Kemalettin. Sie bestand aus vier Wohnblocks, die sechsstöckig mit insgesamt 124 Wohnungen ausgebaut wurden. Hinzu kamen mehrere Innenhöfe. Der Stil erinnert an den Neoklassizismus, aber die Siedlung war Zeichen der neuen politischen Kultur.
Mit ihr wurde mit einer wesentlichen Tradition gebrochen, dem Holzbau. Sie war war die erste Konstruktion aus Vollbeton. Errichtet wurde sie zwischen 1919 bis 1922 in der Altstadt Istanbuls. 80 Jahre später wurde das Wahrzeichen der Moderne in in Luxushotel umgebaut.
1927 endet die erste nationale Architekturbewegung, es folgte eine konsequente Abkehr vom ersten 'Historismus'.
Fortsetzung: Zweite nationale Architekturbewegung - Suche nach Werten
Weitere Links:
- Istanbul - Der Wandel einer Megastadt mit minimaler Stadtplanung
- Luna Park – oriental okzidental
- René Pollesch am Bosporus - total global
- Faust auf Türkisch!
- Türkish-Town gelungene Integration?
- Die Nordstadt - ein Porträt
- Arbeiten in Duisburg Bruckhausen - Professionalität mit Migrationshintergrund
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