
Duncan White: Event Theorie
Das Traumleben technologischer Objekte
- Serie: Media Art
Inspiriert von Zoe Beloffs neuer Ausstellung in der Site Gallery in Sheffield reflektiert der Londoner Medienkunst-Experte Duncan White über das ‘Traumleben’ moderner Medientechnologien.
“Ich bin eine intelligente Kamera”
Mitten auf einer nassen und belebten Londoner Straße wurde meine Aufmerksamkeit letzte Woche von einer sprechenden Kamera gefangen genommen: “Ich verändere alles!” sagte sie mir. “Ich bin von Anfang an dafür gebaut worden, die Welt, wie du sie festhalten willst, zu revolutionieren!”
Wir mögen zwar das Zeitalter der „Smart Phones“ erreicht haben, aber für das geheime Leben von Gegenständen ist das schon fast ein alter Hut.
Angefangen bei The History and Adventures of an Atom von Tobias Smollet (1769), oder The Adventures of a Corkscrew (1775) bis hin zu William Burroughs sprechendem Kothaufen in The Naked Lunch (1959) ist das unbelebte Objekt seit mindestens zwei Jahrhunderten mit einem eigenen Leben ausgestattet worden. Zweifellos als Antwort auf die stetig fortschreitendenden Formen der mechanischen Herstellung, die, wenn sie einmal eingeschaltet war, mit fast eigener Kraft arbeitete, automatisch und, so schien es zumindest damals, fast mit einem Eigenleben versehen. Ein Eigenleben, das in einer beängstigend technologisch ausgeklügelten Zukunft das unbelebte Objekt so mit Leben füllen würde, dass es ernsthaft beginnen würde, sich selbst zu erzeugen – und das kümmerlich unproduktive 
Aber keine Angst – diese Objekte, wie zum Beispiel meine sprechende Kamera, existieren nur, damit ich mich besser fühle, damit mein Leben einfacher wird, damit die Kapazitäten meiner ansonsten begrenzten physischen Attribute verbessert werden... Zumindest in der Gegenwart.
Zoe Beloff hingegen, eine schottische Künstlerin, die seit langen Jahren in den Vereinigten Staaten lebt, hat es sich zum Beruf gemacht, das, was sie “das Traumleben der technologischen Objekte” nennt, zu erforschen, und herauszubekommen, ob diese Objekte nicht eher selber für sich und von sich träumen als im Namen der traumlosen Individuen, die sie „besitzen“.
Mutt und Jeff – ein höllischer Alptraum
Beloffs neue Ausstellung in der Site Gallery in Sheffield, ‘The Infernal Dream of Mutt and Jeff’, erforscht auf wunderbare Weise das unheimliche Terrain des Geheimlebens von Zeichentrickcharakteren.
Die Installation beinhaltet eine große, drei Monitore umfassende Videoprojektion, eine 16mm-Zeichentrickfilmschleife und einige Requisiten, die in den Filmen auftauchen. Zusätzlich gibt es auch Modelle von Frank und Lillian Gilbreths ‘Chronocyclographen’ aus den Zwanzigern und Wandkarten, auf denen die politische Geschichte der „Remediation“ von Comicstrip zum iPhone nachgezeichnet wird.
Die Projektion auf den drei Monitoren bringt 
Hier sehen wir, wie – wie Beloff sie nennt – ‘produktive und unproduktive Körper’ sich wortwörtlich in Wettbewerbe mit sich selbst begeben, um so effizient wie möglich zu arbeiten.
Diese “außerkörperliche” Erfahrung wird in Lehrfilmen tatsächlich als eine Art von Zwillingsdouble dargestellt. In einer Sequenz des Films wartet die Arbeiterin auf der rechten Seite auf ihr weniger produktives Selbst, um dieselbe Arbeit zu beenden.
Die eine ist ein Beispiel für die andere, wie man eine perfektere Maschine werden kann. Mit der Zeit werden die Bewegungsabläufe so effizient, dass die Werkgegenstände ein Eigenleben zu bekommen scheinen und Arbeiter und Werkstück fast schon die Positionen zu tauschen scheinen.
Für die Projektion auf den drei Bildschirmen hat Beloff noch einen dritten Film gemacht, in dem die Werkstücke, die Objekte, mit den Menschen reden – aber nicht als effiziente Gegenstände, die unser körperliches Wohlbefinden verbessern, wie die sprechende Kamera, auf die ich auf einer Londoner Straße gestoßen war – sondern als konvulsive, lebhafte, unberechenbare Objekte, die kollabieren, zurückschlagen und den Dienst versagen. Keine ‘smarten’ Telefone. Nur slapstickhafte Fehlfunktionen eines wiederbelebten Witzbolds, wie beim Zeichentrick!
Comic-Welt

Jeff und Mutt, zwei hoffnungslose Slapstick-Typen, nehmen eine wirklich zu Eis gefrorene Hölle, in der es nicht einmal mehr Feuer gibt, in Beschlag, und versuchen zu überleben, indem sie sich gegenseitig austricksen und sich Faustkämpfe à la Tom & Jerry liefern.
Eine Comicfigur ist gleichzeitig ein “Ding” und eine “Person”. Das 
Aber man sollte sich daran erinnern, dass Comics wegen ihrer kindlichen Art oft als “sicher” angesehen werden – gleichzeitig kommen sie aber mit einer kühnen Kritik an der Mainstream-Kultur davon, während sie standhaft mainstream-artig daherkommen (siehe auch „Die Simpsons“ oder „Team America”).
Beloff fügt hierzu noch an, dass Walter Benjamin sagt „dass Comics die Tatsache beleuchten, dass das, was als Zivilisation durchgeht, eigentlich Barbarei ist.” Das Traumleben von Gegenständen ist dann der Alptraum der arbeitenden Menschen, die die Kontrolle über die Dinge, die sie herstellen, verlieren, die im Gegenzug mehr Wert und Kontrolle erlangen als ihre Hersteller.
Für Adorno war Donald Duck, der mal wieder zusammengeschlagen wird, "eine weitere Art, Leuten eine Lektion in Sachen Bestrafung zu erteilen, damit sie daran gewöhnt wurden, dass sie von ihren Bossen eins übergezogen bekommen würden." (Beloff)
Infernalischer Alptraum
Aber das ist vielleicht das Widersprüchliche in dieser Ausstellung.
Kino mag das belebte Objekt / Produkt schlechthin sein – und stellt Beloff die uralte und immer drängende Frage:
"War Kino von Anfang an ein Medium der psychosozialen Kontrolle – oder hat es das Potenzial, uns die Welt auf neue Art zu zeigen? Können wir aus der Welt der Illusion erwachen oder ziehen uns unsere digitalen Medien noch tiefer in sie hinein?"
Das Traumleben der Technologie ist natürlich das Traumleben von uns simplen Sterblichen, verschoben, neu verpackt und an uns zurückverkauft als hyper-verständlichen, adaptierbaren, “smarten” Gebrauchsartikel, der uns besser kennt als wir uns selber.
Also – wovon träumen Sie zu Beginn des neuen Jahres? Oder sollte es heißen: Welches Objekt wird dieses Jahr Ihre Gedanken träumen?
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