Eine Zehntelsekunde Glück

Von Marieke Steinhoff. Ein kurzer Moment, und das Leben des kleinen Frank ist nicht mehr dasselbe: Aufgrund eines Fahrradunfalls verliert er die Fähigkeit, die Welt in bewegten Bildern wahrzunehmen; was vorher in Bewegung war ist nun erstarrt zu fünf Sekunden langen Standbildern. Kein Fußball mehr, nie wieder Fahrrad fahren oder dem Flug eines Papierfliegers zusehen – Frank verliert eine ganze Welt und macht sich von nun an auf die Suche nach einer neuen Ordnung, um die Kontrolle über sein Tun wiederzuerlangen. Hilfe findet er bei der gleichaltrigen Maria, die seine Leidenschaft fürs Schachspielen weckt und ihm seinen ersten – und einzigen – Kuss schenkt, „a kiss of 1/10 of a second”. Beides, die Liebe zum Schach und die unausgesprochene Liebe zu Maria, schafft Frank eine neue Ordnung, anhand derer er sich in den folgenden Jahren orientiert. Bis ein zweiter Unfall Franks kurzes Leben jäh beendet…

Zwei Unfälle und dazwischen etwas mehr als zehn Minuten Lebenszeit – 5 SEGUNDOS beginnt und endet mit dem Tod und erzählt kurzmöglichst von den großen Momenten im Leben, von der Flüchtigkeit des Glücks und von Entscheidungen, die alles ändern können. Durch den gezielten Einsatz der subjektiven Kamera, dem Wechsel von bewegten Bildern zu Standbildern gelingt dem Regisseur Jean François Rouzé eine maximale Einfühlung in seinen bewegungsblinden Helden, in die Hilflosigkeit eines Kindes, das die Welt neu erlernen muss.

Darüber hinaus ermöglicht die visuelle Umsetzung von Franks Sehstörung auch eine spielerische Reflexion der Grundprinzipien filmischen Erzählens – durch die kontinuierliche Unterbrechung des Bilderflusses wird zum einen die Illusion der Bewegung im Film dekonstruiert, zum anderen die Subjektivität des Zeitempfindens thematisiert, wenn die Standbilder mal beschleunigt, mal verlangsamt werden und so den emotionalen Zustand ihres Erzeugers visualisieren. „I wanted to get some order back, to control my world”, erklärt Frank zu Beginn des Films; am Ende entscheidet er sich gegen die Kontrolle und für die Flüchtigkeit des kurzen Glücks, welches außerhalb jeglicher Ordnung steht – atemlos aneinander gereihte Standbilder prägen die letzten Filmminuten und erstarren im Augenblick des Unfalls zu jenem Standbild, mit dem 5 SEGUNDOS auch beginnt: ein fliegender Schuh vor blauem Himmel, Bewegung und Stillstand in einem.

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Mo, 23.08.2010 0

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29.01.2010

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