Ein poetischer Lagerroman? - Herta kriegt’s geschaukelt.

Wer heutzutage Romane über Deportationen und Arbeiterlager schreibt und dabei nicht auf eigene Erfahrungen verweisen kann, erregt bei mir in den meisten Fällen großen Lese-Widerwillen. Zu häufig fühlte ich mich schon moralisch erpresst oder peinlich berührt vom Versuch eines Autors, seinem Schrieb eine historische Bewandtnis anzudichten, die dieser dann unmöglich stemmen kann.

Hinzu kommt, dass mir nur wenige Menschen so unsympathisch sind, wie jene, die Schrecknisse wie einen Völkermord ausnutzen, um sich moralisch echauffiert zu inszenieren. Wenn man bestimmten Formulierungen dann ihre ästhetische Raffinesse und den heimlichen Stolz ihrer Autoren anmerkt, wirkt das auf mich im Anbetracht der Schwere ihres Gegenstandes meistens wahnsinnig deplatziert.

Lagerleben poetisch zu erzählen:

Das birgt eine Menge Fallstricke und Unwägbarkeiten. Kein Wunder also, dass es dem Anschein nach eine Nobelpreisträgerin braucht, um zu gelingen. Und selbst die benötigt noch reichlich Unterstützung. Herta Müllers Atemschaukel ist ein beeindruckender Roman, ein echtes Meisterstück, was jeder erfährt, der sich zwischen seine beiden Buchdeckel wagt. Warum aber gerade dieser Roman gleichzeitig so poetisch und doch so ernsthaft und würdevoll authentisch gelungen ist, dass erfährt nur, wer wie ich die Meisterin im Poetikgespräch in der Essener Lichtburg genießen durfte.

Müller schuf ihre Atemschaukel Seite an Seite mit dem leider inzwischen verstorbenen Wortakrobaten Oskar Pastior, dessen tatsächliche Lagererfahrungen den Stoff lieferten. Liebevoll schildert sie ihre gemeinsamen Schreibtermine, Gespräche und Erkundungen. Um dem russischen Arbeiterlager aus Pastiors Erinnerung ästhetisch gerecht zu werden, musste sich Müller irgendwie ins Lager hineinversetzen, während Pastior den Weg aus seiner tatsächlichen Erfahrung in die fiktionale Verallgemeinerung und Überhöhung zu überwinden hatte. Beide scheinen sich genau in der Mitte getroffen zu haben und finden eine lyrische Sprache, die das Geschehene und vor allem das Empfundene exakter darzustellen vermag als jeder historische Bericht.

"Die Poesie findet ihren Weg sogar in die trostlosesten Winkel..."

Müller berichtet von diesem gemeinsamen Schreiben ohne jedes Pathos, gesteht sogar mit heiterer Miene die große Lust am Erzählen und Formulieren, die Beide empfunden hätten. Von einer Sprachlosigkeit gegenüber dem maßlosen Grauen will Müller nichts wissen. Sie glaubt vielmehr, dass gerade der Ausnahmezustand ein guter Nährboden für neue sprachliche Ausdrucksformen sei und konstatiert, dass die „Flucht in die Sprache“ gerade für Pastior eine wahre Rettung gewesen sei. Die Poesie findet ihren Weg sogar in die trostlosesten Winkel und muss nur von einem empfindsamen Geist wie dem von Pastior wahrgenommen werden. Dann wird etwa aus einer Herzschaufel, wie Müller erklärt ein tatsächlicher Fachbegriff für einen bestimmten Schaufeltyp, ein unvermuteter poetischer Hoffnungsschimmer im Dunkel der vermeintlichen Ausweglosigkeit.

Mo, 22.03.2010 0

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04.12.2009

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