
Emscher – Kunst an der Köttelbecke
- Serie: Kunst
Wieder ein Großprojekt aus der Abteilung Karl-Heinz Petzinka: Emscherkunst 2010. Die Eröffnung fand im Gelsenkirchener Nordstern-Park statt, an den Ufern von Emscher und Kanal. Früher hätte man „Nordstern“ nicht in Verbindung mit Park gedacht. Es war eine Zeche und auf dem großen Vorplatz zum Förderturm wartete ein Schachtzeichen vergeblich aufs Auflassen.
"Emscherkunst" ist zu erkunden, ist nicht einfach mal zu sehen.
Wandel erwandern
„Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ – wie oft hat man diese Formel in den letzten Jahren und Monaten bemüht. In diesem Projekt wird sie überdeutlich. Mein Auto stand gefühlte 20 Kilometer entfernt "nahe" dem Gelände der egemaligen Zeche Nordstern. Es ist eine Wanderung über ein Gelände, das man als Ortsfremder hier nicht erwartet. Weitläufige Grüngestaltung, zahlreiche Brücken, eine Halde, die es zu erkraxeln gilt. Ein Amphitheater, Wiesen mit orangefarbenen Liegestühlen, das Informationszentrum für Emscherkunst2010, das über eine Brücke erreicht wird, von dem aus man seine Erkundung starten kann. Ich frage, welche Werke man denn zu Fuß erreichen könne. Ein Lächeln war die Antwort.
Es gibt geführte Fahrradtouren, Fahrradverleih, Fahrradempfehlungen, Inseltouren mit dem Rad, Inseltouren mit dem Schiff. Die Ausstellung zieht sich quer durch das gesamte Revier. Vielleicht gibt es Abenteurer, die dafür ihren Urlaub nutzen, aber man kann es auch auf Wochenenden aufteilen. Bis zum 5. September hat man Zeit, die Standorte der einzelnen Kunstwerke zu besichtigen.
Verführung zur Landschaftssichtung
Aber welches Kunstwerk ist eins, welches gehört dazu, welches ordnet man dem Gelände zu? Eigentlich ist das nicht das Wichtigste, denn manches kommt unverhofft und integriert in die Landschaft, andere Werke sind deutliche Eingriffe wie das Projekt „Between the Waters“, das man vom Schiff aus sehen kann oder eben per besagter Wanderung mit oder ohne Drahtesel. Auf einem kleinen Platz begegnet man dem „Walking House“, einem Gebilde, dass eher an eine Lostrommel als an ein Haus erinnert und das sich roboterhaft, aber in Schneckenmanier hin und wieder vorwärts bewegt. „Warten auf Wasser“ kann man in keinen Boxen, kann man aber auch, indem man in Senken schaut, die aussehen, als würde plötzlich ein großer Wasserschwall einfallen und einen neuen Fluss generieren. Die Brücken aus Stahl wirken nicht wie aus dem Büro irgend einer Bauplanung, sondern eben wie Ergebnisse künstlerische Prozesse.
Tritratrulala Spekulanten
Und – als gehöre es zu einem Familienfest in einem Park – steht da ein Kasperletheater am Wegesrand und es gibt auch entsprechende Figuren; dennoch ist es nicht so, wie man es zu kennen glaubt, das traditionelle Spiel mit den Handpuppen. Der Münchner Bildhauer Stephan Huber entwarf die Idee und „Drei Kasperlestücke für das Ruhrgebiet“. Man findet die mobile Bühne auf der Emscherinsel und im gesamten Ruhrgebiet. Die Stücke dauern ca. zehn Minuten. Vor grauen wechselnden Prospekten zeigen bunte Puppen Stücke wie „Kasperl braucht Geld“ oder „Kasperl wird Galerist“. Das sind Stücke, die der Screw-Ball-Comedy angelehnt sind. Huber kann sich auf die Tingel-Erfahrung der drei Umsetzer der Kasperliaden,Veronika Maruhn, Knut Gambusch und Wolf Frank verlassen.
Schiff ahoi!
Nutzt man die kurzen Schiffserkunden über den Kanal, was zu empfehlen ist, verbindet sich Emscherkunst mit Kanalkunst, wenn man so will. Entlang eines Uferteils stehen die Graffiti-Wände, stößt man auf einen Hinweis „Sorgfalt“ oder sieht Menschen, die auf ihren Decken liegen, als seien sie für diesen Anlass hinzugefügte menschliche Skulpturen. Dabei spielt und singt die Akkordeonistin an Bord Seemannslieder. Das hat diese sonderbare Ruhrgebietsskurrilität, die ein Gesamtkunstwerk ist.
Nordstern am Himmelstor
Foto: Kanalschifffahrt mit Seemannsbraut
Die Zeche Nordstern, in die ich – zusammen mit WDR-Redakteuren – zum ersten Mal in meinem Leben eingefahren bin, kurz bevor sie endgültig geschlossen wurde. Es galt einer Recherche für ein Hörspiel und danach war mir klar, es gibt nichts Romantisches an diesem Job. Dreckig, feucht, hart und tief war es.
1997 fand hier auf dem Gelände die Bundesgartenschau statt, damals fast unvorstellbar. Am 19. April öffnete die BUGA Gelsenkirchen für 170 Tage ihre Tore. Nun ist Park Normalität.
Er wird ganzjährig als Naherholungsgebiet von den Bewohnern Gelsenkirchens, Essens, aber auch Bottrops und näherer Umgebung genutzt. Die jetzige Umgebung des Areals erscheint als ein außergewöhnliches Wohngebiet. Man wohnt jetzt nicht mehr an der Zeche, sondern an einem Park, an einem Fluss. Ich weiß nicht, ob der günstige Wohnraum hier noch Platz findet.
Strukturwandel – Emscher goes Wellness
Die Emscher galt als stinkender Rinnsal, der alle Abwässer des Reviers aufnahm. Die Renaturisierung hat längst begonnen, braucht aber sicher noch Zeit. Hier bemerkt man noch deutlich, dass die Welness-Zeit des Flusses noch nicht erreicht ist. Eines Tages soll dieses Flüsschen klar sein wir ein Felsquell. Erst verschwand der Geruch der harten Arbeit, man arbeitet am Verschwinden des öffentlich fließenden Verdauungsstroms. Man kann also den Strukturwandel mit der Nase verfolgen. Wo gibt’s denn sowas? Ahoi!
>>> Channel: EMSCHERKUNST.2010 <<<
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Hört sich gut an. Ich glaub da will ich mal hin.