Ein Hub in Istanbul

Die Unternehmer James Halliday und Niels Van der Linden werden zu Gastgebern

”Wir glauben, dass diese Welt nicht an einem Mangel an guten Ideen leidet – das Problem liegt eher im Mangel an Zugang, Maßstab, Mitteln, und Auswirkung.”  (the Hub Website).

 

In letzter Zeit habe ich viel darüber nachgedacht, ob Istanbul an einem Mangel an Zugang, Maßstab und Mitteln (sprich: Infrastruktur) leidet – oder ob der Mangel an sozialem Zusammenhalt durch kulturelle Wertvorstellungen verursacht wird. Ich unterhielt mich mit den Sozialunternehmern James Halliday und Niels Van der Linden, um zu sehen, was sie zu dem Thema denken. Als Auswanderer, die dabei sind, ein Hub, also einen sozialen Knotenpunkt, in Istanbul zu errichten, haben Halliday und Van der Linden einen ziemlich günstigen Ausgangspunkt, um zu untersuchen, an was, wenn überhaupt, Istanbul leidet. Zuerst allerdings musste ich herausfinden, wie sie “hub” definiert haben. Auch nachdem ich bereits von einigen Hubs in Europa und außerhalb gehört und die entsprechende Homepage einige Male in den letzten paar Jahren besucht hatte, hatte ich noch keinen sonderlich konkreten Anhaltspunkt, worum es sich eigentlich dort dreht, und das ist noch immer so. Allerdings nicht, weil man es mir nicht gut erklärt hat oder das Konzept schwach ist – es liegt einfach daran, dass ein “hub” alles sein kann, was man bei seiner Errichtung im Kopf hat: alles, was die Risse, die wir im urbanen Gewebe wahrnehmen, flickt oder füllt.

 

"Ein exklusiver Ort für inklusive Menschen"

Halliday und Van der Linden betrachten ihr Hub-Modell in Istanbul als “einen exklusiven Ort für inklusive Denker.” Will heißen: der Mangel besteht in physikalischer Hinsicht. Menschen, die diesen Mangel beheben wollen, können das nicht, weil sie in weit entfernten Gegenden wohnen, zur Arbeit in Richtung eines spezialisierten Umfeldes pendeln, und ihre sozialen Kontakte in den Kulturzentren der Stadt haben – alles weit voneinander entfernt gelegen. Sie verwenden all ihre Zeit und Energie, um zu reisen. Das Hub, das sie sich vorstellen, bietet zumindest die Verdichtung der Arbeits-, Sozial- und Netzwerkaspekte des urbanen Lebens zu einem Treffpunkt, der die Produktivität steigert und ein Zusammentreffen von Kreativität und Innovation möglich macht.

 

In dem Punkt sind wir, Halliday, Van der Linden und ich, uns einig: in der Türkei gibt es ein Problem mit der Innovation. Hier ein paar Hintergrundinformationen über die Menschen, die diese Einschätzungen abgeben: Ich, zum Beispiel, habe keinerlei Berechtigungsqualifikation dafür, außer dass ich schon eine ganze Weile als Künstler, Performer und Lehrer in Istanbul lebe. Van der Linden dagegen hat einen Betriebswirtschaft-Abschluss an der Carlton University in Ottawa (Kanada) gemacht. 2006 zog er mit seiner türkischen Ehefrau nach Ankara und ist seitdem in Start-Ups im Technologie-Sektor involviert.. Vor fünf Jahren kam Halliday, der eine journalistische Vorgeschichte hat, für ein türkisches Sommerstudienprogramm, das Teil seines Politikwissenschaftsstudium war, an die Boğazıçı University. In anderen Worten: diese beiden sind darauf spezialisiert, Lücken und Löcher zu analysieren.

 

Innovation kontra Wiederholung

Aber um die Löcher zu enthüllen, muss man das Gewebe erkennen, in dem sie existieren. Und Halliday und Van der Linden führen an, dass im Kampf der Innovation gegen Widerholung und Kopie die Türken darin stark sind, dass sie Systeme und Geschäftsmodelle, die sich bereits bewährt haben, nachbilden, anstatt neue zu erfinden oder gründen. Aber irgendjemand muss doch diese kopierten Ideen eines Tages erfunden haben, oder? Und genau das ist es, was Hub-Gründer fördern wollen: jene “inklusiven” Köpfe, die einen exklusiven Platz brauchen, an dem man ihre Innovationen sehen und hören kann, an dem man über ihre Ideen redet, an dem sie ausgearbeitet und weitergeführt werden.

 

Des weiteren geht es bei einem Hub letzten Endes auch um eine Gastgeberrolle, und was Gastfreundschaft angeht, sind die Türken wirklich gut. Da, wo die Rolle des Gastgebers geschätzt, ja hoch gelobt und als eine Form von Kunst angesehen wird, wird das gastgeberbetonte Hub-Konzept leicht angenommen. Das Hub in Istanbul wird ein Ort, an dem Innovatoren und Denker fast so eine Art persönlichen, beruflichen Concierge haben: jemanden mit Erfahrung, entsprechenden Hilfsmitteln, Kenntnissen über die Stadt und ihre Bürger, und der Fähigkeit, die beruflichen Wünsche der Menschen im Hub intuitiv zu erkennen – unter anderem.Halliday und Van der Linden sagen, dass sie in diese Stadt gezogen sind, sich in ihren jeweiligen Stadtteilen eingelebt und sie zu den ihren gemacht haben, so, wie es halt jeder Stadtbewohner tut. Mit dem Hub wollen sie die Chance ergreifen, Bewohnern anderer Städte die gleiche Gelegenheit zu bieten und die „gestrichelten Linien“, die ähnlich gesonnene Menschen verbinden, zeitweise an einem Ort zu bündeln. Ob man nun genau versteht, was ein Hub ist, ist nicht so wichtig - wichtig ist, das Istanbul eines benötigt.

 

Foto 1: Unbekannt

Fotos 2, 3, und Teaser: The Hub

So, 08.04.2012 0

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08.03.2011

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