Wieder einmal hat das Deutsch-Französische Kulturzentrum in Rüttenscheid (und in Person von Michel Vincent) seine Kontakte spielen lassen und diesmal in Zusammenarbeit mit dem KWI, der Lichtburg und der Buchhandlung Proust einen Star-Autor und Zeitzeugen nach Essen geholt: den 95-jährigen Stéphane Hessel. Zu einem „Tanz mit dem Jahrhundert“.
„Empört euch!“ / Indignez-Vous!“ / Time for Outrage!“

"Occupy"-Stand in der Lichtburg © Jens Kobler
“Mut statt Wut” heißt eine der jüngsten Publikationen von Claus Leggewie, und so steht am Beginn des Abends die Frage, wo Gemeinsamkeiten der Titel/Slogans der beiden Gesprächspartner zu finden sind. Leggewie geht es um die Betonung des Einmischens, Mitsprechens in der Gesellschaft und eine Korrektur der Klischees vom Wut-, also einem unsachlich-primitiv aufbegehrenden Bürger. Stéphane Hessel verweist auf den englischen Titel seines immens erfolgreichen Büchleins, „Time for outrage!“, und dass dieser leider genau in solch eine Richtung weist. Im Französischen stecke ein „Würde“ deutlich mit im Titel (s.a. „indigniert sein“), es gehe darum, Würde wieder herzustellen. Aber der Autor weiß aus langer Erfahrung: „In zwei Sprachen ist nie alles genau gleich.“
In der tunesischen Bewegung sieht Hessel seine Botschaft am ehesten verstanden. Grundsätzlich sei der Grad zwischen Mut und Gewaltanwendung ein schmaler. „Widerstand erlaubt, erfordert aber manchmal auch Gewalt“, hält Claus Leggewie dem eine populäre Auffassung entgegen, und Hessel antwortet mit einem Beispiel aus seinem Leben: Zu Zeiten des französischen Widerstandes gegen die deutsche Besatzung habe er die Auffassung vertreten, man solle die Besatzung erschweren, zum Beispiel durch Sabotage. Provoziert man aber die wesentlich stärkere Gegengewalt z.B. durch Morde, so bewirkt man eine sich hochschaukelnde Gewaltspirale und verliert letzten Endes. Aber auch der Punkt, an dem eingegriffen wird, ist Hessel wichtig: „Die Occupy-Bewegung in den U.S.A. verhält sich deshalb am klügsten, weil sie direkt zu den Oligarchen geht und dort ihre Aktionen durchführt.“ Das sind sicherlich diskussionswürdige Ansichten.
Weggefährten eines Jahrhunderts

Claus Leggewie in der Lichtburg © Jens Kobler
Im zweiten Teil des Abends nutzt Claus Leggewie – „Wir sind beide vom Bauch und vom Intellekt her Linke“ – die Gelegenheit, anhand von Mitstreitern Hessels dessen (und teils auch seine eigenen) Positionen zu verdeutlichen: Da ist André Gorz, ein Vordenker der ökologischen Bewegung, der sich ebenso als einer der ersten für ein Grundeinkommen aussprach. Neue Impulse für alte Klassenkampf-Ideen, wie Leggewie attestiert. Stéphane Hessel betont daraufhin einen anderen Aspekt des Wirkens Gorz‘: Demokratischen Sozialismus so zu verstehen, dass an die Macht gekommen werden darf, dann aber auch demokratisiert werden muss.
Mit Charles de Gaulle hat Hessel aus dem Exil den Widerstand organisiert, er hat ein KZ überlebt und wandelte sich vom Sartre-Anhänger und jungen Philosophen über die Erlebnisse im 2. Weltkrieg zum Diplomaten. All dies sollte an anderer Stelle nachzulesen sein. An diesem Abend wird auch noch länger auf Pierre Mendès-France eingegangen, wegen seiner „Vision der Zukunft von Demokratie“ und seiner „Authentizität des politischen Denkens“ (so Hessel). Nicht Machterhalt um seiner selbst willen dürfe Ziel politischen Handelns sein, sondern die konkrete Verbesserung der Lebensumstände der Menschen. Andersdenkende müssen einbezogen werden, nicht ausgeschlossen. Lehren, die Hessel auch aus der Abgrenzung von den Taten und der Ideologie der Faschisten gezogen hat: „Mir ging und geht es immer um ein Zusammenbringen derer, die in Buchenwald gelitten haben.“
„Das einzige, das meine Generation wirklich geleistet hat, ist Europa.“

Hessel-Bücher in der Lichtburg © Jens Kobler
Stéphane Hessel sieht einen gemeinsamen Gerechtigkeitssinn als starkes, verbindendes Element der Europäer. „Aber Europa geht noch nicht genug zusammen, zum Beispiel in Fragen der Wirtschafts- und Außenpolitik.“ Sich gemeinschaftlich zu verhalten, falle aufgrund der Vergangenheit noch schwer, aber man müsse auch die jeweiligen Stärken anerkennen: „Die ehemaligen DDR-Bürger bringen ein starkes Gefühl für soziale Gerechtigkeit und die Fehler des Kapitalismus mit“, nennt Hessel ein Beispiel. Claus Leggewie verweist darauf, dass auch die deutsch-französischen Beziehungen, gerade zwischen den „Normalbürgern“, noch zu verbessern sind: „Wir feiern 50 Jahre Elysée-Vertrag, und es gibt noch nicht genug gemeinsame Substanz in der Bevölkerung.“ Hessel verweist an ähnlicher Stelle bald darauf auf den Wert einer angemessenen Erziehung: „Die Lust an Gemeinschaft und Kooperation ist ein wesentliches Element des Menschseins. Sie kann noch viel mehr gestärkt werden.“

Stéphane Hessel in der Lichtburg © Jens Kobler
Und so steht auch die UNO als größte gemeinsame Institution der Menschheit lange im Fokus des Zwiegespräches. „Wir haben großes Glück, dass es die UNO überhaupt gibt“, so Hessel, der auch der erste Sekretär der UN-Menschenrechtskommission war. Er bedauert die seiner Meinung nach der konkreten Nachkriegssituation geschuldete Vetomöglichkeit der damaligen Siegermächte im Sicherheitsrat, betont aber auch: „Dieser Rat ist nur eine der Instanzen der UNO. In Bezug auf zum Beispiel Ökologie kann ihr noch mehr Macht verliehen werden, so hoffentlich bald beim Gipfel in Rio.“ Hessels Engagement auch für Palästina – er rief sogar einmal zu einem Boykott israelischer Waren auf – sowie für die Einbürgerung und weitere Aufnahme von Flüchtlingen in Europa werden noch behandelt, dann fragt Claus Leggewie, was sich Stéphane Hessel für Frankreich wünscht. Er antwortet: „Dass wir bald einen neuen Präsidenten haben, der mit Angela Merkel zusammen die Macht der Finanzmärkte bändigt und Europa zu einem Teil der Welt macht, in dem die Zukunft aufblüht.“ Wieder einmal gibt es einiges an Applaus von den Rängen. Hessel lächelt und fügt hinzu: „Das sage ich in jedem Saal und immer gibt es viel Applaus. Es hängt aber von uns allen ab, dass dieser Wunsch auch wahr wird.“ (Und wieder Applaus.) Zu einer Art Zugabe kehrt Stéphane Hessel noch einmal auf die Bühne der Lichtburg zurück und rezitiert aus dem Kopf – wie schon vorher einmal – Lyrik. Diesmal zunächst auf Englisch, dann auf Deutsch, und zum Schluss „Automne“ von Apollinaire. Standing ovations in Essen.
Großes Foto: Rama via common.wikimedia 