Autor Marc Degens

Erst Sex, dann Drugs, aber dann Lehrer statt Rock'n'Roll

Mit dem „kaputten Knie Gottes“ humpelt Marc Degens unterhaltsam in den Bücherherbst

Der Abstieg beginnt auf Seite 182. Da erklärt sich Mark, der Ich-Erzähler, warum er dann doch noch vom freien Radikalen zum Lehrer wurde. Und das liest sich auch noch wie eine Presseerklärung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: „Ich genoss es, mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten, sie zu fördern und für eine Sache zu begeistern. Als Lehrer lernte ich ständig dazu und hatte viele Gestaltungsmöglichkeiten. Nur das schlechte Ansehen des Lehrerberufs in der Öffentlichkeit ging mir gewaltig auf die Nerven.“

Wäre es dieser erwartbare politisch korrekte Duktus, der den kompletten Roman „Das kaputte Knie Gottes“ von Marc Degens ausmacht, es wäre eine Schande. Aber zum Glück durchleben bis dahin der lebenshungrige Student Mark und die übrigen beiden Hauptakteure, die spätpubertierende Salonbolschewistin Lily sowie der bildhauende liebenswürdige Autist Dennis, allerlei abgefahrene Begebenheiten im weitläufigen Kosmos um die Bochumer Ruhr-Universität, wie sie sich jenen verschließen, die sich nicht trauen, ihre selbst gezogenen Grenzen der angepassten Mehrheitsgesellschaft zu überwinden.

Es wird gekifft, gesoffen und gevögelt

Aber schließlich wird auch Lily zur Unternehmensberaterin mit Halstuch und Business-Class-Etikette, zu deren Aufstieg sie die Brechtsche Gesellschaftskritik zwischendurch als Ballast über Bord geworfen hat. Bis dahin bewegt sich der Leser in der wunderbaren Illusion, dass es doch noch echte Punkrocker im Ruhrgebiet gibt. Es wird gekifft, gesoffen und gevögelt – frei von überflüssigen Zwängen. Lily treibt es erst mit Dennis zwischen dessen halbfertigen klobigen Betonskulpturen aus dem übergreifenden Thema „Körperteile“ (Hand, Fuß, Knie, Penis) im zugemüllten Wattenscheider Einraumapartement des entrückten Künstlers.

Mit Marc dann auf dem Sofa eines Frauenhauses in Gelsenkirchen - zwischen pornographischen Videoinstallationen, die sich in der boulevarderotischen Fernsehsendung von Lilo Wanders wiederfinden. Außerdem wird ein Betonmischer im Linienbus quer durchs Ruhrgebiet transportiert und mit Dennis´ HD-kranken Hund im Bus einer Werbefahrt nach Dänemark („In dem Preis enthalten waren sogar ein Handstaubsauger und ein halbes Hähnchen“) zu einer preiswerten Hüftoperation gefahren, für die sein Vater – ein Bierkutscher - zuvor sein Auto verkauft hatte. Der Hund erlebt die OP nicht, weil er zuvor von einem dänischen Grenzer erschossen wird. Überhaupt hatte sich Dennis den Hund (eigentlich zwei) nur angeschafft, damit dieser gegen den riesigen Vorrat an Hundefutter anfrisst, mit dem die Bude des Künstlers nach einer unerwarteten Gewinnspiel-Prämierung vollgestopft wurde.

Das Ruhrgebiet stößt die Unangepassten ab

 

So reiht sich eine herrlich surreale, doch aber gut vorstellbare Situation an die andere. Das liegt auch an Degens' flüssig pointierter Erzählweise. Dabei lässt er immer wieder realistische Randcharaktere auftreten, mit denen er seine Neben- und Statistenrollen auf der Bühne Ruhrgebiet besetzt hat. Da ist die koddrige Nachbarin von Dennis, die kein Verständnis für dessen unkonventionelle Lebensführung aufbringt und ihn deshalb fortlaufend piesackt. Oder der schmierige Anzeigenverkäufer einer Lokalzeitung, der über die Kunst im Frauenhaus schreibt, weil gerade kein Reporter zur Verfügung steht – und man die Kunst als solche ohnehin nicht wertschätzt.

Der Roman „Das kaputte Knie Gottes“ lässt sich als versteckte Parabel darauf lesen, warum die Kreativen, die Ausgeflippten und Unangepassten das Ruhrgebiet verlassen. Weil es sie abstößt wie Fremdkörper, die nicht gewollt sind. So wandeln sich die freien Radikalen entweder selbst, zu Lehrern (Mark) oder Düsseldorfer Unternehmensberatern (Lily). Oder sie hauen ab. So wie der enttäuschte Künstler Dennis, der seine Neurosen in Berlin schließlich auch als Teil der Bildhauerei inszeniert, aber im Rausch seiner größten Erfolge die lebenslange Freundschaft zu Mark vergeudet.

Pomp, Koks & hauptstädtische Verhältnisse

 

Berlin, wo Dennis und sein Besucher Mark sich wieder treffen, erscheint schließlich als glamouröser Sehnsuchtsort der Kreativen - als logische Entsprechung zum kulturfeindlichen Ruhrgebiet. Mit Pomp, Koks & hauptstädtischen Verhältnissen. Aber eben auch als ein Ort, wo Freundschaft wenig zählt. Anders als im Pott. Nach einem schillernden Drogenexzess mit Dennis in Mitte kehrt Mark ausgenüchtert dorthin zurück, wo er sich als Lehrer mit Frau und Kind niedergelassen hat - in Bochum-Stiepel.

„Wochenlang wälzten wir Kataloge, um einen passenden Abfallsammler für unsere Küche zu finden, wir freuten uns auf die Haushaltswochen nach Weihnachten und liefen durch Lampengeschäfte und Einrichtungshäuser wie durch Kunstmuseen.“ Und das, wo er zuvor noch „eine Zukunft als Schriftsteller in Betracht“ gezogen hatte, die wohl hätte anders aussehen sollen.

Ein aufgeweckt unterhaltsamer Ruhrgebietsroman

 

Marc Degens gelingt mit dem „kaputten Knie Gottes“ ein aufgeweckter unterhaltsamer Ruhrgebietsroman, der das Problem der Kreativen im Pott wunderbar anekdotisch verarbeitet. Dabei stützt sich der Autor auf sein Talent für Episoden und Kurzgeschichten, das im Ruhrgebiet (welches der Autor selbst längst verlassen hat) seinesgleichen sucht.

Aber dies ist eben auch die Schwäche seines Romans, der sich eher wie eine Kurzgeschichtensammlung liest; denn nur dünn scheint die zusammenhängende Dramaturgie des Romans durch. „Das kaputte Knie Gottes“ nährt aber die Hoffnung auf eine Ruhrgebietsliteratur, die sich endlich von den penetrant bedienten Malocherklischees löst und fernab von läppischen Regionalkrimis ein bislang unbestelltes Feld beackert.

 

Das kaputte Knie Gottes“, Marc Degens, Albrecht Knaus Verlag, 17,99 Euro

So, 18.09.2011 0

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Über den Autor

11.02.2010

Letzte Kommentare des Autors

Stadt

Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

Branche

Aktuelle Tweets

[DEBATE] Geistiges Eigentum monetarisieren - Debatte um die sozial gerechte Wissensgesellschaft hält an http://t.co/u56ZkORd #kulturzeit
[DEBATE] Creative Commons: eine mögliche Grundlage für ein zeitgemäßes Urheberrecht http://t.co/6xeDgKqu #kulturzeit
[DEBATE] Im Kulturkampf: Strukturwandel der Öffentlichkeit 2.0 http://t.co/pOcWhTI2 #kulturzeit
[DEBATE] Wert der Kreativität: Kulturinfarkt - Die Polemik war nötig Teil1 http://t.co/DwJcu4Y8 #kulturzeit