
Sabine Maria Schmidt: Videokunst und City-Hacking bei Folkwang
- Serie: Medienkunst
Am 5. Juni 2010 begann die Doppelausstellung „Das im Entschwinden Erfasste – Videokunst aus der Sammlung“ und „Wolf Kahlen – VideoTapes 1969-2010“ im Museum Folkwang. Ein Gespräch mit Dr. Sabine Maria Schmidt, der Kuratorin für zeitgenössische Kunst.
Jens Kobler: Das Museum Folkwang geht in seinem ersten „neuen“ und im Kulturhauptstadtjahr in vielerlei Hinsicht in die Offensive: Eine neue Architektur, die Herausstellung der eigenen Geschichte, eine Öffnung für neue Zielgruppen, die Erschließung weiterer Ausstellungsflächen und ein umfangreiches Ausstellungsangebot. Wie gestaltet sich in diesem Rahmen die konzeptionelle Arbeit für das Museum? Sind dabei eher mehr oder weniger Grenzen gesetzt?
Sabine Maria Schmidt: Der Architekt David Chipperfield hat über seinen Erweiterungsbau von einer „dienenden Architektur“ gesprochen, die uns in der Tat unbegrenzte Möglichkeiten für Ausstellungen und Begleitprogramme eröffnen. Ich persönlich habe seit meinem Einstieg als Kuratorin hier im Jahre 2007 durch die Umbruchsituation ständig Ausstellungen in verschiedenen Räumen machen können. Das ist ein Geschenk! Wann bekommt man so eine Gelegenheit schon einmal? Aber es ist natürlich auch eine Riesen-Herausforderung. Mit den beiden Videoausstellungen werden die neuen Ausstellungsräume im Untergeschoß des Altbaus eingeweiht, ein historisches Debüt. Es ging also auch darum, sich mit der Ausstellung die Räume erstmals zu erschließen. Obwohl Videokunst normalerweise spezifische Lichtsituationen (meist Dunkelheit) und auch eine behutsame Vorgehensweise in Bezug auf die Akustik fordert, habe ich relativ wenig Eingriffe in die vorgegebene Architektur vorgenommen. Ich glaube, dass das gut funktioniert, sowohl hinsichtlich der Begegnungsmöglichkeiten für das Publikum als auch des historischen Kontextes, der ja der Ausstellung zugrunde liegt.Was Ihre Frage zum Ausstellungsprogramm anbelangt: Generell gibt es in diesem Jahr eine gewisse innere Notwendigkeit, die dem Gesamtkonzept innewohnt: Wir schauen zurück, was passiert ist, vergegenwärtigen uns der Wurzeln und des Erbes des Hauses und der Sammlung und versuchen das, was in der Geschichte passiert ist, in die Zukunft zu tragen. Man „switcht“ auf der Skala zwischen “Vergangenheit Gegenwart Zukunft“ ständig hin und her. Das ist sicherlich eine sehr besondere Situation.
Jens Kobler: Inwiefern gibt es denn Einschränkungen, einen gewissen Geist in die Zukunft zu transportieren, der mittlerweile vielleicht andere Erscheinungsformen hat? Es könnte sich ja die Frage stellen, rein technisch oder von den Genres her betrachtet, ob gewisse Herangehensweisen, von der Performance bis zur Multimedialität, in dieses Museum oder zu diesem Museum passen.
Sabine Maria Schmidt: Konzeptuell ist in diesem Hause meiner Meinung nach alles möglich, wenn es hinsichtlich der Qualität und Notwendigkeit überzeugt. Sicherlich sind wir nicht für alle Gattungen gleich stark ausgerüstet, so fehlte uns ein entsprechender Gerätepool, der ohnehin den technischen Entwicklungen angepasst werden muss. Es gibt kein „No go!“ für spezifische Genres oder Gattungen.
Ein Museum lebt von der Kunst und die kommt von den Künstlern. Meine Aufgabe ist es, mit den zeitgenössischen Künstlern zu arbeiten und dazu gehört sowohl Wolf Kahlen, der seinen siebzigsten Geburtstag feiert, als auch ein junger Künstler wie Patrick Borchers, der bis dato kaum im Museumskontext gezeigt wurde. Dass diese Künstler hier gezeigt werden und sogar produzieren können, das ist eine Konstante des Museum Folkwang.
Dass wir als Museum auch Produktionsort für Bildende Kunst sind, das war in den Zwanziger Jahren schon so, man denke an die Wandmalereien von Ernst Ludwig Kirchner und Willi Baumeister. Zur Eröffnung des Neubaus wurde übrigens die Düsseldorfer Gruppe „Konsortium“ mit zwei Wandmalereien beauftragt, die sich im Café und im Parkhaus befinden. Uns ist es wichtig, dass die Künstler in ihren Ausstellungen hier auch neue Werke produzieren können, wenn es nur irgendwie finanziell machbar ist. In den siebziger Jahren – und darauf basiert die Videoausstellung – wurde hier vom damaligen Direktor Paul Vogt ein Videostudio eingerichtet. Das war in einer Zeit, in der Fotografie und Video längst noch nicht als Kunst anerkannt wurden. Hier konnten Kameras geliehen, Schnittgeräte benutzt werden und eine Zeit lang hat das Museum Folkwang auch Dienstleistungen für andere Museen übernommen, die Kopien oder Aufnahmen brauchten.
Dass wir als Museum auch Produktionsort für Bildende Kunst sind, das war in den Zwanziger Jahren schon so, man denke an die Wandmalereien von Ernst Ludwig Kirchner und Willi Baumeister. Zur Eröffnung des Neubaus wurde übrigens die Düsseldorfer Gruppe „Konsortium“ mit zwei Wandmalereien beauftragt, die sich im Café und im Parkhaus befinden. Uns ist es wichtig, dass die Künstler in ihren Ausstellungen hier auch neue Werke produzieren können, wenn es nur irgendwie finanziell machbar ist. In den siebziger Jahren – und darauf basiert die Videoausstellung – wurde hier vom damaligen Direktor Paul Vogt ein Videostudio eingerichtet. Das war in einer Zeit, in der Fotografie und Video längst noch nicht als Kunst anerkannt wurden. Hier konnten Kameras geliehen, Schnittgeräte benutzt werden und eine Zeit lang hat das Museum Folkwang auch Dienstleistungen für andere Museen übernommen, die Kopien oder Aufnahmen brauchten.

Jens Kobler: Gerade fand eine Podiumsdiskussion zu „Public Art“ statt. Gesellschaftliche Interventionen oder Kunst im öffentlichen Raum werden dennoch nach wie vor nicht zwingend mit dem Museum Folkwang in Verbindung gebracht. Auch das soll sich demnächst mit „Hacking the City“ weiter ändern?
Sabine Maria Schmidt: Mein gesamtes bisheriges Programm kreiste um die Frage nach der gesellschaftlichen Verortung und Notwendigkeit von Kunst, nach ihren Ausdrucksmöglichkeiten und Bezugsfeldern. „Hacking the City“ geht aber tatsächlich einige Schritte weiter. Es ist für mich ein kuratorisches Experiment, das der künstlerischen Praxis des kulturellen Hackings nachspürt. „Hacking the City“ ist ein Beitrag zur Kulturhauptstadt im Kontext von „Mapping the Region“ der Ruhrkunstmuseen. Es ist tatsächlich ein außergewöhnliches Projekt für ein Museum. Man würde es eher bei Kunstvereinen oder Kunsthallen vermuten, die sich in den letzten Jahren allerdings vielerorts mit ausgesprochen „musealen Ausstellungsprogrammen“ präsentieren. In Essen fehlen wichtige Institutionen, so dass wir auch hier Impulsgeber sein sollten.
Das Projekt basiert auf drei wichtigen Säulen und findet an drei Orten statt: im öffentlichen Raum (mit Konzentration auf die Stadt Essen), auf der Homepage „hackingthecity.org“ und im Projektraum, der sich im Museum befindet.

Jens Kobler: Ein schöner Anknüpfungspunkt, um noch einmal auf „Das im Entschwinden Erfasste“, also eine der aktuellen Ausstellungen, zurück zu kommen. Der Titel hat ja mehrere Bedeutungsebenen, wo es auch um die Transformation von Information und Medien geht.

Jens Kobler: Sie reden von „kulturellem Hacking“. Was genau ist damit gemeint?
Sabine Maria Schmidt: Der Begriff, den wir vornehmlich aus dem Bereich des Computer-Hackens kennen, stammt eigentlich aus dem Journalismus. Damit ist gemeint, ungefragt in Systeme einzudringen, sie hinsichtlich ihrer Strukturen und Schwächen zu analysieren und auch Machtverhältnisse zu hinterfragen. Es geht in unserem Projekt um die Frage nach den öffentlichen und kommunikativen Räumen und darum, wie wir darin leben. Wie werden diese Räume strukturiert, wer bestimmt, wie wir uns darin verhalten? Das Leitthema der Ausstellung sind dabei Sichtbarkeits- und Unsichtbarkeitsstrategien. Eine Frage ist: Wie werden verdeckte und unausgesprochene Grenzen spürbar?
Das Projekt schließt „Event-Charakter“ aus. Manche der Aktionen werden angekündigt, manche nicht. Manche der Beteiligten sind bekannt und renommiert, andere völlig unbekannt.
Auch hat sich das Verhältnis ja völlig verkehrt. Wer hackt eigentlich heute wen? Guerilla-Advertisement zum Beispiel ist zu einer gängigen Werbestrategie geworden. Und sind es nicht die Kuratoren der Ruhr.2010, die die A40 hacken, wenn es ihnen gelingt, diese für einen Tag sperren zu lassen? Da man heutzutage in der Regel nicht selbst hackt, sondern gehackt wird, ob von Google Earth oder anderen, wird es auch darum gehen, wie man sich gegebenenfalls wieder unsichtbar macht, bei all der Überwachung und den Erfassungsstrategien, die wir im öffentlichen Raum erleben. Das wiederum ist ein originär künstlerisches Thema: Phänomene und Dinge anders sichtbar oder zunächst gar unsichtbar zu machen, um sie anschließend wieder anders und neu sichtbar zu machen.

Jens Kobler: Ein schöner Anknüpfungspunkt, um noch einmal auf „Das im Entschwinden Erfasste“, also eine der aktuellen Ausstellungen, zurück zu kommen. Der Titel hat ja mehrere Bedeutungsebenen, wo es auch um die Transformation von Information und Medien geht.
Sabine Maria Schmidt: Die Videokunst hat in ihrer vierzigjährigen Geschichte eine rasante Entwicklung erlebt. Der Titel spielt auf drei Ebenen an. Es geht primär um den restauratorischen Aspekt in Bezug auf die Formate, die Trägermedien und die Abspielgeräte. In dieser Ausstellung mit ihren unterschiedlichsten Präsentationsformen ist daher auch ein kleines Stück Mediengeschichte zu erleben, auch weil die Kunstwerke oft von den Apparaturen gar nicht zu trennen sind. Seit einem halben Jahr gibt es zum Beispiel keine Röhrenfernseher mehr, was uns vor völlig neue Probleme stellt, da nicht zuletzt die Bildformate völlig umgestellt sind. Wir möchten Videokunst auch in zwanzig Jahren noch auf ihren Geräten zeigen und müssten heute bei allen Kunstwerken, die wir ankaufen, darauf achten, dass wir diese auch zukünftig so zeigen können, wie zu ihrer Entstehung; keine leichte Aufgabe.
In dieser Ausstellung können die älteren Arbeiten daher nicht exakt so gezeigt werden, wie sie ursprünglich waren. Wir haben einige Installationen rekonstruiert und der heutigen Situation angepasst – aber immer in dem Bemühen, den Originalcharakter zu bewahren. Und noch einmal zu den Gerätschaften: Wenn Sie das Programm genau lesen, finden Sie am Ende sogar einen Aufruf von mir mit der Bitte, uns funktionsfähige Röhrenfernseher und Hantarex- und Barco-Monitore zur Verfügung zu stellen. Der Titel bezieht sich zum Anderen auf die Flüchtigkeit des bewegten Bildes, im Gegensatz zur klassischen Bildbetrachtung. Der dritte Aspekt beschreibt das Hauptthema der gezeigten Arbeiten, wo zum Beispiel verschwindende Frauen, sich verändernde Materialien, sich formierende und auflösende Buchstaben zu sehen sind. Immer wenn man etwas gerade erfasst und verstanden hat, verschwindet es wieder. Wie im wirklichen Leben!
Jens Kobler: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch!
„Das im Entschwinden Erfasste“ und „Wolf Kahlen – VideoTapes 1969-2010“ noch bis zum 1. August im Museum Folkwang. „Hacking the City“ startet am 17. Juli und findet bis zum 26. September statt.
Große Grafik: www.hackingthecity.org
Foto von Sabine Maria Schmidt: Museum Folkwang 2010.
Oberes Bild: "Abwarten und Tee trinken", Originalkassette von Marcel Odenbach, 1978.
Unteres Bild: "Trespassing" von Wolf Kahlen, 1971.
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