"Eintagsfliegen", 99cent-theater, fkt bochum

In drei Tagen von Null auf Premiere

Die "Eintagsfliegen" des 99cent-Theater schwirren auf Entdeckungsreise durch das Ruhrgebiet

„Wir wollen unsern ganzen Mut aufbringen, raus gehen und in das Leben im Ruhrgebiet eintauchen.“ Eine kühne Ankündigung, die dem aktuellen Projekt „Eintagsfliegen“ aus dem Hause 99cent-Theater vorauseilt. Doch das Ensemble um Regisseur Boris Mercelot begibt sich gleich bei der ersten von sechs Stationen dahin, wo es wehtut. Für satte elf Stunden in den Regionalexpress der Linie 1. Das Erlebte wird gespeichert, verarbeitet und dann zwei Tage später im Bochumer FKT in Szene gesetzt.

„Das hat was. Künstlerische Freiheit ist ein Luxus. Einfach fahren, beobachten, aufnehmen und wenn man dafür auch noch Geld bekommt – doch…“, heißt es im Verlauf des Stückes und ein anwesender Journalist, der mit seinem Artikel über das Geschehen wieder einen Teil der Monatsmiete bezahlen wird, denkt den Satz - inspiriert von Kettcar - im Stillen stellvertretend für all die freischaffenden Künstler da draußen zu Ende: ...irgendwie schon besser im Taxi zu weinen, als im RE1, oder nicht?"

Nicht an einen Ort gebunden, aber per „wir hier“ im Ruhrgebiet verortet, legt das 99cent-Theater in einer Dreiviertelstunde unter Zuhilfenahme von vor Ort entdeckten sowie im Baumarkt besorgten Requisiten Zeugnis seiner Feldforschungsreise ab. Regisseur Mercelot ergänzt zwar im anschließenden Gespräch, man erhebe „keinen Anspruch auf Repräsentativität“, aber das Bochumer Publikum gibt den Schilderungen von Monodialogen, Gedankenreisen und Verhaltensweisen zum Auftakt seinen Segen. „Leben wir ganz altbacken ein provinzielles Leben (…) oder sind wir mit unseren Kreativquartieren auf der Höhe der Zeit (…)?“ Darauf eine Antwort zu geben, ist gar nicht mal unbedingt Sinn der „Eintagsfliegen“. Vielmehr mögen sie im bestenfalls dazu beitragen, dass jeder Zuschauer den eigenen Radar kreisen lässt. So reduziert sich das zitierte „wir“ also nicht allein auf die Theaterschaffenden.

Gleichzeitig geben die drei Schauspieler Andreas Browa, Markus Draxler und Elisa Müller durch ihre punktuelle Recherche an den jeweiligen Orten zunächst die Richtung vor und eignen sich dabei Erfahrungswerte an. Dass die Taktung im ÖPNV des Ruhrgebiets „einfach eine Farce“ sei, ist ein nur zu gut nachvollziehbares Beispiel. Bezogen auf den Wandel im Laufe der letzten Dekade falle in punkto Zug fahren vor allem die Technik, genau genommen die Präsenz von Mobiltelefonen und Computern im öffentlichen Raum auf. Das Buch und die Kopfhörer als Rückzugswerkzeug sind geblieben. 

Mittlerweile ist das 99cent-Theater weiter gezogen nach Oberhausen. Ein neuer Ort, eine neue Situation. „Wir starten jedes Mal bei Null“, weist Boris Mercelot auf die besondere Herausforderung des Projekts hin. Mülheim, Dortmund, Essen und Duisburg lauten die folgenden Stationen, allesamt jeweils das "alte" als auch das "neue" Ruhrgebiet repräsentierend, ehe am 29. Oktober ebenfalls in Duisburg die Erkenntnisse der durch die NRW-Kulturförderung finanzierten Forschungsreise öffentlich analysiert werden.

 

Termine:

02./03.09. Oberhausen "Die 'alte' Mitte" (Ladenlokal; Helmholzstr. 32/Saporoshje Platz)

18./21.09. Mülheim "Entenfang vs. Ruhrbania" (Ladenlokal unter Parkhaus des ehem. Kaufhof; Friedrich-Ebert-Str. 35-39)

07./08.10. Dortmund "Der Flughafen" (Theater im depot)

11./12.10. Essen "Die Messe" (Zeche Carl)

27./29.10. Duisburg "Der Stadtteil Bruckhausen" (Ev. Pfarramt Bruckhausen; Schulstr. 41a)

Fr, 02.09.2011 0

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05.01.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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