Eintagsfliege mit Zukunftsperspektiven

Gespräch mit Herrn Orm/ Projekt:Abrissbagger

Mit dem Projekt:Abrissbagger holte der Recklinghäuser Künstler Herr Orm mit Unterstützung des Kulturvereins Altstadtschmiede Künstler aus der Umgebung zusammen, um ein Abrisshaus mit ihren unterschiedlichen Arbeiten zu gestalten und für genau einen Tag in einen Ausstellungsort zu verwandeln. Die Aktion wurde zum Erfolg, am Stichtag kamen zahlreiche Interessierte von neugierigen Anwohnern bis zu Kunstfans und Insidern. 2010LAB war auch dort, traf den Organisator Herr Orm und sprach mit ihm über das Projekt, die Szene und die Zukunft im Ruhrgebiet.

Bist Du zufrieden mit der Aktion?
Herr Orm: Ja, es ist bis jetzt ein voller Erfolg. Mit so vielen Leuten habe ich nicht gerechnet, es ist wahrscheinlich eine Mischung von Leuten, die wegen der Kunst hier sind, und Leuten, die einfach das außergewöhnliche Ding sehen wollten.

Glaubst Du, dass die Einmaligkeit der Sache zum Erfolg beiträgt?
Ja, durchaus. Dass es Wegweiser und keine genaue Adresse gibt, dass es kein Künstler-Line-Up gibt und man nicht weiss, wer hier ausstellt, und dass diese Ausstellung eine „Eintagsfliege“ ist und es nur eine Chance gibt, das zu besichtigen bevor das Haus tatsächlich abgerissen wird, das sind drei Punkte, die den Erfolg hier heute gefördert haben.

Dass die Sachen danach zerstört werden, wertet sie auch auf …
… ja, das ist auch das Schöne zum Beispiel an den Graffiti-Arbeiten: dass man die Sachen nicht mitnehmen kann, sondern genau weiß, ich guck mir das an, aber es wird dann auf jeden Fall vernichtet und ist wirklich nur für den einen Tag heute gemacht worden. Das fasziniert dann vielleicht auch die Leute.

Wie bist Du auf die Auswahl der Künstler gekommen?
Einerseits hab ich versucht, alle Altersgruppen hier zu beteiligen – wir haben Leute von 16 bis 36 dabei. Außerdem habe ich die Leute nicht nach Qualität ausgesucht, sondern nach sozialer Verträglichkeit. Ich wollte Leute, die sich benehmen können und die selber Verantwortung zeigen. Das Buffet und die Wegweiser zum Beispiel haben die Leute selbstständig organisiert, das ist alles aus Eigeninitiative entstanden.

 

Meinst Du, dass diese Aktion einen Effekt haben wird und zur Entwicklung der hiesigen Kunstszene beiträgt?
Das ist schwer zu sagen. In erster Linie hoffe ich, dass dadurch die Akzeptanz von Graffiti gefördert wird und das vorgefertigte Bild davon verändern wird. Die Leute sollen hier auch sehen, dass es eben nicht nur Schmiererei ist. Aber inwieweit das jetzt weitere Folgen haben wird, kann ich nicht einschätzen.

Wie ist die Sache denn zustande gekommen, war es ein einfacher Entstehungsprozess oder gab es viele Hindernisse zu überwinden?
Ich habe mit dem Klaus Iwannek von der Altstadtschmiede gesprochen, das ist ein Verein der städtisch unterstützt wird. Klaus plante eine Aktion für "REspect4You", das ist ein Projekt der Altstadtschmiede, der Ruhrfestspiele, des städtischen Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie, sowie des Instituts für Kulturarbeit. Ich habe dann diese Idee mit dem Haus vorgeschlagen und wir waren uns schnell einig, damit genau den Nerv zu treffen. Die Altstadtschmiede hat es dann glücklicherweise sehr schnell geschafft, ein Haus zu organisieren.
Ich hatte das vorher seit einem halben Jahr auf eigene Faust versucht, da haben viele Sachen nicht geklappt, aber der Klaus hat das ganz unproblematisch und schnell organisiert. Dafür bin ich auch sehr dankbar, weil eben viele Sachen im Vorfeld abgeschmettert wurden. Man braucht das Gewicht so einer Institution wie der Altstadtschmiede im Rücken, sonst kommt man nicht weit.

Wie schätzt Du den Status von Kultur und Off-Kultur hier im Ruhrgebiet ein, gerade auch im Bezug auf die Kulturhauptstadt?
Hier gibt es jede Menge Potential, das sieht man hier auch wieder. Auch was die Zuschauer angeht, viele Leute wollen das sehen. Es ist natürlich immer mit einem Risiko verbunden, jemandem den Schlüssel für ein Haus in die Hand zu drücken. Aber ich denke, hiermit haben wir einen ganz guten Weg geebnet. Ob solche Aktionen weiterhin zustande kommen hängt davon ab, ob die Leute auch in Zukunft aufgeschlossen sind.

Das Kulturhauptstadtjahr ist fast vorbei – würdest Du sagen, dass dadurch mehr Bewegung in die Kulturszene gekommen ist?
Zunächst möchte ich sagen: Das hier hat natürlich gar nichts mit 2010 zu tun, das hätte auch in jedem anderen Jahr stattgefunden. Generell glaube ich, dass die Leute dieses Jahr mehr auf Ausstellungen waren und viele diesbezüglich ihre Hemmungen verloren haben. Sie merken jetzt, dass es nicht nur alles verstaubte Museumskunst ist, und haben dadurch auch mehr Interesse an Kunst. Das vermute ich jedenfalls, nach dem was hier heute los ist.

Wie ist deine Prognose für das Ruhrgebiet? Wächst es zusammen, geht es voran?
Solche Projekte wie das hier fördern auf jeden Fall die Zusammenarbeit. Hier haben sich jetzt auch wieder einige Leute aus unterschiedlichen Städten und Bereichen kennen gelernt. Ich bringe hier alle möglichen Leute zusammen und es freut mich, dass hier soviel Netzwerkarbeit passiert, das zu sehen macht ja auch Spaß. Ich glaube, da tut sich auf jeden Fall einiges momentan und in der Zukunft.

Wie sieht es mit der Zukunft von Projekt:Abrissbagger aus?
Ich würde das gern wiederholen. Je größer die Immobilie ist umso besser, dann kann man mehr Leute einbeziehen. Nächstes mal etwas mit Strom und Wasser wäre schön, und ein relativ zentraler Standort. Die Stadt spielt eigentlich keine Rolle.



Fotos: Sven Stienen



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So, 14.11.2010 0

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19.01.2010

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