
Ein stiller Star aus Buer – die Schriftstellerin Inge Meyer-Dietrich
- Serie: Quergelesen
Den Literaturpreis Ruhr bekam Inge Meyer-Dietrich 1995 vor allem für ihren Roman „Plascha. Von kleinen Leuten und großen Träumen“, der 2009 bei Henselowsky & Boschmann endlich neu erschienen ist. Mit der Vergabe des Preises an Meyer-Dietrich setzte der Preisstifter, der damalige Kommunalverband Ruhr, deutliche Zeichen.
Erstens, Inge Meyer-Dietrich war nach knapp zehn Jahren endlich die zweite Frau, die den Literaturpreis Ruhr erhielt. Und das war umso schöner, weil auch sie zu den vielen Frauen ihrer Generation gehört, die erst spät zum professionellen Schreiben finden konnten. Auf ihrer Homepage schreibt sie selbst: „Seit 1986 freie Autorin“, also erst mit 42 Jahren nach Studium und Kindern, in einem Alter, in dem viele Männer bereits ein Gesamtwerk vorgelegt haben.
Zweitens wurde mit ihr endlich einmal Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet, en gros und en detail das einzige Genre, die Literatur aus dem Ruhrgebiet, die damals international überhaupt Anerkennung erfuhr. Inge Meyer Dietrich erhielt für ihre „Plascha“ auch den Zürcher Kinderbuchpreis „La vache qui lit“ und den „Österreichischen Staatspreis für Jugendliteratur“.
Drittens: Inge Meyer-Dietrich gehörte schon damals zu jenen Kinder- und Jugendbuchautoren, die immer vehementer darauf drangen, Vorurteile gegenüber der Kinder- und Jugendliteratur auszuräumen. Da – so das Vorurteil noch heute – schreiben die, bei denen es für „Erwachsenenliteratur“ nicht gereicht hat, oft mit pädagogischem Zeigefinger und kindertümelnd, also mit jovialer Haltung gegenüber Kindern und Jugendlichen.
Großer Unsinn natürlich, wenn man sich allein die Arbeitsfelder anschaut, auf denen Inge Meyer-Dietrich tätig ist. Sie schreibt für alle klugen Leser, auch für Erwachsene. Und sie schreibt für Theater, Radio, Buchmarkt; „Plascha“ gab sogar die literarische Vorlage für einen Kurzfilm ab. Mit ihren Büchern macht sie ausgedehnte Lesereisen in halb Europa und ihre zweifellos vorhandene pädagogische Begabung kommt in ihren Schreibwerkstätten, ihren Initiativen fürs kreative Schreiben ganz zur Entfaltung.

In einem Wassertropfen, sagt man, spiegele sich die ganze Welt, das könnte auch für die Figuren Inge Meyer-Dietrichs gelten, so gelungen verschränkt sie in deren erfundenen Leben die persönlichen Tragödien und Komödien mit den Irrungen und Wirrungen der sogenannten großen Geschichte. In „Plascha“ z. B. haben die Kinder mit den Folgen des 1. Weltkrieges zu kämpfen, sie sind umgeben von Kriegshetze, borniertem Patriotismus, Hunger, Kälte und Fremdenfeindlichkeit. Mit und in „Plascha“ erfahren wir etwas über die Welt um 1918, aber eben auch etwas über die heutige. Angesichts des großen Scheiterns um sie herum fühlt sich Meyer-Dietrich beharrlich zuständig dafür, da und dort einen Winkel dieser Welt zu erhellen. Oder besser in ihren eigenen Worten:
„Dass unsere Welt nicht heil ist, weder im Großen noch im Kleinen, wissen Kinder längst. Wenn ich sie ernst nehme, mache ich ihnen darüber nichts vor. Sie haben ein Recht auf das ganze pralle Leben mit seinen vielen Facetten. Auch im Buch, wenn es glaubwürdig sein soll. (...) Offen und neugierig identifizieren sich Kinder mit Romanfiguren, leiden mit ihnen, sorgen sich um sie. Und atmen auf und gehen mit, wenn sich neue Wege, neue Möglichkeiten erschließen. Wenn eine Hoffnung wächst.“
Kleines Foto: Janina Zink (www.ingemeyerdietrich.de) Literatur/Ruhr: Bangemachen gilt nicht
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