DIGITISE ME - E-Book oder Echt-Book?

Warum die Debatte sinnlos ist und jedes Buch sein Format findet

Der Kindle E-Reader lag schon im virtuellen Einkaufskörbchen. Und flog trotz Lock-Tiefpreis nach kurzem Überlegen wieder raus.  „I would prefer not to wie ein ein ganz und gar papierener Held so richtig sagte. Ob ich "old school" oder einfach allmählich "old" und oll bin, weil ich am Digitalisierung Über Alles nicht teilnehme? Prognose: Der Markt der E-Bücher wird weiter wachsen, klar, er ist nämlich winzig. Am Ende aber werden nur die Bücher zu E-Büchern werden, zu denen das passt. Die anderen bleiben Papier und das werden nicht wenige sein.

Das E-Buch macht zunächst mal die herrlich rhizomatische Art, Bücher zu finden und selbst zu sortieren, unmöglich. Und es bietet (derzeit jedenfalls) kaum interessante Bücher auf Deutsch. Als digitaler Ersatz sind die Dateien dazu noch zu teuer – was allerdings an der in Deutschland herrschenden Buchpreisbindung liegt. Das subjektiv wichtigste Argmument: Wer mit dem Rechner arbeitet, klickt den ganzen Tag Links an, bekommt Bilder und Videos neben Text, überall locken Rand-Ablenkungen und Statusleisten. Da wird Echt-Bücherlesen vor allem eines: Konzentration und Erholung für Augen und Sinne. Kathrin Passig sieht das in einem Gespräch mit dem Verleger Andreas Rötzer ganz anders: Für sie führt der "Gerätewechsel" vom Rechner zum Buch zur reduzierten Lektüre von Büchern. Sie glaubt, dass Bücher der Tatsache zuwiderlaufen, dass es heute keine "ewigen" Wahrheiten mehr gibt. Der Verleger aber erkennt in der Suchfunktion im E-Book oder in der Nach-Googelei und der sofortigen Verfügbarkeit den Unterschied zwischen Bildung und Wissen. Da geht etwas verloren – und das ist nicht kulturpessimistisch gemeint, sondern konkret.

E-Buch Reader ist ein Tablet Computer
Das E-Buch bietet wieder Bildschirm. Und dazu Musik, sogar eigens kompilierte Soundtracks, Bilder, Videos sowie bald sicher auch Textlinks, Suchfunktionen und so weiter. Man lädt Dateien runter und ist vernetzt. Darüber hinaus kam es kürzlich zu einem beachtlichen Vorfall: Amazon löschte, ohne die Nutzer zu informieren, auf allen Kindle Readern zwei Bücher. Es hätte kaum bizarrer sein können, denn eines war „1984“ von George Orwell. Der Kindle bedient sich eines von Amazon bereitgestellten Mobilfunknetzes, durch das man sich die Titel herunterlädt – und offenbar geht das auch rückwärts! Wie fänden wir es, wenn Buchhändler nachts ein paar Bücher bei uns aus dem Regal holen? Die Frage nach Datenschutz und Eigentum bekommt durch Kindle & Co einen weiteren Spin.

Doch eigentlich reden wir über eine Randerscheinung: In Deutschland gehören mehr Leute zur Hardcore-S/M-Szene im Hasenkostüm, als E-Books lesen. In den USA wurden zwar 2010 zum ersten Mal mehr E-Books als gedruckte Werke verkauft, Deutschland ist jedoch ein gallisches Dorf: Gerade mal 1% des Buchhandels wurde 2010 mit E-Büchern erwirtschaftet. Nimmt man Ratgeber und Schulbücher heraus, sind es sogar nur 0,5%! Digitalisierung DAS große Thema der Zukunft? Mehr Reden & Wollen als Sein.

Zwei Welten statt einer
Der Kindle, der sich aufgrund der marktbeherrschenden Position von Amazon wohl durchsetzen wird, ist nichts anderes als ein Einstiegs-Tablet Computer und damit eben KEIN Buch. Für das Lesen von Zeitschriften, Zeitungen, Fachartikeln, Lexika oder Ratgeber Literatur mag er wie das iPad funktionieren – und genau da wird er sich wohl auch in Zukunft durchsetzen. Andere Bücher wollen aber anders gelesen und behandelt werden. Sie werden – so sich die Verlage nicht aus Kostengründen ganz aufs E-Buch einstellen und die Leser zum Mitziehen zwingen – auch weiter in Papierform existieren.

Wie sollten auch aufwändig gestaltete Kunstbücher und Kataloge als E-Buch funktionieren? Wer je ein Buch von Steidl in der Hand hatte, weiß, wie sehr diese Bücher von Format, Haptik, Papier und den feinabgestimmten Farben der reproduzierten Fotos oder Kunstwerke leben. Die Bücher selbst sind Kunst-Werke. Ein E-Buch als bloß digitaler Träger von Inhalten wird das nie sein können.

Scroll my a**!

Wer gern in Buchhandlungen geht, kennt auch den Unterschied von Stöbern im Internet und Stöbern in einer Buchhandlung. Interessante Bücher findet man meist nicht durch eine „Wer das gekauft hat, dem gefällt auch...“ Funktion des Buchhändlers, sondern weil ein Buch zufällig neben einem anderen auf dem Tisch liegt oder im Regal steht. Wer eine größere Menge Bücher besitzt, wird diese auch nach einem eigenen System sortieren, das genau wie das Finden eher einer rhizomatischen Art des Denkens als einer nach Größe, Farbe, Alphabet und Geschmack sortierten Ordnung folgt.

Sucht man im Regal ein bestimmtes Buch, finden sich andere, vergessene. Sie lösen einen Gedanken aus: „Ach, da war doch noch dieses Buch von…“. Die Suche mäandert wie ein Flussdelta. So entstehen Ideen! Das ist etwas völlig anderes als durch eine Buchliste „scrollen“. Mal ganz davon abgesehen, dass Bücherregale natürlich auch die Eitelkeit des Besitzers streicheln. Darüber hinaus belegt die Bücherwand, was man über die Jahre alles in den Kopf geschaufelt hat. Sie ist Monument des eigenen Denkens und Daseins – kein Leser braucht facebook-timeline. Die Bibliothek in „Der Name der Rose“ von Eco war mehr als Räume voll Büchern, sondern Denk-Konzept, ein steingewordenes Gehirn bzw. "Wissen der Welt"-Metapher. Wie sollte das in einem Kindle aussehen? Und: Wer alles digitalisiert, trocknet die Antiquariate aus, bis da irgendwann nur noch Waldschrate, Jutebeutelträger und pensionierte Lehrer einkaufen. Nein: Bücher werden bleiben. Leser werden bleiben. Und jeder wird seine Buchform finden. Neu, gebraucht, solche zum Blättern, zum Scrollen oder nur um sie ins Regal zu stellen.

 

Titelfoto: Caravante

Do, 13.10.2011 2

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Kommentare

aber...

der kindle ist ja gerade kein ipad, das ist ja der clou, und damit das lesen viel angenehmer. auch wenn ich passigs allzu euphorische meinung nicht teile, denke ich, dass der grund für das unbehagen am ebook hier in deutschland weniger das format ist, als vielmehr der planlose und erzkonservative umgang der verlage in deutschland mit dem thema ebook. Gerade wieder schön auf der buchmesse in frankfurt gesehen (bspw. hier: http://netzpolitik.org/2011/warnmodelle-urheberrechte-und-die-buchmesse/). das dazu führt dann dazu, dass auf diesen geräten eher pdfs gelesen werden, statt die von den verlagen selbst wenig geliebten ebooks. und noch ein widerspruch: eine facebook-timeline wäre sogar noch viel praktischer als eine bobliothek, nicht nur wegen der genauen zeitangabe (mich würde schon interessieren, was ich in der vergangenheit so alles parallel gelesen habe), auch und gerade wenn man an den nächsten umzug denkt....
...es soll leute geben, die schreiben und stempeln und datieren ihre bücher. ich finde es ja gerade schöner, wenn die erinnerung an ein leserlebnis nicht elektronisch belegbar, sondern eben eine erinnerung ist. wandelbar, subjektiv, ungenau. und aus den vielen erinnerungen vor den büchern stehend wird dann so was wie ein lebensgefühl. timeline ist auf andere weise auch eine selbstbestätigung: das bin ich, das hab ich gemacht, boa! aber irgendwie....flüchtig? dagegen ist kisten mit büchern von der einen in die andere wohnung tragen ja wohl ein schönes bild für getan- und gelesen und hoffentlich belückendes der vergangenheit...;-) ansonsten zustimmung: iPad und Kindle sind unterschiedlich, werden aber meist gleich behandelt. und: ebooks werden schon noch ins rollen kommen in good old D

Über den Autor

25.03.2010

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