
Die urban urtyp Konzertreihe - Arbeit an der urbanen Kultur des Ruhrgebiets, Teil II
- Serie: Ruhr Music
Teil Zwei des Gespräches mit Andreas, einem der drei Initiatoren der neuen Konzertreihe urban urtyp in der Christuskirche Bochum.

Folgt urban urtyp einer bestimmten Zielsetzung?
Andreas: Natürlich gibt es ein Ziel, eine Idee hinter dem Ganzen. Bei „Urban Urtyp“ geht es aber zunächste eher darum eine Lücke zu füllen. Das Themas „Urbanität“ ist im Ruhrgebiet sehr präsent. . Das was geschieht gehen aber oft in eine andere Richtung. Die meisten meiner Freunde leben gerne hier Sie empfinden das Ruhrgebiet als anregend und vielschichtig, Unterschiedliche Erfahrungen kommen hier zusammen und vermischen sich. Das Ruhrgebiet ist gelebte kulturelle Vielfalt. Im Politishcen spiegelt sich das aber kaum wider. Wenn wir über ein Konzerthaus in Bochum reden, steht das für einen sehr traditionalistisch geprägten Kulturbetrieb, für ein bestimmtes Selbstverständnis von Hochkultur. Ohne uns davon abgrenzen zu wollen glauben wir aber, dass Spielräume wichtig sind, um positive Veränderungen in die Stadt hineinzutragen. Dazu muss man Platz lassen für eigene Ideen. Wir haben ursprünglich im ganz kleinen Kreis angefangen, heute sitzen wir wir hier schon mit knapp zehn Leuten zusammen, die mitmachen wollen. Insofern ist „Urban Urtyp“ auch eine Einladung zum Mitmachen.
In diesem ganzen Zusammenhang ist die Kulturhauptstadt zentrales Thema. Ich höre im Gespräch mit Kulturschaffenden oft, dass viele Projekte auch gerade in der Abgrenzung zur offiziellen Sphäre der Kulturhauptstadt entstehen. Wo würdest Du urban urtyp in diesem Zusammenhang positionieren?
Projekte wie urban urtyp, das Rottstr. 5 Theater oder das FKT Bochum reiben sich an dem Thema Kulturhauptstadt, weil die Rahmenbedingungen da häufig alles andere als einfach sind. Natürlich hat man sich mit dem Thema auseinandergesetzt und eine eigene Position entwickelt. Viele sind an den vorgefertigten Strukturen der Kulturhauptstadt gescheitert, vor allem mit der Illusion, da Fördergelder abzubekommen oder wirtschaftlich an dem zu partizipieren, was da als Schinken hochgehängt worden ist. Nichtsdestotrotz ist die Kulturhauptstadt ein guter Nährboden für Projekte wie unseres und viele andere, die sich hier idealistisch bewegen. Natürlich auch in der Abgrenzung dazu, wie Du es schon angesprochen hast. Das Ganze hat natürlich den Nachteil, das solche idealistischen Strukturen letztlich Ausbeutungsstrukturen sind, weil bestimmte Sachen Geld wert sind und andere nicht. Wir haben alle den Luxus, dass wir in gefestigten Strukturen sind und dann damit auch spielen können.
Ist das Projekt für Euch ein Ausgleich?
Ausgleich hört sich so nach Ausgleichssport an …
Naja, viele Leute trennen zwischen „Brotjobs“ und eigenen Projekten, wo man sein Herzblut reinsteckt. Den Eindruck habe ich bei urban urtyp auch …
Da kreuzen sich die Wege wieder, vieles davon kann ich für mich unterschreiben. Es ist ja durchaus auch inspirierend, dass man zur Kulturhauptstadt etwas beitragen kann. Aber man merkt dann auch, dass man sich an den geordneten Strukturen oft vergeblich abarbeitet. Das Schöne ist, dass der Blickwinkel bei uns auch über 2010 hinausgeht. Ich hoffe, dass das bei der Kulturhauptstadt auch der Fall ist, das mag ich aber anzweifeln.
Bei der „inoffiziellen“ Kulturhauptstadt bestimmt …
Das ist vielleicht eine ganz schöne Abgrenzung, von einer „offiziellen“ und einer „inoffiziellen“ Kulturhauptstadt zu sprechen. Wobei man ja ehrlicherweise auch sagen muss: die Auseinandersetzung mit der inoffiziellen Kulturhauptstadt entsteht natürlich aus der Berührung mit der offiziellen Kulturhauptstadt. Wir sind ja auch oft gar nicht soweit von dem einen oder andern offiziellen Projekt entfernt. Aber selbst für uns, die wir nah dran sind, hat die Kulturhauptstadt da nicht die entsprechende Offenheit entwickeln können. Das macht vielleicht aber auch gar nichts, man muss vielleicht einfach mal gucken, wie man damit umgeht. Die Kulturhauptstadt erstmal als einen Meilenstein zur Orientierung zu sehen, ist wahrscheinlich nicht verkehrt. Es ist aber auch wichtig, dabei eine gewisse Qualität im Auge zu behalten. Man merkt, dass die Verbreitung einer Idee immer zwei Seiten hat: einerseits führt sie zu einer Akzeptanz der Idee, andererseits wird aber auch der Kerngedanke der Idee verwässert oder verflacht. Das sollte man als Leitmotiv für die weitere Umgestaltung des Ruhrgebiets sehr genau im Blick behalten. Deswegen sitzen wir hier auch zusammen und entwickeln Ideen mit Leuten, die von unten etwas bewegen wollen, ohne jetzt 70er-Jahre-Grassroots-Motive bemühen zu wollen, aber das ist schon ein sehr offener Charakter mit einem ideellen Anspruch.
Glaubst Du an das Ruhrgebiet oder machst Du Dir Sorgen um 2011?
Lass es mich so sagen: Gerade weil ich nicht ans Ruhrgebiet glaube, bringe ich mich in so ein Projekt ein. Wenn man nur in den bestehenden Strukturen weiterdenkt und eben nicht neue Projekte in einem anderen Philosophie denkt, wird man schnell an einen Punkt kommen, wo wir im Vergleich mit Köln, Berlin, Hamburg, erst recht auch Barcelona, New York oder London wenig Chancen haben. Wir müssen die Eigenarten des Ruhrgebietes stärken und eigene Ideen entwickeln. Wenn wir nur Ideen von Weltstädten abkupfern, die diesen Status mit mehr Berechtigung tragen als das Ruhrgebiet, bleibt unsere Identität - eben das Urtypische - auf der Strecke . Man muss schon das Eigene finden und auch genau hingucken. Das funktioniert nicht aus der Draufsicht, sondern muss aus den verschiedensten Orten und Sichtweisen einzeln entwickelt werden …
Glaubst Du, dass das geht?
Ich hoffe, dass es gelingt. Sonst würde ich mich ja nicht in so ein Projekt einbringen. Vielleicht lohnt es, dem Ruhrgebiet noch eine Chance zu geben. Die Spielräume sind da, wir müssen nur spielen.
Vielen Dank.
Den ersten Teil des Interviews findet Ihr hier.
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