
Erdbeben per Hand
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Ein Interview mit Barbara Seiler, aufgezeichnet von Daniel Bickermann.
Wann hast Du beschlossen, Filmemacherin zu werden?
Ich habe sieben Jahre als Kultur-Journalistin für verschiedene Fernsehsender gearbeitet und viele kurze Beiträge realisiert. Die Arbeit war interessant und hat mich mit sehr interessanten Menschen zusammengebracht. Irgendwann hatte ich ganz viel Routine, aber filmisch konnte ich mich in dem Format nicht weiterentwickeln. 2004 habe ich meinen ersten langen Dokumentarfilm gemacht und dabei schnell gemerkt, dass zwischen Filme machen und Beiträge realisieren Welten liegen. Darum entschloss ich mich, Filmregie an der Zürcher Hochschule der Künste zu studieren.
Beschreibe doch bitte den Stellenwert und die Verbreitung des Kurzfilms in der Schweizer Filmszene.
Kurzfilme werden in der Schweiz vor allem in den Filmschulen gemacht. Die meisten verschwinden relativ schnell in den Archiven. Es gibt aber auch wunderbare Ausnahmen wie Irene Ledermanns SCHONZEIT, der gerade den Max Ophüls-Preis gewonnen hat, oder Reto Caffis AUF DER STRECKE, der letztes Jahr den Studenten-Oscar gewonnen hat. Ich denke, Kurzfilme sind eine wunderbare Möglichkeit, sich auszuprobieren, Experimente zu machen und bestenfalls eine Visitenkarte für größere Projekte.
Wie kam es zu der Idee des tödlichen Scrabble-Spiels?
Ich wollte im ersten Jahr meines Studiums unbedingt einen fiktiven Kurzfilm drehen. Leider hatten wir soviel Theorie zu bewältigen, dass für die Praxis wenig Zeit übrig blieb. Ein Drehbuch selber zu schreiben kam deshalb nicht in Frage. Ich las die Kurzgeschichte "Death by Scrabble" von Charlie Fish im Internet und sah beim Lesen sofort Bilder. Charlie Fish hat einer Adaption per Mail zugestimmt. Übrigens gibt es im Internet auf YouTube diverse Verfilmungen der Story. Eine Comic-Verfilmung des Stoffes gefällt mir ganz besonders: DEATH BY SCRABBLE von Slurpy Studios. Katie Steed, die den Film realisiert hat, habe ich lustigerweise später auf einem Filmfestival in Istanbul getroffen, wo mein Abschlussfilm TANZ INS GLÜCK lief.
Der gesamte Look des Films ist symbolisch-antirealistisch: Von der Wahl von Schwarzweiß bis zur prototypischen Einrichtung und dem expressionistischen Spiel der Darsteller. Der Film wirkt gleichnishaft oder wie absurdes Theater. Was waren die Überlegungen hinter Kamera- und Schauspielkonzept?
Ich bin sehr beeinflusst vom Theater. Ich mag z.B. die Regiearbeiten von Christoph Marthaler. Seine Figuren haben ja eigentlich nie eine Geschichte, sie sind hineingeworfen in einen Raum, in eine unbestimmte Zeit. Mir gefällt immer, wenn Figuren komische Sachen machen, zum Beispiel unvermittelt anfangen zu singen oder zu tanzen oder gegen die Wand zu laufen. Ganz generell mag ich Spiele, auch das Spiel mit dem Medium Film. Bei DEATH BY SCRABBLE ist es ja ein Spiel im Spiel, das sich verselbständigt und zum Tod führt. Es war von Anfang an klar, dass man das nicht realistisch darstellen kann, ohne dass es unglaubwürdig wirkt. Darum haben wir vom Look und vom Spiel her versucht, eine künstliche Ebene zu kreieren. Der Film ist nicht in einer bestimmten Zeit verankert. Das Wohnzimmer, das als Kulisse erkennbar ist, hat einen vierziger/fünfziger Jahre Look. Die Musik ist eher siebziger Jahre. Die Figuren könnten genauso gut heute leben. Die Schwarzweiß-Optik hat fast was Stummfilmhaftes. Eigentlich wollte ich noch einen Schritt weiter gehen und ein „Spiel im Spiel im Spiel“ kreieren.
Wie hast Du die Schauspieler und die Crew des Films ausgesucht und wie verlief die Zusammenarbeit?
Valerie Cuenod, die die Frau spielt, kannte ich von Theaterimprovisationen. Wir haben uns bei den Impros immer über ihr Lachen lustig gemacht, das ist mir dann bei den Vorbereitungen zum Film wieder eingefallen. Die Figur ist ja ziemlich teuflisch, und das Lachen von Valerie, fand ich, passt da perfekt. Venus Madrid habe ich über eine Schauspieler-Website gefunden. Die Maskenbildnerin Fabienne Eisenegger hat ihn dann extra weiß geschminkt, so dass er weichlich wirkt und fast babyhaft. Mit Christine Munz, der Kamerafrau, habe ich schon oft zusammengearbeitet. Wir haben zusammen das Storyboard entworfen. Die große Herausforderung war, in unserem kleinen Studio ein Erdbeben zu basteln. Christine hatte dann die Idee, Tisch und Stühle auf dem Teppich auf eine Platte zu stellen, unter der wir Tennisbälle platzierten. Die ganze Crew musste dann die Platte mit Tisch, Stuhl und den Schauspielern versteckt per Hand schütteln. Das war ziemlich lustig.
Die Crew bestand vor allem aus Studenten und Freunden. Michi Imboden, der jetzt Produktionsassistent bei Triluna ist, hat die Produktionsleitung übernommen, sein Kollege Simon Liniger, war für den Ton zuständig, Brian Burman, mit dem ich schon im Fernsehen viel zusammengearbeitet habe, hat geschnitten und die Musik komponiert, usw. Es war mein erster fiktiver Kurzfilm, und ich hatte ziemliche Angst davor, mit so einer großen Crew zu arbeiten. Aber alle haben alles gemacht.
Es gibt ja verschiedene Stimmungs-Umschwünge im Film: Einmal von der anfänglichen Langeweile zu einer Thriller-Atmosphäre; aber auch die Mordphantasien des Ehemanns stechen heraus. Kannst Du etwas über die Auswahl der Musik im ersten Fall und der Handkamera im zweiten Fall sagen, in welchem Produktionsschritt diese Entscheidungen zum Beispiel gefallen sind?
Brian Burman, der die Musik komponiert hat, hat den Film auch geschnitten. Das war eine für ihn stressige, für den Film aber gute Kombination. Wir haben während des Schnitts darüber gesprochen, was für eine Art Musik passen könnte. Für die Frau wollten wir als Thema so eine Art Liftmusik, die ein bisschen billig klingt und gute Laune macht. Das Tempo wird dann nach und nach schneller und die Musik bedrohlicher, bis im Erdbeben dann alles durcheinander geht. Brian hat die Musik in nur zwei Wochen komponiert und angelegt.
Die Mordphantasien hatte ich schon beim Drehbuchschreiben im Sinn. Der Film arbeitet ja komplett ohne gesprochene Dialoge. Darum wollte ich, dass relativ schnell klar wird, dass der Mann zwar von außen weichlich und nett wirkt, aber in seinem Inneren ein ganz anderer Film läuft. Die Phantasien sind aus seinem Point of View gefilmt, damit sie sich klar von der Handlung absetzen, haben wir eine andere Filmsprache gesucht, darum die Handkamera.
Kannst Du etwas von der Rezeption des Films erzählen? Wie und wo wurde er in der Schweiz gezeigt oder ausgestrahlt? Und wie waren die Reaktionen?
In der Schweiz lief er außerhalb der Schule nur auf zwei kleinen Festivals, in Deutschland wurde er auf diversen Kurzfilmfestivals gezeigt und dann noch in Tschechien, Polen, England, den USA und auf einem Schwarzweiß-Filmfestival in Portugal. Die Reaktionen gingen von "Ich kann mit dem Film nichts anfangen" über "Interessant" bis "Wow, das ist Kult". Ersteres kam übrigens von meinem Professor…
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