Die Zelten! - Der Punk(t) ist: Zum Punkt zu kommen

Ein Bass, ein Schlagzeug und nicht viel mehr. Ein Rüttenscheider Gespräch mit der Band Die Zelten!.

Jens Kobler: Meine erste Idee war: Das hört man aber, dass da zwei Grafiker am Werk sind. Schon weil Ihr so reduziert, strukturiert, fast abstrakt klingt. Das mit den zwei Grafikern stimmt zwar nicht ganz, aber vielleicht liegt der Eindruck ja auch an Eurer Arbeitsweise. Schildert die doch bitte einmal.
 
(Bass, Gesang; auf dem Foto links): Als wir uns vor ein paar Jahren getroffen haben, stellte sich heraus, dass unsere Schnittmenge bei etwas härterer Musik liegt. Wir haben uns dann erstmal so auf Schnipsel geeinigt, auf Loops, auf einen Groove. Nachdem das dann mit Gesang auch funktioniert hat, beschlossen wir, das so reduziert weiter zu machen und gar nicht nach anderen Bandmitgliedern zu suchen. Der nächste Punkt war zu schauen, ob dieses Prinzip zumindest auch für 30 Minuten trägt.
 
Orakel (Schlagzeug, Samples; Foto: rechts): Der Reiz ist auch, dass wir einen ziemlich vollen, reichen Sound erreichen, und dass zu zweit dann umso wichtiger ist, was der Einzelne so macht. Am Anfang haben wir viel mehr mit Elektronik und Loops gearbeitet, mittlerweile ist das nur noch als zusätzliche „Farbe“ dabei. Dadurch ist alles auch viel beweglicher und interessanter geworden,…
 
Gö: ,… und wir können viel improvisieren, weil auch die Samples live getriggert werden. Ich dagegen bin oder war ja eigentlich Gitarrist. Seit vier Jahren habe ich aber keine Gitarre mehr gespielt, weil ich diesen Bass-Sound gefunden habe. Unser Equipment ist im Grunde von 1990, aber mein Röhrenamp ist halt noch aus den 60ern. So gibt es mit geringen Mitteln ein sehr reiches Soundspektrum.
 
JK: Man hört ja durchaus Bands wie Fugazi oder die Melvins bei Euch heraus. Ich stelle mir das sehr interessant vor zu sehen, wie Euer spezieller Ansatz dann auf verschiedenste Arten von Publikum trifft.
 
Gö: Es stimmt, dass wir da nicht so szenespezifisch arbeiten und zunächst einmal Anknüpfungspunkte suchen. Wir spielen also sowohl bei Essens Kreative Klasse als auch im Druckluft oder demnächst als Vorgruppe von Jingo de Lunch. Es hat sich schon herausgestellt, dass wir auch für nachmittägliche Hofpartys oder Ladenlokale gar nicht mal zu hart sind, weil härtere Musik mittlerweile quasi in der Mitte angekommen ist. Das ist aber nicht zwingend unser Zielpublikum. Der Knackpunkt kam im Januar, da sollten wir die Vorgruppe von Dyse im Druckluft sein – die sind aber ausgefallen. Also mussten wir vor einem Publikum den Abend gestalten, aus dem ich nur drei Leute kannte. Und ich komme halt aus Mülheim, habe im AZ aufgelegt, war bei der Hardenberg-Initiative, usw. Als das da geklappt hat, habe ich gedacht: Jetzt funktioniert das auch da, wo es hingehört!

Orakel: Es gab da auch kein Kalkül, und wir sind zusehends überrascht, wie das funktioniert – aber auch immer überzeugter von uns.
 
Gö: Wobei das Spielen mit Jingo de Lunch auch über die Musiker lief. Das geht oft einfacher als mit Veranstaltern.
 
JK: Merkt denn das Publikum, wo Eure Zitate und Samples herkommen?
 
Orakel: Wir spielen ja auch eine Nummer von DAF. Und im Druckluft war z.B. jemand im Publikum, so etwa 17 Jahre alt, der sagte: „Super, das habe ich früher auch immer gerne gehört.“
 
(Lachen)
 
Orakel: Das ist echt eine Parallelverschiebung. Wir erinnern ihn an DAF, die wir gehört haben, bevor er geboren wurde. Aber bei uns ist auch von jedem einfach sehr viel drin, was dann vielleicht fast eine Art Schmelztiegel-Effekt hat. Ich z.B. habe früher auch in einer Ska & Reggae Band hier in Essen gespielt und auch da schon oft gesagt: „Jetzt lasst uns das und das auch mal etwas punkiger oder stumpfer spielen.“ Und so ist das manchmal jetzt auch bei uns: Nicht zu virtuos, sondern gerne auch stumpf im positiven Sinne. Andererseits ist das aber auch sehr viel bewusste Gestaltung und nicht einfach raus gelassener Frust oder so.
 
JK: Arbeitet Ihr denn bei der Entwicklung der Stücke so ähnlich wie z.B. Japanische Kampfhörspiele, die ja oft mal sagen: „Hey, wir nehmen jetzt mal den und den Part von Slayer und machen was ganz anderes draus“?
 
Gö: Der Punkt bei uns ist: Wir haben sehr wenig Zeit und müssen schnell mal zum Punkt kommen. Wir nehmen fast jede Probe auf und schnipseln dann manchmal etwas zusammen. Manchmal gibt es auch so etwas wie elektronische Skizzen, aus denen wir etwas machen.
 
Orakel: Wir remixen uns quasi selber.
 
Gö: Genau. Und ganz wenige Stücke entstehen live im Proberaum. Letztlich haben wir dann zwei Sorten an Stücken: Eher Popsong-artige, die man vielleicht noch einmal mit zusätzlichen Instrumenten versehen kann, die aber im Grunde in der Struktur stehen. Und als Zweites so etwas wie Prototypen, die sich verändern, länger, kürzer, dubbiger werden können. Dass wir einmal im Studio waren, um eine CD-EP aufzunehmen, das war auch einmal eine gute Sache, aber mit unseren eigenen Mitteln und unserem kleinen Studio fühlen wir uns letztlich wohler, diese Spontaneität immer direkt umsetzen zu können. Wir planen derzeit auch gar keine zweite CD oder so etwas, sondern wir arbeiten an unserem Programm, an unseren einzelnen Skizzen. Die Zwischenergebnisse gibt es dann im Internet und natürlich auf Konzerten zu sehen und zu hören. Und da trauen wir uns dann auch gerne, die Prototypen auch als solche zu spielen.
 
Die Zelten! mit Jingo de Lunch am 4. März in der Zeche Carl.
http://www.myspace.com/diezelten
So, 28.02.2010 1

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Kommentare

Alle Infos, Musik, Videos auf Die-Zelten.de

Unsere neue Hompage ist fertig schaut rein:
http://www.die-zelten.de

Über den Autor

04.12.2009

Stadt

Branche

Aktuelle Tweets

LABKULTUR
[DOC] #Krupp got them from #Egypt to Germany and the #Ruhr_Valley #Kuball http://t.co/enp2EUy3MK #LABKULTUR
LABKULTUR
[KUNST] zeitgenössisch 3D #Tsvetanova von #sculpture_network Galerie #Flierl im @CREATIVEBERLIN itw http://t.co/iXwByEmuxh #LABKULTUR
LABKULTUR
[OPERA] VILLAGE #Schlingensief's Burkina Faso project lives on Marie Köhler has the pictures http://t.co/eKUoxdnQQW #LABKULTUR
LABKULTUR
[MUSIK] Itay Talgam http://t.co/UCJQHQYCwP könnte #Aufsichtsrat dirigieren Videoitw @forumavignon http://t.co/vv47B0zNKz #LABKULTUR