„Dortmunder U“ - Der Zukunft verpflichtet

Vielleicht wird man das Dortmunder U irgendwann als letzten Prachtbau der Bonner Republik bezeichnen. Eine Republik, die politisch bereits vor knapp 20 Jahren untergegangen ist, die aber so freundlich war, ihr ökonomisches Ende eine ganze Weile hinauszuzögern. Nun aber, inmitten des Krisengewitters, angesichts erzitternder Banken und wankender Staaten, nun läutet die Bonner Republik ihren endgültigen Abschied ein. Aus Bonn wurde Berlin, und das heißt auch, dass nach vielen unendlich fetten nun eine Reihe erheblich magererer Jahre ansteht. Und es ist eine geradezu historische Gnade, dass das gewaltige Brauereigebäude diesen Wandel nicht mitmachen muss, sondern sich in zeitgemäß aufgefrischter Form präsentiert. Denn das „Dortmunder U“ hat nicht nur magere, sondern echte Hungerjahre hinter sich. Und als wollte sie sich dafür entschuldigen, hat die Bonner Republik für die Zukunft des Gebäudes noch einmal tief in die Taschen gegriffen. Und nicht nur in die eigene, sondern auch all derer, die sie in Brüssel zu ihren Freunden, Partnern und Mitstreitern für den europäischen Gedanken gemacht hatte.

Rettung.2010 vor Ruine.2015

Es war noch etwas drin in diesen Taschen, aber es dürften einige der letzten Taler gewesen sein. Was, wenn Essen und Umgebung nicht 2010, sondern nur ein paar Jahre später, etwa 2015 als Kulturhauptstadt angetreten wären? Wahrscheinlich wäre das „Dortmunder U“ Ruine geblieben, womöglich sogar abgerissen worden. Da aber auch der Abriss was kostet, wäre es wohl weiter still verfallen, Bild des Elends einer Stadt und einer Region, deren Hoffnungen auf Zukunft um ein paar Nummern kleiner ausgefallen wären. So aber wurde das „Dortmunder U“ zum Symbol des Gerade-noch-mal-davon-gekommen-Seins, einer gütigen Laune der Geschichte, die freilich nicht aus dem Nichts kam, sondern sich locken ließ von einem raffinierten Management. Das entwarf das Bild einer Region, die verspricht, sich durch Kultur zu wandeln und durch diesen Wandel noch ein wenig … ja was denn: kultivierter zu werden? Nein, nicht kultivierter. Wohl aber kultureller. Oder kulturbeflissener.

Sprechen Sie Kultur?

Kultur zu verstehen, das heißt heute auch, die Sprache derer zu sprechen, die die Gelder zur Förderung der Kultur vergeben. Und die sprechen eine merkwürdige Sprache. Fast scheint es, als würden sie sich inmitten der großen, ungewissen Umbrüche wieder der Sprache der Alten besinnen, der Griechen und Lateiner. Denn viel Griechisch und Latein kommt in dieser Sprache vor: „innovative Konzepte“, „kulturellen Bildung für das digitale Zeitalter“, „Kooperation mit den Akteuren der Kreativwirtschaft“: In der Sprache der Antrags- und Selbstdarsteller bekennt sich das Ruhegebiet zu seinen antiken Wurzeln. Und das offenbar zur Freude derer, die die letzten Gelder verwalten.

Wie präsentiert sich Kultur ?

Die Frage ist allerdings, ob es auch das Publikum mit dieser Sprache anzieht oder nicht stilistisch ein, zwei Nummern runterfahren müsste. Und dem sprachlichen Stil dürfte absehbar dann auch der kulturelle Duktus folgen. Denn welche Projekte legt man auf, wenn die Bonner Republik und mit ihr auch das Geld nicht mehr da ist? Der Repräsentationsbau hingegen ist vorhanden – und jetzt fragt sich, wie man Kultur in Zukunft präsentiert. Wo werden kulturelle Impulse in Zukunft herkommen? Schon die Belegung des „Dortmunder U“ zeigt, dass man Wesentliches vom Staat erwartet: Ein Museum, eine Universität und eine Fachhochschule, teils privat gefördert und gesponsert natürlich, aber eben auch und vor allem staatlich. Auch in die übrigen Etagen fließen öffentliche Gelder, aus Kunst- und Kulturstiftungen und –büros, ihrerseits allesamt Institutionen gigantischer Umlage- und Transferverfahren. Die Milliarden der privat betriebenen Kulturwirtschaft, sie müssen im „Dortmunder U“ erst noch zum Fließen kommen.

Kreativ wirtschaften, wirtschaftlich kreieren

Genau dieser Umstand könnte das Gebäude aber zu einem echten Avantgarde-Projekt werden lassen. Es könnte nämlich zum Labor werden, dessen Mitarbeiter an einem wohl unausweichlichen Zukunftsprojekt arbeiten: Die Kultur von staatlichen auf private Füße zu stellen, und zwar in allen ihren Facetten. Einiges mag leicht sein, die Begeisterung für die digitalen Medien etwa. Aber wie bringt man junge Menschen zum Buch? Und das hieße dann auch: Wie findet man Vorleser, und zwar solche, die nicht nur aus eigener Überzeugung, ohne Blick auf staatliche Förderquellen, lesen, sondern auch noch gekonnt lesen, auf eine Art, die die jungen Hörer fasziniert, ihnen eine Ahnung von jenem Abenteuer vermittelt, das „Buch“ heißt? Und wie bringt man die Kinder dann dazu, dass sie für dieses Angebot etwas zahlen oder besser, ihre Eltern bitten, das zu tun?

Kultur fördern und fordern

Es sind dies die Aufgaben, denen sich das „Dortmunder U“ gegenüber sieht, und mit ihm der Rest der Republik. Kaum aus dem Ruinen- ins Leuchtturmdasein gehoben, sieht sich das Gebäude schon einer zweiten Verwandlung gegenüber: der von einer staatlichen in eine private, zumindest verstärkt privaten Institution. Eben das hat ihr die scheidende Bonner Republik zur Aufgabe gemacht. Die förderte die Kultur offenbar nicht nur. In ihren letzten Momenten begann sie von ihr auch etwas zu fordern. Und das ist gut so. Denn die Kultur der Zukunft wird privat sein oder sehr bescheiden sein.

Foto oben: Stadt Dortmund
Fotos im Text: Michael Krömer

Mi, 02.06.2010 4

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Kommentare

Schöne Perspektive...

...das mit der Bonner Republik. Man hatte sie eigentlich schon vergessen. Und die Frage der sprachlichen Vermittlung ist zum Glück nur eine Sache von Know-How und Haltung – und damit ohne große Investitionen machbar.

Republiken

Was mal "Berliner Republik" genannt wurde, war bloß das Ende von Ost/West, die Hoffnung auf ganz andere Politik, bezeichnet aber vor allem den Beginn dessen, was heut "Globalisierung" genannt wird. Ob das U da eher in die Zeit vor der Öffnung der Mauer gehört, in den miefigen 70er Jahre Kanzlerbungalow in Bonn, halte ich für eine sehr gewagte These. Wer in den 80ern in Dortmund gelebt hat, als das U noch Bier braute, weiß, wie anders diese Stadt aussah und funktioniert hat. Das Heute ist nicht Bonner Republik, auch nicht Berliner Republik, sondern allerhöchstens der Wunsch, wie Berlin zu sein: urban, kreativ, tolerant, cosmopolitisch. Ein bisschen mehr ist es durch das U so geworden.

Wandel ohne Brüche

Knipp legt den Finger in die Wunde, dachte ich beim Lesen: Wandel findet an Umbrüchen statt. Also muss man fragen: Was ist Alt? Was verschwindet? Dass in Dortmund die gute alte Bonner Republik erneut unterwegt, hätte ich nicht erkannt. Dass eine neue Republik entsteht, hätte ich nicht gewagt zu behaupten. Vielleicht ist das ein Fehler: Die Zukunft muss wohl großmäuliger und agressiver reklamiert werden - also rann an den Ball !

U wie Unmöglich

Immer wird gesagt U steht für Union - im doppelten Sinn: Das, was das Ruhrgebiet fast nie ist! Mal sehen, ob das Do U aus dieser Falle rauskommt. Ich tippe auf U = Unmöglich !

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27.05.2010

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