
DIGITISE ME - E-Book oder Echt-Book?
Warum die Debatte sinnlos ist und jedes Buch sein Format findet
Der Kindle E-Reader lag schon im virtuellen Einkaufskörbchen. Und flog trotz Lock-Tiefpreis nach kurzem Überlegen wieder raus. „I would prefer not to“ – wie ein ein ganz und gar papierener Held so richtig sagte. Ob ich "old school" oder einfach allmählich "old" und oll bin, weil ich am Digitalisierung Über Alles nicht teilnehme? Prognose: Der Markt der E-Bücher wird weiter wachsen, klar, er ist nämlich winzig. Am Ende aber werden nur die Bücher zu E-Büchern werden, zu denen das passt. Die anderen bleiben Papier – und das werden nicht wenige sein.
E-Buch Reader ist ein Tablet Computer
Das E-Buch bietet wieder Bildschirm. Und dazu Musik, sogar eigens kompilierte Soundtracks, Bilder, Videos sowie bald sicher auch Textlinks, Suchfunktionen und so weiter. Man lädt Dateien runter und ist vernetzt. Darüber hinaus kam es kürzlich zu einem beachtlichen Vorfall: Amazon löschte, ohne die Nutzer zu informieren, auf allen Kindle Readern zwei Bücher. Es hätte kaum bizarrer sein können, denn eines war „1984“ von George Orwell. Der Kindle bedient sich eines von Amazon bereitgestellten Mobilfunknetzes, durch das man sich die Titel herunterlädt – und offenbar geht das auch rückwärts! Wie fänden wir es, wenn Buchhändler nachts ein paar Bücher bei uns aus dem Regal holen? Die Frage nach Datenschutz und Eigentum bekommt durch Kindle & Co einen weiteren Spin.

Zwei Welten statt einer
Der Kindle, der sich aufgrund der marktbeherrschenden Position von Amazon wohl durchsetzen wird, ist nichts anderes als ein Einstiegs-Tablet Computer und damit eben KEIN Buch. Für das Lesen von Zeitschriften, Zeitungen, Fachartikeln, Lexika oder Ratgeber Literatur mag er wie das iPad funktionieren – und genau da wird er sich wohl auch in Zukunft durchsetzen. Andere Bücher wollen aber anders gelesen und behandelt werden. Sie werden – so sich die Verlage nicht aus Kostengründen ganz aufs E-Buch einstellen und die Leser zum Mitziehen zwingen – auch weiter in Papierform existieren.
Wie sollten auch aufwändig gestaltete Kunstbücher und Kataloge als E-Buch funktionieren? Wer je ein Buch von Steidl in der Hand hatte, weiß, wie sehr diese Bücher von Format, Haptik, Papier und den feinabgestimmten Farben der reproduzierten Fotos oder Kunstwerke leben. Die Bücher selbst sind Kunst-Werke. Ein E-Buch als bloß digitaler Träger von Inhalten wird das nie sein können.
Scroll my a**!
Sucht man im Regal ein bestimmtes Buch, finden sich andere, vergessene. Sie lösen einen Gedanken aus: „Ach, da war doch noch dieses Buch von…“. Die Suche mäandert wie ein Flussdelta. So entstehen Ideen! Das ist etwas völlig anderes als durch eine Buchliste „scrollen“. Mal ganz davon abgesehen, dass Bücherregale natürlich auch die Eitelkeit des Besitzers streicheln. Darüber hinaus belegt die Bücherwand, was man über die Jahre alles in den Kopf geschaufelt hat. Sie ist Monument des eigenen Denkens und Daseins – kein Leser braucht facebook-timeline. Die Bibliothek in „Der Name der Rose“ von Eco war mehr als Räume voll Büchern, sondern Denk-Konzept, ein steingewordenes Gehirn bzw. "Wissen der Welt"-Metapher. Wie sollte das in einem Kindle aussehen? Und: Wer alles digitalisiert, trocknet die Antiquariate aus, bis da irgendwann nur noch Waldschrate, Jutebeutelträger und pensionierte Lehrer einkaufen. Nein: Bücher werden bleiben. Leser werden bleiben. Und jeder wird seine Buchform finden. Neu, gebraucht, solche zum Blättern, zum Scrollen oder nur um sie ins Regal zu stellen.
Titelfoto: Caravante
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