
Eine Nacht in Bochum - Mitternachts-Flohmarkt in Ehrenfeld
- Serie: Ökonomie
„Vom Dachboden nach Unter Tage“ zog es vergangenen Freitag die Population von Bochum Ehrenfeld. Das Viertel lud alle zum Flohmarkt in der U-Bahnstation Schauspielhaus und zum Mitternachts-Shopping in vielen der kleinen, feinen Läden ein. Ich war natürlich auch da, schließlich darf man es sich nicht entgehen lassen, wenn mal was Cooles vor der Haustür passiert. Ein Erlebnisbericht.
Berlin in Bochum?
Als ich gegen 21 Uhr den vertrauten Weg durchs Bermuda und unter der Brücke durch Richtung Schauspielhaus hetze, staune ich nicht schlecht: Es ist rappelvoll, wo man hinsieht interessierte, interessante und vor allem gut gelaunte Menschen, ein bisschen (alternative) Straßenfeststimmung kommt da trotz des Regens auf. Wenn es hier immer so wäre, bräuchte keiner mehr nach Berlin. Die Frage, die mir als erstes durch den Kopf schießt: Wo sind alle diese interessanten, trendigen, gutaussehenden Leute sonst, wenn man durch die Bochumer City schlendert oder im 'Nachtleben' unterwegs ist?

Ein Flohmarkt und die Höhle des Salonlöwen
Erster Stopp in der U-Bahnstation, wo es Getränke, Liveprogramm und einen Flohmarkt der Anwohner gibt. Ja, einen richtigen Flohmarkt, nicht so eine fade Veranstaltung, wo dubiose Händler einem Batterien, DVDs oder gefakete Playstations verkaufen wollen. Also eine fritz kola gestürzt und auf zum Rundgang über den Markt und durch das Viertel. Bei leichtem Regen geht es die Königsallee runter, den Blick immer interessiert in die bunten Ladenlokale, Atelier Münch, _stueckgut und bei einem alten Bekannten, Jürgen Bielawny von Le Salon, schaue ich dann mal rein um Hallo zu sagen. Der Swing-Fan und Salonlöwe vom alten Schlage ist mit seinem Laden für Mode der 20er bis 50er kürzlich von der Herner Straße ins Viertel gezogen. „Übrigens Jürgen, das Interview von der Ladeneröffnung ist online!“ - „Ah, prima. Hm, du weisst ja, ich hab's nicht so mit Computern – kannst du mir das vielleicht mal ausdrucken und mitbringen?“ Jürgen ist einfach ein analoger Typ im digitalen Zeitalter ...

Ein Laden voller Ruhrgestalten
Weiter geht es zum RNDM Store, der ersten Location im Ehrenfeld für ausgewählte, getragene und neue Streetwear, wo Sara und Martin Magielka mit ihrem Team alle Hände voll zu tun haben, um zu unterhalten, Biere auszugeben, Sachen zu verkaufen. Im Store läuft nebenbei auch eine Ausstellung der Grafikerin und Illustratorin Stefanie Levers. Erstmal ein Bier, dann noch schnell die letzte Ausgabe des Independent-Lifestylemagazins 'Ruhrgestalten' abgegriffen, ein kurzes Interview mit der Künstlerin (das natürlich in den nächsten Tagen im Lab zu finden sein wird). Die Jungs von Ruhrgestalten lerne ich auch noch kennen, dann aber weiter. Um Elf spielt Tommy Finke, da muss man ja auch mal reinschauen.

Lakritzschnaps und Finke-Fans
Unterwegs noch eben Anke und Barbara in der 'Wohnbar' einen Besuch abstatten, die mich zu selbstgemachten Brownies und einem höllischen Laktritzschnaps auf Wodka-Basis nötigen und ansonsten sehr zufrieden mit dem Abend sind, weil doch einiges verkauft wurde. Jetzt aber wirklich weiter zur U-Bahnstation. Dort ist es noch immer sehr voll, Tommy Finke und sein Cellist Daniel Brandl spielen bereits und die Crowd genießt es. Es gibt auch ein kleines Grüppchen expliziter Finke-Fans, in Bochum mittlerweile ein bekanntes Phänomen. Im Gewühl treffe ich die Schwestern Kathrin und Nina Oberheitmann, die zusammen das kleine Café 'Fräulein Coffea' neben dem Schauspielhaus betreiben und von ihrer heutigen Extraschicht ganz schön mitgenommen sind. „Nachher noch in die Eve Bar?“ - „Nee, wir sind zu fertig.“ Okay, schade. Mich zieht es dort auf jeden Fall noch hin, ich hab Tanzlaune.

House im Funkloch
Eve Bar – Der momentan einzige (Mini-)Club in Bochum, der regelmäßig ein anspruchsvolleres Publikum locken kann. Heute Abend steht 'Funkloch' mit Sven Weisemann und Matt Flores auf dem Programm. Die Reihe ist bekannt für erstklassigen Sound und der Hauptact Weisemann, extra aus Berlin angereist und bekannt für exquisite Sets aus Dubstep, Deephouse und Techno, steht am Eingang und begrüßt uns lapidar: „Ich bin der Künstler.“ Na, dann ist ja alles in Butter. Unten dann der perfekte Abschluss für diesen Abend: Erwachsenenparty. Das ist ganz ohne Ironie zu verstehen, denn Parties, die weder spießig-Ü-30, noch komplett in der Hand betrunkener Kiddies sind, sind rar geworden in Bochum. Hier aber füllt ein nettes Publikum ab 25 den kleinen Raum, schwoft zu entspanntem House und lässt den Abend später, mit dem frickelig-brutalen Set von Sven Weisemann, im ekstatischen Tanzrausch enden.
Fazit: es geht doch! Auch in Bochum kann Flair aufkommen, kann man einen tollen Abend mit schönem Programm und in wunderbarer Atmosphäre verbringen. Eine der Anwohnerinnen soll sogar gesagt haben, sie habe so etwas tolles in all den Jahren, die sie im Ehrenfeld wohnt, noch nicht erlebt. Das gibt zu hoffen, und nach diesem Abend bin ich überzeugt: Das 'Viertel vor' wird der neue Place to be in der Region, und zwar noch diesen Sommer. Schaut mal rein.
Fotos: Sven Neidig
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- "Die Innovationen kommen von 'unten'" - Gespräch mit der Illustratorin Stefanie Levers
- Rundlauf - 2sickbastards im rndm store
Externe Links:
- _stueckgut
- Le salon
- RNDM Store
- Homepage von Stefanie Levers
- Tommy Finke bei MySpace
- Wohnbar
- Fräulein Coffea
- Eve Bar
- Sven Weisemann bei MySpace
- Matt Flores bei MySpace
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ausgerechnet...
...an diesem wochenende in hamburg gewesen. der bericht hat die schmach darüber aber etwas gelindert - vielen dank!
aufbruchstimmung II
Kompliment an alle, die mitgemacht haben!!!!!! Genau solche Veranstaltungen brauchts hier - die Frage, wo all diese Menschen sonst sind, ging mir an dem abend auch mehr als einmal durch den kopf!
Ich war das zweite Mal in Bochum und bin echt begeistert!!! Hatte ein paar Dortmunder im Schlepptau und die konnten kaum glauben, was ein paar Kilometer von ihnen entfernt so geht... hatten ein sehr inspirirendes gespräch mit einem der ladenbesitzer. Nicht älter als wir, aber mit einer Zuversicht und Leidenschaft für das Leben im Viertel, die angesteckt hat! Das ganze Viertel vor mit seinen Anwohnern, Ladeninhabern und Besuchern hat einen solchen Charme versprüht, dass wir alle mit einem Gefühl von Sehnsucht, Wehmut und Vorfreude nach Hause gingen: mehr, mehr, mehr!!!!!!!
aufbruchstimmung
ich habe ein gutes gefühl, dass diesen sommer etwas passiert. alle leute, mit denen ich gesprochen habe, sind sehr motiviert und haben projekte in ihrem bereich am laufen. wenn das alles so umgesetzt wird, wie die leute sich das vorstellen, hat bochum eine gute chance, auch außerhalb der stadtgrenzen mal wieder als attraktiver ort wahrgenommen zu werden. es kommt jetzt drauf an, dass stadt und wirtschaft an den richtigen punkten fördern und sich an anderen stellen auch mal raushalten...
super
solche aktionen finde ich total klasse. wenn sich die meute mal zusammentut, merkt man gleich wie das in den medien wellen schlägt. so kommen auch kleine geschäfte auf ihre kosten.
"Wenn es hier immer so wäre,
"Wenn es hier immer so wäre, bräuchte keiner mehr nach Berlin." - "Das ist der Wahrheit. "