Games Factory Ruhr. Foto: Games Development Initiative

Ein Zugpferd für die Region?

Die Games Development Initiative fördert von Mülheim aus die regionale Gamesbranche

Die Spieleindustrie gehört heute zu den erfolgreichsten Industriezweigen und hat Musik- und Filmindustrie an Umsätzen bereits überholt. Die großen Blockbustertitel werden regelmäßig von international aufgestellten Playern entwickelt, aber auch in Deutschland sind einige erfolgreiche Studios ansässig.

Das Ruhrgebiet hat sich in den letzten Jahren zu einem beliebten Standort für die junge Gamesbranche entwickelt. In Zukunft könnte die Branche sich als wichtiger Faktor an der Schnittstelle zwischen Kreativität und Wirtschaft positionieren und sich zum Zugpferd der Kreativwirtschaft in der Region entwickeln.

 

Ein Knotenpunkt der Szene

Jüngst erhielten die Mülheimer Firmen Catnip Games und Novacore Studios im Rahmen des Pilotförderprogramms „Digitale Inhalte“ der Film- und Medienstiftung NRW 85.000 Euro für Projekte. Novacore Studios macht derzeit mit der Konzeptentwicklung des browserbasierten Fantasy-Rollenspiels „Dungeons and Heroes“ und mit dem Online-Weltraumstrategiespiel „Legends of Pegasus“ von sich reden.

Beide Firmen sitzen, wie ein Großteil der hiesigen Akteure, in der Games Factory Ruhr, die seit Anfang 2009 Knotenpunkt der Szene ist. Das Gebäude wurde von der Wirtschaftsförderung Mülheim als Themenimmobilie konzipiert, in der auf ca. 1600 qm Freelancer, Startups und professionelle Firmen ansässig sind und an neuen Games-Projekten und anderen Programmen arbeiten.

 

Vernetzen und fördern

Hier entstehen Apps, Spiele, Magazine und sogar Events, kurz: alles was sich unter „interaktive Unterhaltung“ zusammenfassen lässt. Neben günstigen Mieten und kurzfristigen Verträgen gibt es im Haus seit Februar 2011 auch drei Gründerlabore der Game Development Initiative Ruhr (GDI), in denen junge Entwickler teure Software und Hardware nutzen können, um ihre Projekte umzusetzen.

Die ebenfalls in der Games Factory ansässige Game Development Initiative Ruhr wurde von der Wirtschaftsförderung Mülheim und der Uni Duisburg-Essen initiiert und hat sich seit Juli 2010 der Aufgabe verschrieben, die hiesige Szene zu vernetzen, zu fördern und vor allem auch die kreativen Startups mit der solventen traditionellen Industrie zusammen zu bringen.

 

BWL vergessen viele

„Wir sind dafür da, dass die gesamte Szene floriert, neue Sachen entstehen und das Netzwerk ausgeweitet wird“, erklärt Jörg Niesenhaus, der zusammen mit Stefanie Waschk und Matthias Klauser die Geschicke der GDI leitet. Regelmäßig veranstalten die Förderer Workshops zu Themen wie Marketing, Finanzierung oder Recht, bauen an der Infrastruktur und vernetzen die Akteure miteinander.

„Wir betreuen aber nicht nur die Firmen hier im Haus intensiver, sondern schauen auf das gesamte Ruhrgebiet und NRW“, stellt Stefanie Waschk klar. Zu tun haben die drei dabei genug, denn oft sind die kreativen Spiele-Entwickler schlechte Vermarkter. „Man muss eben nicht nur fachlich gut sein, sondern auch betriebswirtschaftlich denken – das vergessen viele“, erklärt Waschk, „und es gab bisher noch gar keine vernünftigen Ausbildungsmöglichkeiten. Das wird jetzt nachgeholt und die Branche wird zunehmend professioneller, das haben wir in der letzten Zeit immer wieder gemerkt.“

 

"Moorhuhn" und "Die Siedler"

Die Hilfe wird von den jungen Entwicklern gern angenommen: die Veranstaltungen der GDI sind regelmäßig ausgebucht und auch die Games Factory ist mittlerweile fast voll ausgebucht. Mit den letzten Preisen für Mülheimer Firmen kommt auch die überregionale Aufmerksamkeit.

Die erfolgreiche Ansiedelung von Games-Unternehmen im Ruhrgebiet hat aber bereits eine längere Tradition. Neben den jüngst prämierten Novacore Studios und Catnip Games sorgte etwa das Studio Bluebyte mit der Entwicklung der Strategie-Reihe „Die Siedler“ für deutschlandweite Aufmerksamkeit und wurde vom französischen Branchenriesen Ubisoft aufgekauft. Ebenfalls sehr erfolgreich ist das Bochumer Studio Phenomedia, das mit dem „Moorhuhn“ und dem Rollenspiel „Gothic“ Erfolge im Mainstream und bei den Hardcore-Gamern feierte.

 

"Aufs richtige Pferd setzen"

Es ist aber weniger die Infrastruktur, die darüber entscheidet, ob ein Standort sich zum Games-Mekka entwickelt, wie Jörg Niesenhaus erklärt: „Die Spieleindustrie ist nicht ortsgebunden und hat von der Infrastruktur ziemlich geringe Anforderungen – ein Gebäude mit Computern und schneller Internetanbindung kriegt man überall. Wichtiger ist, dass die Stadt attraktiv für junge Menschen ist und ein reichhaltiges Kulturangebot hat. Da hat das Ruhrgebiet meiner Meinung nach viel zu bieten.“

Doch die internationale und vor allem die europäische Konkurrenz schläft nicht. Hat die Games-Branche das Zeug zum Zugpferd der Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet? „Die Spieleindustrie hat im letzten Jahr trotz Krise ein zweistelliges Plus erwirtschaftet“, weiss Niesenhaus, „und die Branche wächst. Es kommen neue Zielgruppen dazu, Smartphones und neue Konsolen eröffnen neue Möglichkeiten und wenn man da aufs richtige Pferd setzt, läuft es für alle gut.“ Verglichen mit der konventionellen Industrie sind die Gehälter in der Spielebranche allerdings noch immer eher niedrig.

 

"Das Interesse ist da"

Grund genug, die Nähe zu den flüssigeren konventionellen Branchen zu suchen. Ein zukunftssichernder Aspekt der Gamesbranche könnten die so genannten „Serious Games“ sein, bei denen neben der reinen Unterhaltung noch weitere Inhalte transportiert werden. Im Gesundheitsbereich etwa, wo Physiotherapie-Trainer für die Wii-Konsole angeboten werden, oder in der Architektur, in Form von Ethikkursen für Firmen oder Awareness-Kampagnen für NGOs.

Die Möglichkeiten dieser didaktischen Spiele sind vielfältig und finden auch bei den klassischen Industrien immer mehr Interesse. Hier gibt es einen großen Markt zu erschließen, den auch die Wirtschaftsförderin Waschk für zukunftsweisend hält: „Hier im Ruhrgebiet gibt es sehr viele andere Industrien, die Spieletechnologien zur Wissens- und Inhaltsvermittlung einsetzen. Bevor man versucht, international erfolgreichen Entwicklern wie Crytek aus Frankfurt nachzueifern, sollte man sich diesen Markt erschließen und jetzt die richtigen Kontakte knüpfen. Im Ruhrgebiet ist man direkt am Puls und das Interesse von der anderen Seite ist definitiv da.“

 

Anzugträger und Verrückte

Jörg Niesenhaus ergänzt: „Es ist eine große Chance für die Region, hier in dem Bereich etwas aufzubauen und langfristig auch außerhalb von NRW für diese Sparte bekannt zu werden.“ Bis dahin muss die GDI aber noch wichtige Aufbauarbeit leisten, wie Stefanie Waschk weiß: „Wir haben oft Veranstaltungen, wo die Anzugträger auf die verrückten Spieleentwickler treffen – die sprechen zwar beide deutsch, aber es ist trotzdem nicht dieselbe Sprache. Da ist es gut, dass jemand da ist, der Vertrauen auf beiden Seiten schafft und die Akteure zusammenbringt.“

Dass die Entwicklerbranche auf dem Vormarsch ist und zahlreiche Möglichkeiten bringt, kommt immer stärker im Bewusstsein an und so wird auch der Wert der Initiative für die Region offenbar. Daher blicken die drei Förderer zuversichtlich in die Zukunft, auch wenn die Förderung für die GDI bald ausläuft und noch keine Klarheit herrscht, ob und wie das Projekt weitergeht.

 

Do, 16.02.2012 0

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Über den Autor

19.01.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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