
Einmal mit alles, bitte!
Migranten im Kulturbetrieb und was damit eigentlich gemeint ist
Letzten Dienstag in Nordrhein-Westfalen: Allerheiligen, arbeitsfrei, Traumwetter. Die Parks und Wälder sind voller Menschen, aber auch die Innenstädte und mit Ihnen die Kulturtempel. Im Cafė des Wuppertaler von-der-Heydt-Museums sind am Nachmittag alle Tische besetzt. Gut und gern 50 Kaffeetrinkerinnen und Kuchenesser jeden Alters – aber nicht jeder Herkunft.
Unter dem halben Hundert offensichtlicher Kunstfreunde, auf deren Tischen sich Kataloge, Eintritts- und einschlägige Postkarten stapeln, ist nicht eine Migrantin, nicht ein Migrant. Obwohl man sie sehen kann – hinterm Fenster: Menschen süd- und osteuropäischer, arabischer, afrikanischer, asiatischer Herkunft ziehen allein, zu zweit, in Gruppen und Familien an der Museumsfront vorbei durch die Wuppertaler City. Kein Wunder: Der Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund (ja, blödes Wort! Erklärung später) liegt über 20 Prozent. Allein an der hiesigen Universität gibt es unter den insgesamt 16.000 eingeschriebenen Studenten 2100 künftige Akademiker mit einem fremden Pass; die mit einem deutschem, aber nichtdeutscher Herkunft werden gar nicht erst gezählt. Doch von diesen wie jenen ist hier im Café keiner zu sehen, bis auf - Achtung: Klischee! - der Kellnerin.
Am von-der-Heydt-Museum selbst kann das alles kaum liegen: Die aktuelle Ausstellung des Impressionisten Alfred Sisley (ein Engländer, der in Frankreich lebte) wurde im In- und Ausland hochgelobt. Und die museumspädagogische Abteilung des Hauses hat es mit ihren Interkultur-Projekten sogar jüngst wieder in die Medien geschafft. Bloß der Migrant, das rätselhafte Wesen, tut da offenbar irgendwie nicht mit - zumindest nicht so, wie er soll.
Wer wie was, der die das ...
Der Migrant - und, ja, natürlich: die Migrantin - über wen reden wir da eigentlich? "Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund besteht aus den seit 1950 nach Deutschland Zugewanderten und deren Nachkommen. Ihre Zahl belief sich 2010 auf rund 15,7 Millionen Menschen, davon hatten rund 8,6 Millionen einen deutschen Pass", schrieb das dafür maßgebliche Statistische Bundesamt vor ein paar Wochen. Mit anderen Worten: etwa 20 Prozent der Einwohner Deutschlands haben einen Migrationshintergrund (der Autor dieser Zeilen damit offiziell nicht, die Großeltern kamen zu früh). Von diesem Fünftel aller Einwohner sind wiederum deutlich weniger als die Hälfte im klassischen Sinne "Ausländer", sprich: ohne deutschen Pass. In NRW liegt der Migranten-Anteil mit beinahe 24 Prozent etwas höher als im Durchschnitt der Republik. Und in den Ballungszentren ballt es sich dann tatsächlich: Einzelne Viertel warten mit bis zu 70 Prozent Einwohnern nichtdeutscher Herkunft auf; in so mancher Grundschule gibt es auch schon mal rein migrantische Klassen.
Szene-Mobilität vs. Gesellschaftliche Realität
Wenn Kunst und Kultur wie stets behauptet ein Spiegel der und Reflektion über Gesellschaft wären - also auch ein Abbild ihrer "Kulturen" –, dann müssten die Zugewanderten konsequenterweise ein relevanter Teil dessen sein. Das wäre der Schritt von der Leitkultur einer Mehrheitsgesellschaft zur Interkultur oder Transkultur eines Einwanderungslandes: Migranten als Kunst Schaffende, Ermöglichende, Restaurierende, und natürlich auch im Publikum. Da wie dort sind sie aber nicht – jeder kann das sehen!
Allerdings nicht immer auf den ersten Blick: Tanzcompagnien und Opernensembles mit ihrem Nationengemisch wie in der UNO sind zu einer regelrechten Verkörperung von Globalisierung in der Kultur geworden. In der klassischen Musik kursiert sogar heimlich das Wort von der "Nicht-Asiaten-Quote": vor allem Koreaner sollen für das Singen angeblich ähnlich von der Natur begünstigt sein wie Ostafrikaner für den Dauerlauf – dementsprechend stark sind sie auf den Bühnen der Welt vertreten. Aber es geht um mehr als die reine Zahl von Ausländern in der Kunstszene. Es geht darum, ob eine Gesellschaft sich in ihrem Kulturbetrieb spiegelt. Und während in einigen Branchen zumindest der äußere Anschein angenehm offen lässt, in welchem Land der Erde man gerade wohl ist, verleitet schon der Blick auf die nächste Sprechbühne einen auf die Idee, dass es zumindest in dem hier vielleicht gar keine Zuwanderer gibt. Oder bloß welche aus Österreich, der Schweiz und den Beneluxländern. Dass aber beispielsweise ein Viertel der Schauspielerinnen und Schauspieler im Lande eine migrantische Herkunft analog zur Gesamtbevölkerung hätte (siehe Grafik), wird nun niemand ernstlich behaupten. Bei Dramaturgen, Intendanten, Regisseuren ist es nicht anders, nur eben weniger sichtbar. Umso mehr fällt es dann wieder im Publikum auf, und vielleicht hat das eine ja mit dem anderen zu tun. Vielleicht aber auch nicht …
(aus: "Lebenswelten & Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland & NRW“, 2009)
Fifty-fifty: Die Zweiklassengesellschaft der Kultur
Noch mal Zahlen: Fünf Prozent der Menschen in Deutschland sind das, was man "Kulturkenner" nennen könnte. Sie nehmen regelmäßig bis täglich am kulturellen Leben teil, besuchen Konzerte, Theater, Museen, lesen, gehen ins Kino. Weitere 15 Prozent gelten als "kulturinteressiert" und gucken oder hören sich öfter als nur ein Mal im Jahr irgendwas an. 25 Prozent schließlich sind "Gelegenheitsnutzer". Das ist die Faustregel der Publikumsrealität, für Oper wie Sprechtheater, Museum wie Bibliothek ... und für Kino, Popkonzert und Musical. Die anderen 50 Prozent bleiben einfach draußen. Die Gründe dafür sind vielfältig, sagen die Soziologen: mentale Hemmschwellen ("Kultur ist elitär") wie soziale, oft werden auch finanzielle und zeitliche Hürden genannt. In dieser Gruppe sind die Zuwanderer deutlich überrepräsentiert. Die Enquete-Kommission für Kunst und Kultur in Deutschland schrieb in ihrem Abschlussbericht 2007: "In der Publikumsstruktur spiegelt sich Migration so gut wie gar nicht wider. Dies hat sicherlich zu einem ganz erheblichen Ausmaß mit Bildungsvoraussetzungen, Schwellenängsten und Fremdheit, aber auch mit nicht vorhandenem Interesse zu tun. Andererseits jedoch haben sich die bestehenden Kulturbetriebe und Förderstrukturen bisher kaum auf eine interkulturelle Öffnung besonnen".
Wer will hier eigentlich was (erreichen)?
Da ist in den Jahren seither allerdings einiges in Bewegung geraten. Die Politik hat Integrationspakte und -pläne mit zumindest interkulturellen Anteilen beschlossen und dafür Gelder bewilligt. Viele Institutionen des Kulturbetriebes unternehmen eigene Anstrengungen auf diesem Gebiet, das alles hat zu einigen respektablen "Leuchttürmen" geführt. Nur drei Beispiele, stellvertretend: das Festival der Kulturen MELEZ, die gefeierte Kooperation der Ruhrtriennale mit dem Berliner Postmigrantentheater Ballhaus Naunynstraße bei Nurkan Erpulats Stück "Verrücktes Blut" oder – zurück nach Wuppertal – Sprachkurse im Museum, in denen Zuwanderer lernen, von ihnen fotografierte Motive des hiesigen Alltags auf deutsch zu beschreiben. Trotzdem: Der erste Satz aus dem Urteil der Enquete-Kommission hat bis heute Gültigkeit: "In der Publikumsstruktur spiegelt sich Migration so gut wie gar nicht wider." Fühlen sich die Zuwanderer nur nicht angesprochen von den gut gemeinten und oft ja auch gut gemachten Angeboten? Oder wollen sie sich zwar möglichst in Bildungssystem und Wirtschaftsleben integrieren (lassen), aber deshalb nicht auch gleich in den Kulturkanon der westlichen Welt im Allgemeinen und Mitteleuropas im Speziellen? Und, um diesen beiden sowieso schon schwierigen Fragen noch eine dritte, die vielleicht schwierigste, hinzuzufügen: Wie "integriert" ist die nichtmigrantische Mehrheitsgesellschaft eigentlich in die neuen Rahmenbedingungen aus einem Viertel neuer "Nachbarn" mit eigenen/anderen kulturellen Wurzeln und vor dem Hintergrund einer globalisierten Gesellschaft im Informationszeitalter?
Mal gucken, wo das hinführt …
Fragen, die auch der wissenschaftlichen Untersuchung bedürften. Es gibt aber nicht mal eine Handvoll wirklich aussagekräftiger Studien zum Thema, mit Blick auf den Kulturbetrieb ist die Datenlage besonders dünn. Zudem ist der Gegenstand so komplex und diffizil, dass jedes Wort sorgsam gewogen werden will: Künstler und Kulturmanager, Politiker und das heterogene Publikum, alle haben Interessen, verfolgen Ziele, machen auch Fehler. Und natürlich hat jede und jeder einzelne einen oder keinen eigenen Migrationshintergrund (neuerdings gern "Vibrationshintergrund", nach einer schönen Kurzgeschichte des Kölner Autors Selim Özdogan); beziehungsweise viele Freunde, die einen oder keinen haben. Also sind wir alle irgendwie Experten und haben im Zweifel: Recht.
Wissen kann aber ja nie schaden, deshalb werden wir in den nächsten Wochen ein paar Ausflüge unternehmen: in Theater und Museen, in Bibliotheken und Kulturzentren, zu Künstlern und Kunstnutzern, vielleicht auch ins Ausland, zumindest mal gucken. Wie es sich so verhält mit den Zuwanderern in der Kultur, mit den Dagebliebenen in einer trotzdem neuen Nachbarschaft, und warum das alles so ist, soweit man das sagen kann. Alfred Sisley und dem von-der-Heydt-Museum in Wuppertal wird das wohl nicht gleich mehr Besucher mit Migrationshintergrund bringen. Obwohl: Es lohnt sich …
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