Supermarktbesuch im Wedding © Boris Alexander Knop

Ein Supermarkt im Wedding - und andere Berliner Kreativ-Cluster

Aus der Reihe „Wedding vs. Neukölln“. Gaststar diesmal: Kreuzberg

Große Freiflächen zum Bespielen an der Grenze von Mitte und Wedding, Schaufensteraktionen und Einzelhändlerinitiativen in Neukölln sowie eine Diskussion zu Migration und Gentrifizierung in Kreuzberg: In drei exponierten Stadtteilen Berlins ballten sich die Fragen zu Kreativität und Stadtentwicklung an nur drei Tagen.

 

12. Mai, Wedding: „Supermarkt Eröffnung“

An der Brunnenstraße stoßen Mitte und Wedding hart aufeinander: Unwahrscheinlich viele Spielotheken und mäßige Imbisse bei Mitte-Preisen, Marktketten, eine Apotheke namens „Mitte“, obwohl jenseits der Bernauer Straße doch schon Wedding ist – und die offizielle Großeröffnung des „Supermarkt“. Und viele Gäste fragen sich: Was ist das hier eigentlich?

Nun, letztlich eine Privatinitiative von Zsolt Szentirmai, Ela Kagel und David Farine. Nur: Sie stellen hier selbst gar nichts aus und wollen auch nichts verkaufen. Ein Raumangebot schaffen wollen sie in vorher leer stehenden Gemäuern, die davor wiederum einen „Kaiser’s“ beherbergt hatten. Bei der Eröffnungsveranstaltung wird also vor allem gezeigt, was man hier so machen kann: Ein Workshop findet statt, Künstler werben für ein Showcase in naher Zukunft, eine Bar verköstigt, es gibt einige Printartikel zu erstehen, Installationen hier und dort, ein „Bureau“ vertritt den „Supermarkt“ als offizielle Kontaktstelle. Und im Untergeschoss wird am Abend eine Party beginnen, das „supermarkt.tv“ wird mit der Begrüßungsrede und kurzen Interviews gelauncht. Irgendwie funktioniert es großartiger Weise aber eben nicht, das Geschehen in klassische Muster wie „Künstlerhaus“, „Kieztreff“ oder „Soziokultur“ zu packen.

Und das wirkt letztlich befreiend. Wie oft ist von „Freiräumen“ und „Raumangeboten“ die Rede, aber alles ist schon durchgeplant und bis auf die dritte Stelle hinterm Komma verplant und (kaputt) organisiert. Im Gespräch bleiben die Macher so auch angenehm unkonkret: Ja, in den benachbarten „Studios“ sind Coworking Spaces, aber auch normale Atelier- und Büroräume zu finden. Nein, man wolle nicht permanent Ausstellungen organisieren. Ja, es gibt (sogar aus Essen) Interesse an einer Anmietung der Räumlichkeiten für Tagungen und Workshops. Und zumindest einige Anwohner verschiedenster Herkunft signalisieren ebenfalls Interesse am „Supermarkt“ oder sorgen einfach für indonesische Speisen.

Natürlich verirrt sich kein Dauergast der Spielotheken hierher, aber zwei Häuser weiter findet nicht gerade zufällig genau am Eröffnungsabend eine weitere Party statt, und die Modegeschäfte und Büros in der Nachbarschaft zeigen ebenfalls, dass hier ein kleiner Nukleus entsteht. Zudem mitten im Quartier Brunnenviertel-Ackerstraße, das mit „brunnen ¼“ auch eines dieser typischen Stadtentwicklungsmagazine vorzuweisen hat.
„Hier war vor wenigen Jahren noch gar nichts“, wissen viele Gäste zu erzählen. Die großen wie kleinen Privatinitiativen der sprichwörtlichen „Kreativen“ helfen hier – bislang noch ohne offizielle Unterstützung – die Tristesse der Umgebung aufzuhellen. Obwohl: Einige hundert Meter weiter gibt es sie schon: die Yoga-Schulen, die Cafés, die Ökoläden. Gar nicht weit vom Prenzlberg und auch ein wenig in Mitte-Style entsteht eine Mischung, die erst einmal niemand mit „Wedding“ in Bezug setzen würde.

 

Ein Tag früher, 11. Mai, Neukölln: „Senior Street Art“ und „Aktion Karl-Marx-Straße“

Viele, meist türkische Kleingeschäfte säumen die Karl-Marx-Straße. Ganz früher war hier neben dem Ku’damm die zweitgrößte Einkaufs-und Flaniermeile Berlins. Nun wird hier im großen Stil interveniert. Wirtschaftsförderung und Bauplanung haben die „Aktion Karl-Marx-Straße“ ins Leben gerufen und sogar Aktionärfonds gegründet.

Das Magazin zur Stadtteilentwicklung heißt hier tatsächlich „Broadway Neukölln“, 55 Millionen Euro fließen innerhalb der nächsten 15 Jahre in das Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee. Der große Unterschied zur Brunnenstraße: Hier gibt es eigentlich keine nennenswerten Leerstände. Dafür aber viel von dem, was „Entwicklungspotential“ genannt wird und potentiell eine Vertreibung großteils türkischer Einzelhändler zur Folge haben könnte. Gibt es andernorts in Neukölln geradezu vorbildlichste interkulturelle Kooperation in basisdemokratischen Kiezorganisationen, so geht es hier ganz simpel um Kapital gegen (Klein-)Kapital.

Eine nicht unwesentliche Rolle spielen hierbei die Alteingesessenen, die dem „Glanz“ der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nachtrauern. Frank Zander ist hier um die Ecke geboren – und nach Charlottenburg gezogen.

Die Realität von Neukölln hat also gar nicht soo viel von Galerien, Hipstercafés usw. Ähnlich dem Wedding koexistieren hier verschiedene Bevölkerungsgruppen am Rande der Einkaufsstraßen miteinander. Und diese Einkaufsstraßen sind anscheinend „optimierbar“, was den Geldstrom von dort aus gen Stadtsäckel betrifft.

Weil aber nur wenig „Spielraum“ vorhanden ist, finden sich kaum Interventionsmöglichkeiten für größere Kunstaktionen. Ein schönes Beispiel hierfür, und auch ein sozial engagiertes, findet noch bis Anfang Juni direkt zwischen den Brennpunkten Karl-Marx-Straße und Sonnenallee statt: Stephanie Hannas Projekt „senior street art“, in einem Schaufenster an der Ecke Donau-/Ganghofer Straße.

 

Noch ein Tag früher, 10. Mai, Kreuzberg: „Stadt, Arbeit, Migration und Gentrifizierung“

Eine Veranstaltung der Böll-Stiftung im Familiengarten an der Oranienstraße.
„Milchkaffees und Rollkoffer auf der einen und Gentrifizierung auf der anderen Seite stehen in keinem nachweisbaren Zusammenhang.“ Andrej Holm, Stadtsoziologe bei der Humboldt-Universität, entschärft mittels einiger Studien die „Lifestyle-These“, wonach Kreative, Pendler und Studenten automatisch Mietpreiserhöhungen nach sich ziehen. Wahr sei aber, dass Gentrifizierung in Kreuzberg und Neukölln verschärft diskutiert wird, weil mittlerweile sehr weit weg ziehen muss, wer keine Bleibe mehr innerhalb dieser Stadtteile findet, „nach Reinickendorf, Marzahn oder in den Wedding.“

Denn innerhalb Kreuzbergs wird es eng: Immer mehr Menschen wohnen auf kleinstem Raum zusammen, um sich zumindest noch ein Zimmer im vertrauten Viertel leisten zu können. Teils werden deshalb wesentlich höhere Mieten von Menschen mit niedrigem Einkommen noch bezahlt – bei starker Reduzierung des sonstigen Lebensstandards.

Aber dies können nicht alle, und gerade armen und weniger gebildeten Menschen, gerade mit Migrationshintergrund fällt es schwer, sich gegen Vermieterwillkür zu wehren. Dies führt Çiçek Bacik vom Türkischen Bund aus, die Bedürftige mit Migrationshintergrund und auch z.B. türkische Medien für Themen wie Mietrecht und Mieterschutz sensibilisieren will. „Weniger Gebildete werden außerdem in partizipatorischen Strukturen bisher viel zu wenig beteiligt“, ist ein weiterer von ihr kritisierter Zustand.

Aber gibt es nun strukturellen Rassismus im Sinne gezielter Vertreibung gerade doppelt diskriminierter (arm, fremd) Mieter? Engagieren sich Anwohnerprojekte zu einseitig eher nur für die Interessen bestimmter Gruppen? Einige Diskutanten aus dem Publikum schießen sich auf oft rein marketing-orientiertes Quartiermanagement ein und kritisieren den Berliner Senat für seine Politik der „Durchmischung“ der Kieze durch studentische WGs, Pendler und europäische Migranten, während die doppelt Diskriminierten an der Sozialarbeit hängen bleiben oder direkt verdrängt werden.

Dem setzt Bacik zunächst vor allem inner-türkisches Engagement entgegen, während Holm für mehr Kooperation zwischen den Mietergruppen wirbt. Die u.a. in der Essener und Dortmunder Nordstadt schwelende Diskussion, was Kunst und Kreativität (allein) überhaupt leisten kann und soll, sowie warum wie in Duisburg-Marxloh nicht z.B. auch in Mülheim mehr interkulturell kooperiert wird, bleibt also in Kreuzberg ebenfalls aktuell.

Mo, 28.05.2012 2

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Kommentare

spill....

.... over effekt nennt man das glaub ich. von mitte nach wedding und irgendwie von kreativ berlin auf rest berlin. wo sollense ooch alle hin, all die kreativen mover und shaker? schöner dreiklang jedenfalls mr. k
tja, anscheinend schon fast zwanghaft dahin, wo einkaufsstraßen sind. und davon gibt es viele in der hauptstadt, aber auch an der ruhr. (wo sind all die schönen landkommunen geblieben? geht doch auch mit laptop!) ich bitte halt, genau diese parallelen - anwohneranbindung oder "kunst-ufo", bewusstsein für ausgrenzungsprozesse oder nicht - zu sehen. das macht die kiste aus. thx & cheers aus dem anderen gewusel weiter nordöstlich!

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04.12.2009

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