DRAMA QUEENS Teil zwei: Alle zehn Jahre wird Münster inter- national und überrascht die Konventionen der Bühne

Von der ersten Probefahrt zum Auftritt
Wie probiert man ein Stück, in dem es keine Menschen als Schauspieler gibt? Wie redet man mit den Skulpturen? Und wie entwickelt man die Charaktere?
Zunächst wählten wir aus einem Pool von Münsteraner Statisten und freien Berliner Künstlern die Fahrer, indem wir sie an die Knüppel der Fernbedienung ließen. Dann gründeten wir unser australisch-westfälisch-portugiesisch-hessisches Fahrtrainingslager auf Probebühne vier. Fahren üben, Tempo und Geschmeidigkeit waren das erste Trainingsziel. Schnell zeigte sich, dass aufgrund der verschiedenen Dimensionen und Gewichte jede Figur seine eigenen Bewegungsqualitäten besaß.

Biomechanik versus motorisierte Starre
Was ersetzt hier Mimik und Gestik? Mit S-Bögen, Radius, Rückwärtsfahrt, Geschwindigkeit, Kippeln und Schwenks wurde nun am Text gearbeitet. Wer steht wo im Raum? Wo ist eigentlich die Nase von Elegy III und hat Cloud Sheperd überhaupt einen Rücken? Das Stück ist ein groß angelegter Streit der Skulpturen darüber, wer der beste Schauspieler ist. Dabei wird ordentlich über die Eigenarten und das fiktive Leben der Skulpturen und ihrer Schöpfer gefrötzelt und der internationale Kunstmarkt gehörig aufs Korn genommen. Jetzt wurde daran gearbeitet, wie zwei einen dritten in die Zange nehmen oder wie einer den anderen von der Bühnenrampe fährt. Und natürlich fehlte es auch nicht an einer Love Story, die in einem Boxkampf zwischen Four Cubes und Walking Man mündet.

Scherkräfte überwinden
Einer der Hauptfeinde unserer Unternehmung war ein Splint, der jeden Reifen auf der Antriebsachse des Scheibenwischermotors sicherte. Bei hoher Geschwindigkeit und abrupten Stopps traten dabei Scherkräfte auf den Splint. Neben gelegentlichen Crashs säbelten uns reihenweise Splinte entzwei. Der Reifen drehte nur noch durch. Da ging dann nichts mehr. Da es sich bei allen Skulpturen um Prototypen handelte und es noch keinen ADAC für RC-Skulpturen gibt, mussten wir immer selber ran und alles selber reparieren. Schnell war ein Crash Kurs in Elektrik und Mechanik absolviert.
Nach der Probe kamen die Hauptdarsteller dann alle ans Netz. Die Autobatterien brauchten wieder Saft für den kommenden Einsatz.

overwhelming acclaim
Bei den Besuchern der skulptur projekte münster 07 schlug das Stück ein. Das Stück traf den Nerv des internationalen Publikums aus Sammlern, Experten, Kunstinteressierten, -liebhabern und Kuratoren. So etwas hatten sie noch nie gesehen. Dabei wurde sehr viel über die Branche gelacht. Wo waren aber die Theatergänger? Und wo waren die Münsteraner, die so etwas einmaliges in ihrem einmaligen schönen Theater hätten erleben können?

Pannenstatistik ignoriert
Einmal, es war die vierte oder fünfte Aufführung, hatte Four Cubes während laufender Vorstellung kompletten Navigationsausfall. Wir stoppten das Stück, ließen den Rabbit auf dem Proszenium tanzen und reparierten hinterm Vorhang Four Cubes. Das heißt, wir ersetzten den zerscherten Splint. Nach knapp zehn Minuten ging es weiter. Auch das war eine Weltpremiere.

Mit den erfolgreichen Aufführungen in Münster war nun die internationale Kunstszene auf das Stück aufmerksam geworden. Das nationale Theater oder gar das deutsche Schauspiel interessierte diese Art von Crossover so gut wie gar nicht. Es gab zwar einen Artikel in Theaterheute, aber bis heute weiß ich nicht, warum die darstellende Kunst eigentlich Angst davor hat, sich aus ihren tradierten Produktionsbedingungen und -ansprüchen zu lösen.

Im dritten Teil gibt es den Bericht, wie DRAMA QUEENS in Basel ankam,
Skulpturenemanzipation: Elegy III spinnt sich frei
Hier kann man einen Ausschnitt aus der Münsteraner Performance sehen:
http://ow.ly/20iyw

Fotos:
Walking Man backstage
Splint
Theater Münster, muenster.de

Mehr Beiträge im Lab:

Fr, 18.06.2010 1

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Kommentare

verkannt

Meine Lieblingsserie spricht heute eine Wahrheit locker lesefreudig aus: Die Verkennung des Crossover durch die eigene Zunft. Zumindest in Deutschland eine traurige Selbsterfahrung.... dennoch: Weiter machen!

Über den Autor

08.03.2010

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