
DRAMA QUEENS Von Münster ans Old Vic – Theater, die internationale Kunstszene und Kevin Spacey
- Serie: Ökonomie, Theater Wagen
Exklusiv für das Portal 2010LAB berichte ich hier in fünf Teilen von meiner Arbeitserfahrung als Schauspiel-Regisseur im Bereich der visuellen Künste. Wo überschneiden sich die Medien und wo treffen Konventionen des Theaters auf hypermoderne Arbeitsmethoden?
Teil eins:
Skulptur Projekte 07 - Münster wird endlich weltoffen und bunt
Angefangen hatte alles in Münster an den städtischen Bühnen. Ich war dort als Regieassistent fest angestellt und hatte gerade meine zweite eigene Regiearbeit für das kleine Haus erfolgreich beendet. Dann kam kurz vor Spielzeitende die Order von oben, dass ich ein Projekt der skulptur projekte münster 07 betreuen sollte. Ein skandinavisches Künstlerduo, Elmgreen und Dragset, plante etwas auf der Bühne im großen Haus zu machen. Wer war das und was hatten die vor?
Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich Michael Elmgreen und Ingar Dragset zum ersten Mal in der Theaterkantine traf und wir uns locker über das Projekt unterhielten. Mir wurde schnell klar, dass wir hier die einmalige Chance hatten endlich zeitgenössische visuelle Kunst mit der alten Kunst Theater zu verbinden. Dazu gab es aber noch eine Menge zu organisieren.
Ins Theater verirrt: Visual Arts meets Schauspiel
Michael und Ingar ließen gerade Reproduktionen zeitgenössischer Skulpturen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fertigen. Die sollten sich ins Theater verirrt haben. Anstatt in den White Cube einer Museumshalle, kamen sie in den Black Cube der Bühne. Tim Etchells von Sheffields Forced Entertainment schrieb dazu gerade den Text, denn diese Skulpturen sollten sprechen.
Der Text kam vom Band, aber er musste einstudiert, zum Leben erweckt werden.
Der Text war auf Englisch, Denglisch und Schweizer Englisch. Für das Tonband konnten wir Muttersprachler aus dem Schauspiel- und dem Opernensemble der städtischen Bühnen für unsere Sache begeistern. Dank der guten Ausstattung eines Stadttheaters konnten wir das im Tonstudio des Theaters produzieren. Soweit okay, aber dann? Sollten die Skulpturen dann da rumstehen? Wo war neben der Sprache die Dramatik der Bewegung?
Remote-Controlled Actors: elektronische Skulpturenfabel
Michael sagte, dass die Skulpturen ferngesteuert seien. Wie ferngesteuert? Jede der sechs Skulpturen wurde samt Podest mit Metallchassis, Autobatterie, Servo und Empfänger, Getriebe und zwei Antriebsmotoren angefertigt. Per handelsüblichem RC-Sender im Fernbedienungsgehäuse konnten sie von weitem unsichtbar gelenkt werden. So weit die Idee.
In mir wurden Erinnerungen an meinen RC Geländewagen wach, den ich mit zehn Jahren zu Weihnachten bekommen hatte, während vor mir die Bilder der Skulpturen in ihren Dimensionen lagen:
Das war die Besetzung: Ulrich Rückriems schroffe Granitstele 'Untitled' mit 2,80 Meter Höhe. Ein 'Walking Man' nach Giacometti mit 45 Kilogramm Gewicht und 3,10 Meter lichte Höhe. Eine flinke 'Elegy III' nach Barbara Hepworth. 'Cloud Sheperd' nach Jean Arp nimmt sich 1,50 Meter im Durchmesser aus. Ebenso breit drischt Sol Lewitts 'Four Cubes' wie ein Konglomerat aus freistehenden Fensterrahmen mit scharfen Kanten auf die Bühne. Und Jeff Koons 'Rabbit' glänzt als rasender Angeber mit Eisenmöhre in der Hand. Und wer fährt die RC-Skulpturen aus der letzen Reihe, erster Rang? Die Statisten. Also los!
Im zweiten Teil gibt es den Bericht, wie DRAMA QUEENS in Münster ankam.
Hier kann man einen Ausschnitt aus der Münsteraner Performance sehen: http://www.artreview.com/video/video/show?id=1474022%3AVideo%3A475494
Fotos:
Four Cubes im Studio
Rabbit auf Probebühne
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System Relevant und Spannend
Auf die Serie freue ich mich! Selten habe ich so ins Innenleben an einer der spannenden Nahtstellen unserer Kulturen schauen können. Ist überhaupt klar was hier passiert? Kunst-Gattungen verlassen ihre Avantgarde-Ghetto. Klar kann man nun sagen - ja und? Wen kümmert es? Aber es gilt seit 2000 Jahren: Kunst war immer Vorreiter - oft auch wider Willen. Und so auch hier - die Systemgrenzen der Disziplin zu verlassen, ist das Gebot der Stunden: Sei es um Stadterneuerung zu betreiben, die kein Stadtplaner heute mehr alleine ohne Subkultur realisieren kann; Sei es um Mobilität zu sichern, die kein Autokonzern künftig mehr ohne Stromkonzerne schaffen kann.... Sei es um Bildung zu fördern, die keine Schule mehr ohne Künstler leisten kann....
Also "Theater meets Visual Art" ist für mich so spannend wie weitreichend.
Und außerdem bin ich Fan der skulptur.projekte münster