Transmediale 2011 © Christoph Müller-Girod

Patrick Breitenbach: Der Umgang mit der Störung

Ein Angebot zum Glücklichsein mit dem Netz

Digital Life, das selbstverständliche Leben in der digitalen Gesellschaft, erfordert ebenso gewisse Regeln für den Umgang miteinander wie das reale Leben. Für LABKULTUR stellt der Digital Native Patrick Breitenbach eine kleine Gebrauchsanweisung für das Leben im Netz zusammen.

 

Endlich ist Schluss mit dem Hass. Während sich andere also immer noch für dich die Köpfe einschlagen und darüber streiten, wer Recht hat und wer nicht, bist du also bereit, die Gelegenheit zu nutzen, um zu erfahren, wie man die Disruption, die technologische Störung “Internet”, in Zukunft konstruktiv (be)nutzen kann, statt sie zu regulieren oder zu bekämpfen.


Ich kann dir mit so einem Beitrag allerdings leider nicht erklären, wie du deinen ganz persönlichen Erfolg mit dem Internet erreichst, dazu kenne ich weder deine Ziele noch deine Erfolgskriterien, noch etwas über das, was du vor hast. Aber ich kann dir vielleicht ein paar Impulse mit auf den Weg geben, die ich in all den Jahren Internetdasein für mich selbst als Erkenntnisse verinnerlicht habe. Es sind sozusagen meine eigenen Fixsterne, also Grundsätze,  nach denen ich mein Handeln ausrichte. Es sind nur ein paar Angebote an dich – nicht mehr, aber auch nicht weniger.


1. Du bist hier nicht allein!

Du liest das gerade hier, also bin ich damit nicht mehr allein. Und du bist hier nicht allein, weil du gerade indirekt meine Gedanken liest. Du bist ja sowieso mit zahlreichen Menschen verbunden. Das war freilich schon immer so, aber die neue digitale Infrastruktur bietet dir dann doch eine etwas modernere Variante der menschlichen Beziehungspflege an. So ist beispielsweise der Schulfreund von gestern heute zwar auch in einem ganz anderen Land, aber eben auch gleichzeitig mit dir im selben „Social Network“, d.h. 

der regelmäßige Austausch mit dieser Person, die Beziehungsarbeit, gestaltet sich um einiges einfacher und intensiver als beispielsweise zur Zeit der Briefwechsel und kostenintensiven Auslandstelefonate. Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich auf lange Sicht aus den Augen verliert, oder sich plötzlich wieder findet, wurde durch den Einsatz von sozialen Medien radikal minimiert. Doch Vorsicht vor dem Trugschluss: Soziale Medien ersetzen auf keinen Fall die reale soziale Erfahrung, aber sie fördern und pflegen sie – vorausgesetzt, man will das so. “Social Media” ist demnach nicht eine abgetrennte eigene virtuelle Welt, in die man flüchten kann, sondern eine mittlerweile ganz normale kommunikative Infrastruktur, die unsere realen Lebenswelten virtuell miteinander verknüpft, eine Art unsichtbare Nabelschnur der Informationen. Das ist das, was wir “Vernetzung” nennen. Jeder “Like”, jeder „Follower“ ist eine potenzielle Beziehung. Jetzt liegt es an dir, was du damit machst.

 

2. Du bist hier nicht allein!

“Du bist nicht allein!” bedeutet aber eben auch, dass du immer unter gewisser Beobachtung stehst. Normalerweise konntest du früher räumlich getrennt ganz unterschiedliche Dinge zu unterschiedlichen Menschen sagen, ohne dass sie den Raum verließen oder nur für die Ohren der jeweiligen Empfänger bestimmt waren. Du sprachst mit deinen Eltern in der Rolle des Kindes und hast entsprechend anders 

mit ihnen kommuniziert als beispielsweise in deiner Rolle als bester Freund, Angestellter oder Kollege. Heute vermischen sich diese getrennten Ebenen radikal. Alles was du öffentlich in den sozialen Medien sagst, wird das Potenzial haben, in alle unterschiedlichen Lebenswelten (Arbeit, Familie, Beruf, Bekanntschaften, Schüler, Lehrer etc.) einzusickern. Das gilt auch für sogenannte geschlossene Netzwerke oder gar die E-Mail. Es ist am Ende immer eine digitalisierte und dokumentierte Kommunikation, die kinderleicht Verbreitung finden kann, wenn es einer will. Frag mal die Betroffenen von Wikileaks. Doch Stopp! Das ist jetzt kein Grund zur Panik. Das ist nicht schlimm. Atme tief durch, es ist einfach nur wichtig, dass die das bewusst ist. Es wird dir auch helfen, anders mit Menschen umzugehen.

 

3. Du bist hier nicht allein!

Da du nicht alleine bist, bedeutet das eben auch, dass du mitunter jeder Menge Konkurrenz gegenüber stehst. Wenn du also die Netzwerkstruktur für die Vermarktung deiner Produkte, Werke oder Dienstleistungen verwenden möchtest, so sollte dir einfach bewusst sein, dass du zwar jede Menge Chancen hast, für dein Angebot einen Abnehmer zu finden, aber eben auch gleichzeitig jede Menge anderer Menschen um dich hast, die vielleicht ähnliches vorhaben. Die technologische Entwicklung der letzten Jahre hat außerdem dazu geführt, dass die Anfertigung von kreativen Werken förmlich explodiert ist. Mit Gratissoftware kann ich mein eigenes Radio im Wohnzimmer produzieren, meine Fotos bearbeiten, oder meine (E-)Bücher veröffentlichen. Die heutige Kreativitätstechnologie hat dazu geführt, dass auch das Angebot an Inhalten rasant gestiegen ist. Und nicht jeder möchte unbedingt davon leben und ist auf einen Verkaufspreis angewiesen. Kein Wunder also, wenn die Gesamtverkäufe als rückläufig empfunden werden, dabei aber insgesamt trotzdem noch nie so viel in der Kultur- und Kreativökonomie erwirtschaftet wurde. Der Verteilungsschlüssel und die Art der Verteilung haben sich nur etwas verändert. Früher gab es eine ziemlich klare Trennung zwischen den Rollen, also zwischen Produzenten, Konsumenten, Vertrieb oder Investoren. Heute gibt es Konsumenten, die nicht nur ständig kaufen, sondern auch gleichzeitig spenden, crowdfunden, vermarkten, weiterempfehlen und natürlich auch eifrig eigene Sachen produzieren – mal als Amateur, mal als Profi.

 

4. Du bist hier nicht allein!

Und aus diesem Grund ist hier eine ganz neue bedeutsame Währung entstanden, die weitaus wichtiger ist als blanke Umsatzzahlen: Die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Wir belohnen in der Regel das, was wir gut finden. Mit Aufmerksamkeit. Wir empfehlen Dinge und Ansichten innerhalb unserer Freundes- und Kollegenkreise. Früher waren diese Kreise sehr überschaubar. Heute teilen wir durch die weit verzweigte Vernetzung theoretisch immer mit der ganzen Welt. Doch damit wir Aufmerksamkeit teilen können, 

müssen wir wissen, was wir teilen sollen. Wir müssen auch ein gewisses Grundvertrauen herstellen. Anders gesagt: Damit wir dich und deine Sache empfehlen können, müssen wir dich und deine Sachen erst einmal kennenlernen. Wer bist du? Was machst du? Welche Interessen hast du? Was? Du machst Kunst? Interessant. Zeig doch mal! Cool! I like. I share. Kann ich das auch kaufen?

Das kostenlose Teilen von Kultur ist also nicht immer nur eine Sache des Geizes, sondern könnte auch ein neuer, wichtiger Schritt in der digitalen Wertschöpfungskette sein. Man kann die Sache also immer so und so sehen.


5. Du bist hier nicht allein!

Da du nicht allein bist, hast du auch immer das große Glück, sehr vielen Kritikern zu begegnen. Ja, ganz recht, es ist ein Glück, denn durch Kritik erfährst du wirklich interessante Dinge, zum Beispiel a) ob sich jemand überhaupt für dich interessiert oder b) die Kritik dir vielleicht weiterhelfen kann, um deine Sache wirklich zu verbessern. Sei also stets offen, d.h. nicht unbedingt für jedwede Art von Kritik, sondern in erster Linie offen dir selbst gegenüber. Reflektiere jede geäußerte Kritik und prüfe, ob etwas Wahres oder Sinnhaftes dahinter steckt. Kritik ist nur dann eine Kränkung, wenn du sie als solche interpretierst. Wenn du Kritik per se als “Support von Fans” begreifst, dann kann sie dich gar nicht kränken. Ja, ich weiß, das ist leichter gesagt als getan, aber wenn man es sich auch nie selbst sagt, kann man es wahrscheinlich auch nie in die Tat umsetzen.

 

6. Du bist hier nicht allein!

Wenn du dich in den Streams auf Facebook oder Twitter bewegst, dann  siehst du, worüber die Leute, also deine Leute, gerade so eifrig reden. Es öffnen sich regelmäßige Aufmerksamkeitsfenster. Heute spricht man also hierüber und morgen darüber. Es entstehen regelmäßige mediale Kaskaden, es öffnet sich ein Aufmerksamkeitsfenster, ein kurzer Zeitraum, in dem ein Thema breit von der Öffentlichkeit diskutiert wird. Manche nennen es Zeitgeist. Du wirst darin auch jede Menge Internet-Meme sehen, also kleine Geschichten, Bilder und Töne, die zum Teil massig die Runde machen, die sich virusartig verbreiten und sich fest in den Köpfen der Menschen einnisten. Nutze diese Meme, remixe sie, erschaffe selbst welche. Es ist jedenfalls immer einfacher, an etwas interessantes Bekanntes anzudocken, als an etwas Langweiliges oder Unbekanntes. Aufmerksamkeitsfenster und Meme solltest du also kennen lernen und später vielleicht zu nutzen wissen. Und wenn du etwas ganz Neues machen willst, versuche es gleich richtig atemberaubend einzigartig und sinnstiftend zu machen. Denn dann bist du plötzlich das Aufmerksamkeitsfenster.

 

7. Du bist hier nicht allein!

Jeder mit dir vernetzte Mensch ist ein Fan. Jeder! Jedenfalls solange, wie er mit dir digital verbunden ist. Manchmal ist dieser Fan über Jahre hinweg unsichtbar. Ein Schläfer. Aber er oder sie könnten eines Tages auftauchen und dir völlig unerwartet aus der Patsche helfen oder dir einen tollen Denkanstoß geben, dich inspirieren oder dir den entscheidenden Hinweis, also das letzte Puzzleteil, geben, um etwas Wichtiges von dir zu vervollständigen. Fans sind also ein unschätzbarer und vor allem schlummernder Wert. Fans sind wesentlich mehr als Kunden oder Käufer. Fans helfen dir in erster Linie auch, dich zu finanzieren. Egal ob sie deine Werke kaufen oder dich dabei unterstützen, ein neues Werk zu erschaffen. Und selbst wenn sie es nicht kaufen, sondern lieber kostenlos runterladen, so werden sie es vielleicht begeistert anderen weiterempfehlen, die es dann vielleicht am Ende doch kaufen. Deine Fans sind im Netz sicht- und ansprechbar. Das ist wirklich revolutionär. Denn von wie vielen deiner Papierbuchleser oder CD-Hörer konntest du das früher so behaupten? Wusstest du beispielsweise, wer deine Songs wann und wie oft angehört hat? Wusstest du, wer deine Songs bewegend findet und wer sie in welches Netzwerk weiterempfiehlt? Nun, ab heute weißt du:

 

Du bist hier nicht allein!

 

 

 

Zum Autor

Patrick Breitenbach
Patrick Breitenbach
Patrick Breitenbach ist Strategie- und Markenberater. Als Dozent und digitaler Botschafter der Karlshochschule International University beschäftigt er sich mit den Themen der digitalisierten Gesellschaft. Als langjährig aktiver Blogger (derzeit auf blog.karlshochschule.de) gilt er wohl als "Digital Native" und ist als Vortragsredner und Entwickler von Marken- und E-Business-Konzepten für unterschiedliche Organisationen tätig.
 

Titelbild: Transmediale 2011 © Christoph Müller-Girod

Bild 2: republica 2012  © Christoph Müller-Girod

Bild 3 I need Wlan  © Christoph Müller-Girod

 

 

Projektleitung "Digital Life"

Christoph Müller-Girod >> Twitter @schwarzesgold

Vorschläge für Gastblogger: 
>> muellergirod[at]e-c-c-e.com

 

 
Mo, 23.07.2012 0

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Über den Autor

31.07.2012

Stadt

Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

Aktuelle Tweets

LABKULTUR
[DIGITAL] keynotes @TheNextWeb conference: #Google Glasses, business advice & Sneakers http://t.co/dx50OHp9wZ #Labkultur @SabienSchrijft
LABKULTUR
[FAR] wie der Schlüssel Kultur am besten erschließt Interview mit Autorin Franziska Sörgel http://t.co/Lxt0Rjkm6v #FAR13 #LABKULTUR
LABKULTUR
[FAR] CULTURE IS THE KEY. A culture consultant & an architect: temporary events mirror excess and euphoria http://t.co/gQGJw2WWB1 #LABKULTUR
LABKULTUR
[STREET] ART 'Sell Out ist ein übler Begriff und ein Angriff auf Künstler' #Qumi by @CCaravante http://t.co/zWe3e1OKyZ #LABKULTUR