
Documenta 13: Reise in die Kasselkunstlawine – Teil 1
Von Knästen und Künsten
Nach den ersten Kunstbegegnungen auf der Documenta 13, unterwegs zum nächsten Kunstort, ist der Kontrast zwischen gesichtsloser Hässlichkeit der autofreundlichen Stadt Kassel und der diesjährigen Naturdominanz bei den Documenta-Werken am größten. Man ist als Dortmunder ja architektonisch einiges gewohnt, aber Kassel beats it all.
Natürlich auch mit der Kunst alle fünf Jahre. Ein jungdynamischer Kassler kommentierte unsere Event-Unterkunft in einem ehemaligen Gefängnis: „Wir sind lebenslänglich Kassel-verurteilt und werden alle 5 Jahre mal rausgelassen, da passt euer Hotel ganz gut.“ Damit war der Ton gesetzt.
Von Kunst gezeichnet
Wir gehen nämlich vorbei an der umstrittenen Balkenhol-Ausstellung gegenüber des Fridericianums, Hauptort der Documenta – schulterzuckend. Wir sind froh, Gregor Schneider, dessen Ausstellung verhindert wurde, nicht auch noch besuchen zu müssen und sehen zugleich die Occupy-Zeltchen und Retro-Hippie-Menschen, die ohne Widerspruch der Leitung campieren düfen, weil DAS nun wirklich die Marke Documenta nicht schwächt.
Eine Ausstellung wie das echte Leben

Die Documenta ist wie das Leben: Man kann nicht alles haben, nicht alles sehen, nicht alle Frauen oder Männer lieben. So stellt sich nach pubertärer Unruhe zu Beginn irgendwann eine Gelassenheit gegenüber den zahllosen Möglichkeiten ein. Es gelingt das, was gerade DA ist, zu würdigen. Gefahr besteht nur – um im Bild zu bleiben – in einer Art spießigen Abwehr vor zu viel Komplexität und Text im Angesicht der Masse von Kunst einigen Werken unrecht zu tun.
Zugleich verfügen wir nach einigen Stunden über einen recht treffsicheren „Bullshit Radar“: An prätentiösem Mist, lächerlichem Kunstgetue, pädagogisch-didaktischem Zeigefinger und stumpfen Auftrags-Werkeln oder gar Modelinien ist genug zu ignorieren.
Die TOP 8
Die Performer tanzen durch den gesamten Raum. Der Mundgeruch eines Tänzers oder die Haare einer Tänzerin wischen einem durch Gesicht, die Musik schwillt an und ab – und geht immer weiter. Sie findet im Hugenottenhaus statt, einem seit den 70er Jahren leerstehendem Altbau, in dem Teile eines Abrisshauses aus Chicago zu Kunstwerken, Kabinetten,einer Hollywoodschaukel verbaut wurden und wo Videos und Collagen auf drei Etagen zwischen hängenden Tapeten und durchbrochenen Wänden zu entdecken sind.
2. In der Stadtbibliothek hat der Autor Matias Faldbakken Bücher aus den Regalen gerissen und im Gang auf einen Haufen geworfen – mitten im laufenden Betrieb der Bibliothek. Da liegen sie nun. Er nennt es „Book Sculpture“. Sicher eins der Werke, das manchen Kunstbesucher zum klassischen „Das kann ich auch“ provozieren wird.
3. Ines Schaber hat in der Handwerkskammer das Foyer mit Bildern von der Natur um das ehemalige Kloster Breitenau bestückt. Der Ort war Arbeitshaus für als "arbeitsscheu" bezeichnete Menschen sowie KZ und Umerziehungsheim für „schwer erziehbare Mädchen“ und ist heute offene Psychatrie. In Texten auf den Rückseiten der Fotos wird die Geschichte des Ortes erzählt (u.a. recherchierte Ulrike Meinhof hier für „Bambule“). Es entsteht ein fragmentarisches Bild, das die soziale Ächtung verschiedener Gruppen über mehrere Jahrhunderte in sich trägt – immer am selben Ort und immer aus den gleichen Gründen: Jemand SOLL ausgeschlossen werden, weil er bestimmte Werte, die meist mit Arbeit und Ordentlichkeit zu tun haben, nicht für wichtig nimmt.
Ein sehr persönlicher Spaziergang, von der Künstlerin dirigiert, bei dem eigenartige Dopplungen und Verwischungen jenes Orts entstehen, der uns visuell und durch die Stimme aus dem iPhone beschrieben wird und jenes Orts, der wirklich um uns ist.
Titelfoto cc-by-sa Dominik Walther
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