Egotronic: Hochkultur interessiert uns nicht
Die Gelegenheit ist günstig. Mit den brav-biederen Electro-Punkern von Egotronic gastieren Gäste aus der inoffiziellen Kulturhauptstadt in der offiziellen. Bevor es für sie zur gefühlten Mittagsstunde um viertel vor Zehn (p.m.) auf die Bühne des Bochumer Bahnhof Langendreer geht, relativieren die Berliner den Hype um ihren Wohnort und erklären, wie und warum sich andere Kommunen dennoch ein paar Scheiben von diesem abschneiden können.
Seid ihr gesellschaftspolitisch bedeutsam genug, um vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden?
KT&F: Er hat bestimmt mehrere Angestellte auf uns abgestellt.
Torsun: Ich glaube bis heute, dass der Herr Endemann eigentlich ein V-Mann ist, den sie bei Egotronic eingeschleust haben. Ich kann es noch nicht beweisen, aber ich arbeite daran.
Endi: Es wäre ja sehr traurig, wenn die nichts Besseres zu tun hätten.
KT&F: Wir sind keine Politgruppe…
Torsun: …wir unterstützen so etwas nur gerne. Es ist nicht so, dass wir in irgendeine Stadt kommen und dann gleich etwas brennt.
Bei Antifa-Demos im Ruhrgebiet hat sich „Raven gegen Deutschland“ schon als einer der Gassenhauer etabliert.
Torsun: Wir kommen auch alle aus der Szene, haben viel in AZs gemacht. Von daher hat man natürlich den Bezug zu den Leuten. Insofern freut es mich total, dass der Songs auf Demos läuft.
Endi: Um die Frage endgültig zu beantworten – Wir arbeiten darauf hin!
Egotronic-Songs glorifizieren mitunter einen ausschweifenden Drogenkonsum. Untergräbt nicht gerade die geistige Betäubung das revolutionäre Potenzial des Individuums?
KT&F: Erstens wird Drogenkonsum bei uns nicht glorifiziert, sondern dokumentiert. Revolutionäres Potenzial ist Bullshit. Jeder, der heute noch revolutionäre Politik macht, hat den Schuss nicht gehört.
Torsun: Das sehe ich schon anders.
Endi: Ich aber auch.
KT&F: Ich bin kein Freund von revolutionärer Politik. Politik, die auf eine Revolution ausgelegt ist, fände ich eher fatal. Eine Revolution, die vom deutschen Bürgertum ausgeht, wäre das denkbar schlechteste.
Torsun: Ohne Revolution gebe es keine fundamentale Veränderung. Aber man hat es in den 90er Jahren gesehen. Als das deutsche Volk aufbegehrt hat, haben die Flüchtlingsheime gebrannt. Mit den Leuten kann man natürlich gerade keine Revolution machen.
KT&F: Natürlich ist es wünschenswert, wenn man über eine emanzipierte Revolution hin zu einer freien Gesellschaft kommen würde. Es gibt utopische Politik und Realpolitik.
Torsun: Um auf die Frage nach der Glorifizierung zurückzukommen. Wenn du dir ein Stück wie „Pilze“ anhörst, das ist gar nicht so positiv, sondern greift Ängste auf. Von daher ist es nicht so, dass wir Drogenkonsum glorifizieren, es wird nur daraus abgeleitet. Ein Stück wie „Verspult, verballert“ ist vielmehr eine Dokumentation. Nichtsdestotrotz können Drogen auch Spaß machen.
KT&F: Sekt & Selters.
Kultur ist natürlich ein weiter Begriff. Von Hochkultur, sprich Theater und dergleichen haben wir keine Ahnung. Das interessiert uns auch nicht.
KT&F: „Kulturhauptstadt“ ist so ein Marketing-Label, das jedes Jahr zur Standort-Vermarktung weitergereicht wird. Das heißt noch lange nicht, dass sie die Kulturmetropole Europas ist.
Endi: Das macht Berlin auch und vermarktet sich als Club-Hauptstadt Europas.
Torsun: Der Bereich, wo in Berlin die meisten Arbeitsplätze geschaffen werden, ist die Feierindustrie. Die ganzen Wochenendtouristen, die dort hinfliegen, um auf den Putz zu hauen, bringen Geld dorthin.
KT&F: Es ist auch so, dass alternative Projekte, z.B. in Duisburg vor 2010 noch schnell platt gemacht worden sind. Da geht es nicht um eine breit gefächerte Kulturlandschaft, sondern wie man Geld in die Städte bekommt.
Torsun: Berlin hat auch lange gebraucht um das zu raffen und versucht, die ganzen illegalen Clubs dicht zu machen. Langsam fangen sie zu kapieren, dass genau das auch die ganzen Leute in die Stadt zieht und man damit Geld verdienen kann.
Torsun: Mal ganz im Ernst. Baust du in Hamburg am Wochenende in einem Park ein Soundsystem auf, ist das Ding eine halbe Stunde später niedergeknüppelt. In Berlin wird das zugelassen.
KT&F: Das geht sonst fast nirgendwo. Selbst in Leipzig wird im Sommer fast jedes zweite Open-Air geräumt.
Warum klappt es in Berlin besser als im Ruhrgebiet, sich zu vernetzten, nachhaltige Kunst zu schaffen günstige Orte für Freischaffende bereit zu stellen?
Torsun: So wie wir!
Endi: Da bleiben nicht mehr viele Möglichkeiten übrig, was man machen will. Wenn du unheimlich viele Leute auf einem Haufen hast, die kreative Ideen haben, funktioniert das auch. Berlin ist immer noch eine einfache Stadt, um etwas zu versuchen. Das liegt an ganz vielen Faktoren, z.B., sie ist im Vergleich zu anderen Städten immer noch recht billig ist.
Wir wohnen alle in Friedrichshain. Es gab eine Zeit, da war der Bezirk leer. Dann bist du zum Amt gegangen und die haben dir das Geld hinterher geschmissen.
KT&F: Leipzig ist auch eine Stadt mit viel Leerstand, mehr noch als im Ruhrgebiet, oder Berlin. Da haben die Stadtentwickler gecheckt, dass Kunst- und Kulturschaffende Potenziale bergen und schauen, wie sie diese in die Stadt integrieren können. Es gibt so Projekte, in der die Leute den leer stehenden Laden anmieten, dazu gratis die Wohnung darüber anmieten und unten eine Galerie oder ein Atelier eröffnen.
- Fotos: Michael Blatt
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