Die Zukunft eines Parks, der gar keiner ist

Die Probleme in der Emscherzone sind größer als irgendwo anders im Ruhrgebiet. Die Folgen der Industrialisierung sind gravierender, der Übergang ins postindustrielle Zeitalter ist schwieriger.
 

Emscher Landschaftspark - Ein Jahrhundertprojekt


Der Boden ist kontaminiert, die Städte sind arm. Durch den Hinterhof der Emscher-Städte fließt noch immer der gleichnamige, offene Abwasserkanal. Wer hier keine Visionen entwickelt, der braucht gar nicht erst anzutreten. Mit dem üblichen Klein-klein ist hier kein Staat zu machen. Das wußten die Initiatoren der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park Ende der achtziger Jahre.

Emscherpark, Foto: Matthias Kiesel
Das weiß die Emschergenossenschaft, die an dem Jahrhundertprojekt arbeitet, den Abwasserkanal Emscher bis 2020 zu renaturieren. Im Rahmen der IBA ins Leben gerufen wurde auch das Projekt Emscher Landschaftspark – zur Reparatur der geschundenen, überbeanspruchten Landschaft. Grünzüge verbinden bereits vorhandene Grünflächen, Brachflächen werden zu Parks umgestaltet, in der Summe nicht weniger als der größte Regionalpark Europas.

Regionalverband Ruhr veranstaltet Kongress


Nach 20 Jahren Arbeit an dieser einzigartigen Kulturlandschaft nahm sich letzte Woche ein vom Regionalverband Ruhr organisierter Kongress Zeit zum Innehalten – für einen Rückblick, aber auch für Visionen für die dritte Dekade. Gebündelt liegen diese Ideen in der Denkschrift Der Produktive Park vor, der auf Zollverein an die Kongreßteilnehmer verteilt wurde. Arnold Voß plädiert dort für einen Begriffsverzicht und überschreibt seinen Beitrag mit »Die Emscher Landschaft ist genauso wenig ein Park, wie das Ruhrgebiet eine Metropole ist«. Gewiss, die Stadtlandschaft an Ruhr und Emscher sprengt die herkömmlichen Begriffe. Enttäuschungen und Missverständnisse sind dann vorprogrammiert. Aber die IBA-Macher setzten diese Provokation bewusst ein, um ihre Visionen in Bilder zu kleiden. Es ging ihnen nicht nur um Aufräumarbeiten und ökologische Schadensbegrenzung. Nein, mit geringeren als den höchsten gestalterischen Ansprüchen mochten sie sich der Industrielandschaft an der Emscher gar nicht erst nähern.

Mag der Emscher Landschaftspark streng genommen auch gar kein Park sein – das Denkbild, das den Umbau der Stadtlandschaft an der Emscher begleitet, kann man auch als Warnung vor Banalisierung und Kommerzialisierung verstehen. Und so war auch zu erfahren, dass das neue Etikett vom »produktiven Park« in den Diskussionen der letzten Monate nicht unumstritten war, da die Lesart natürlich nahe liegt, damit solle einem Primat der Verwertbarkeit das Wort geredet werden. Rudolf Scheuvens und Marion Taube, die Herausgeber der Denkschrift, schreiben: »›Der Produktive Park‹ als Planungsidee bezieht erstmalig das Tätigsein der Nutzer in der Landschaft als Gestaltprinzip aktiv mit ein. Das reine Erleben des Emscher Landschaftsparks könnte sich erweitern zu einem ›Weben‹ des Parks.«

Perspektiven in der Landschaftsplanung


Emscherpark, Foto: Matthias Kiesel
Emscherpark, Foto: Matthias Kiesel
Das Stichwort lautet also Partizipation. Planer wie Hille von Seggern vom Studio Urbane Landschaften (Hamburg/Hannover) oder Stefan Rettich (Karo Architekten, Leipzig) stehen für entsprechende partizipative Ansätze, denken den Park als »Arena der Teilhabe« und werben dafür, sich endlich den unbekannten Akteuren zuzuwenden. Es war den Geburtshelfern des Emscher Landschaftsparks aus der IBA-Zeit vorbehalten, auf die Gefahren zu großer Deregulierung hinzuweisen. So plädierte Thomas Neiss, Abteilungsleiter a. D. im Düsseldorfer Umweltministerium leidenschaftlich für ein einheitliches Parkmanagement, das auf eine gesetzliche Grundlage gestellt werden müsse, denn ein Park brauche Pflege und müsse auch vor den falschen Nutzern geschützt werden. Der Landschaftspark sei von einer innovativen Elite auf Landesebene gegründet worden, sei ein staatliches Reformprojekt wie der historische Landschaftspark in Wörlitz.


Leitbild: Historischer Landschaftspark Wörlitz


Immer wieder geisterte das Vorbild des Gartenreichs in Dessau durch die Vorträge auf Zollverein. Für das »industrielle Gartenreich« brachte der Stadtplaner Thomas Sieverts die Idee eines Intendanten ins Spiel. Und er erinnerte daran: »Ohne erheblich öffentliche Mittel geht auch der Neue Emscher-Park nicht!«. Das avancierte Parkgestaltungen wie der Landschaftspark Duisburg Nord als vorbildlich betrachtet werden und inzwischen auch schon Schule machen, zeigt die internationale Resonanz. Eugene Dreyer vom in London und Hongkong tätigen Büro Terry Ferrell and Partners machte das in Essen anhand von Beispielen aus seiner Arbeit deutlich, bei der es etwa um das Herausarbeiten von Grünzügen in London geht oder die Wiederbesinnung auf versiegelte »lost rivers« – und beklagte, daß in Großbritannien langfristige Strategien und Pläne so gut wie unmöglich seien. Es mag richtig sein, daß der Emscher Landschaftspark kein Park ist. Der Zukunftskongress Unter freiem Himmel machte aber deutlich, dass er im günstigen Fall, also unter der Voraussetzung einer weiterhin qualifizierten planerischen und intellektuellen Begleitung und mit Unterstützung durch die öffentlichen Hand noch viel mehr sein kann.


>>>>>Channel: Emscherkunst.2010

Mi, 06.10.2010 1

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Kommentare

Mehr als ein Park

Hallo Florian,
ich konnte leider nicht zum Kongress kommen. Den letzten Satz deines Postings kann ich jedoch auch aus der Ferne unterschrieben. Jedoch mit dem Zusatz, dass das sehr wohl auch ohne die Unterstützung der öffentlichen Hand so sein könnte. Ja sogar ohne planerische, dafür aber umso mehr mit intellektueller/kreativer Begleitung von "Oben" und von "Unten".

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03.12.2009

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