Ein Kind ist ein Kind ist ein Kind

Von Daniel Bickermann. Der 15jährige Frankie hat ein Problem: Er wird demnächst Vater. Seine Freundin ist eher noch jünger als er, das Ganze war ein Unfall oder einfach eine Dummheit, und im katholischen Irland ist das ein Grund für lebenslange Schande. Der vorlaute Junge, der sich mit Hilfe einer Simulationspuppe, die er in einem Kinderwagen durch seine triste Wohngegend schiebt, auf seine Rolle als Vater vorbereiten soll, führt uns noch einmal an die Orte der Geschehnisse und stellt uns die handelnden Personen vor: Um ihn herum nur dysfunktionale Familie, vor allem seine eigene. Überall Väter, die sich nicht um ihren Nachwuchs kümmern, und frustrierte Mütter, die mit den Kindern alleingelassen werden und schnell in die Armut abrutschen. Frankie scheint diesen Kreislauf der Armut und Verwahrlosung zu erkennen. Keiner schenkt ihm Vertrauen, seine Freunde von einst verachten ihn, und der Vater seiner Freundin behandelt ihn wie einen Aussätzigen. Aber Frankie ist gewillt, es allen zu zeigen. Sein Kind soll es einmal besser haben…

Mit wackliger Handkamera, beinahe im Dokumentarstil, fängt Kameramann Ivan McCullough diese kleine Tragödie ein, die sich bei langen Spaziergängen durch die heruntergekommenen Landschaften einer namenlosen Stadt und unter einem ständig wolkenverhangenen Himmel entfaltet. Manche Überbelichtung und der schonungslose irische Provinzakzent betonen ebenso wie der erratische Schnitt von Anna Maria O’Flanagan das glanzlose Milieu, dem sich der Film ohne irgendwelche Prätentionen oder Illusionen nähert. Es ist eine grausige Gegend, eine menschliche Müllhalde von einem Vorort, durch den Frankie seinen Babypuppenwagen schiebt, während er uns seine Geschichte erzählt.

Wenn es an diesem Ort jemals Aussicht auf Trost gab, dann währte sie nicht lange. Erst zur Hälfte des Films setzt einmal kurz Musik ein, als Frankie sich an den eigenen Vater erinnert, unter dessen Flucht er selbst sichtbar leidet. Gerade deswegen soll es seinem eigenen Nachwuchs einmal anders gehen. Besonders bitter ist ja, dass Frankie nur beste Absichten hat. Sicher, seine Rebellion gegen herrschende Autoritäten wie den Schwiegervater in spe hören sich hauptsächlich wie kindischer Trotz an, aber es gibt Momente, da will man glauben, dass dieser Pubertierende tatsächlich einen verantwortungsvollen Vater abgeben könnte. Auch diese Illusion ist freilich schnell zerstört: Ein Kind ist ein Kind ist ein Kind, und trotz aller tragischen Implikationen man kann Frankie nicht richtig böse sein, wenn er den Puppenwagen schließlich stehen lässt, um mit seinen Kumpels wieder auf Tour zu gehen. Er ist selbst ein Kind, und er weiß einfach nicht, was er tut.

Ein solches Thema so frontal anzugehen und dann noch in nur zwölf Minuten Filmzeit, dazu braucht man richtig Courage. Und Regisseur Darren Thornton hat nicht nur alles verstanden, was es hier zu verstehen gibt, er übersetzt es auch brillant in Bilder und Worte. Frankie kann durchaus zwischen Gut und Böse unterscheiden, er hat zu viele miese Väter gesehen, um nicht zu verstehen, dass er so nicht werden will – und wie ein altkluger Erzähler führt er uns zurück in die Vergangenheit seiner eigenen Familie. Einmal beugt er sich über die Kamera und erklärt, dass er gelesen hätte, wie wichtig es wäre, dem Kind in die Augen zu sehen. Der Zuschauer sieht Frankie, selbst noch ein Kind, und findet sich tatsächlich gespiegelt. Dann die Silhouette des einsamen Jungen im Gegenlicht des Sonnenuntergangs, wie er eine Babypuppe in ihrem Kinderwagen anstarrt und sich fragt, ob er wirklich bereit ist für ein Kind – viele solcher ergreifenden Momente machen FRANKIE zu einem kleinen Filmjuwel.

Darren Thorntons zwölfminütiger Film hat eine außergewöhnliche Reise hinter sich: Er gewann erst die UIP-Preis-Nominierung auf der Berlinale, die ihn dann ins Rennen um den European Film Award schickte. Dort wiederum setzte er sich gegen 13 weitere mehrfach preisgekrönte Filme durch und gewann schließlich den Preis als bester europäischer Kurzfilm. FRANKIE ist ein Kurzfilm, der in keiner guten Sammlung fehlen darf.

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Mo, 23.08.2010 0

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29.01.2010

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