
Die überschätzte Kraft der Kreativwirtschaft – Eine Antwort für Jan Wilms
„In der Zukunft werden wir erleben, wie die Mittelstädte das Profil schärfen, ihre politische Macht stärken und den Wettbewerb auf die Großstädte erhöhen.“ Diese These stellt Jan Wilms in seinem LAB-Beitrag „Neue Städte: Liegt in der Mitte die Kraft?“ in den Raum. Als Musterbeispiel für eine aufstrebende Mittelstadt nennt Wilms das 72.000 Einwohner starke Dinslaken am Niederrhein und hebt explizit das Potenzial des dortigen Kreativquartiers Zeche Lohberg hervor.
„Der Strukturwandel auf dem Zechengelände ist ein großes Pfund, mit dem wir in Zukunft wuchern wollen“, wird SPD-Bürgermeister Michael Heidinger zitiert. Doch so rosarot wie die Zukunft im VRR-Grenzgebiet gemalt wird, ist sie nicht. Der Stadtteil Lohberg ist spätestens seit Schließung der Zeche im Jahr 2005 die graue Maus vor Ort. Wer es sich leisten kann, zieht in den Averbruch, nach Hiesfeld oder gleich in eine andere Stadt. Tristesse bestimmt vielerorts das Bild, nicht nur beim niedergewirtschafteten Fußball-Traditionsclub VfB Lohberg, der in der Bezirksliga vor sich hindümpelt und kaum noch Besucher in die einst berüchtigte Dorotheen-Kampfbahn lockt.
Heidigers Vorgängerin Sabine Weiss (Foto: links), mit CDU-Parteibuch ausgestattet und nach zwei Amtsperioden 2009 in den Berliner Bundestag weitergezogen, hatte dem Standort Lohberg in ihrer letzten Amtszeit besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Nicht weil in ihm so viele Potenziale steckten, sondern weil er drauf und dran war, als Problembezirk mit einer hohen Arbeitslosenquote und wenig attraktiven Berufsmöglichkeiten dem Ansehen der Stadt nachhaltig zu schaden.
Mit dem Ende des Bergbaus neue Anreizpunkte für Bewohner (und derer die es mal sein könnten) schaffen zu wollen, ist wichtig und richtig, doch die ausstrahlende Kraft eines Kreativquartiers Zeche Lohberg für den Stadtteil wird (u.a. im Beitrag von Jan Wilms) maßlos übertrieben. Interessanterweise ist es noch gar nicht so lange her, da plädierten nicht wenige im Dinslakener Rathaus für die Ansiedlung eines Outlet-Centers auf dem großflächigen Zechen-Areal und hatten mit Kunst & Kultur nur wenig im Sinn.
Die RAG als Besitzer des Geländes war schon drauf und dran, das örtliche Wahrzeichen, die zwei Fördertürme, aus Kostengründen abzumontieren und ins Ausland zu verkaufen. Derzeit kämpft der Verein „Fördertürme Bergwerk Lohberg“ für den Erhalt des rostigen Kolosses. Norbert Bruckmann, Vorsitzender des Vereins, rechnet z.B. damit, dass der Standort Lohberg ohne seine aussagekräftigen Türme in Zukunft kein Bestandteil der „Extraschicht“ mehr sein könnte. So viel zum Thema kultureller Fortschritt im Kreativquartier, dessen Besuch nur zu unübersichtlichen und arg eingeschränkten Öffnungszeiten möglich ist.
Ben Perdighe, Autor und Kulturschaffender vor Ort, war bereits vor einem Jahr, als Dinslaken als erster Local Hero die Kulturhauptstadtzeit eröffnete, skeptisch: „Im Endeffekt ist bisher nicht viel passiert, außer dass drei, vier Leute sich eingemietet und ihre Ateliers dort eingerichtet haben. Die ganze Geschichte nennt sich jetzt „Kreativquartier“. Von all den Plänen ist wenig umgesetzt worden und ich bin mir relativ sicher, dass es noch fünf Jahre dauern wird, ehe es halbwegs geradeaus läuft. Und dann wird es in zehn bis 15 Jahren zu einer Nullnummer auslaufen.“
Auf Nachfrage vertritt er diesen Standpunkt heute noch. Daran hat auch RUHR.2010 kaum etwas geändert. Selbst die Stadt Dinslaken hat Zeche Lohberg bis heute nicht als öffentlichkeitswirksamen Anziehungspunkt auf dem Schirm. Auf der eigenen offiziellen Homepage taucht das Kreativquartier weder unter Sehenswürdigkeiten noch als Kulturstandort auf. In diesem Sinne…
Ähnliche Beiträge
„Der Strukturwandel auf dem Zechengelände ist ein großes Pfund, mit dem wir in Zukunft wuchern wollen“, wird SPD-Bürgermeister Michael Heidinger zitiert. Doch so rosarot wie die Zukunft im VRR-Grenzgebiet gemalt wird, ist sie nicht. Der Stadtteil Lohberg ist spätestens seit Schließung der Zeche im Jahr 2005 die graue Maus vor Ort. Wer es sich leisten kann, zieht in den Averbruch, nach Hiesfeld oder gleich in eine andere Stadt. Tristesse bestimmt vielerorts das Bild, nicht nur beim niedergewirtschafteten Fußball-Traditionsclub VfB Lohberg, der in der Bezirksliga vor sich hindümpelt und kaum noch Besucher in die einst berüchtigte Dorotheen-Kampfbahn lockt.
Heidigers Vorgängerin Sabine Weiss (Foto: links), mit CDU-Parteibuch ausgestattet und nach zwei Amtsperioden 2009 in den Berliner Bundestag weitergezogen, hatte dem Standort Lohberg in ihrer letzten Amtszeit besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Nicht weil in ihm so viele Potenziale steckten, sondern weil er drauf und dran war, als Problembezirk mit einer hohen Arbeitslosenquote und wenig attraktiven Berufsmöglichkeiten dem Ansehen der Stadt nachhaltig zu schaden.Mit dem Ende des Bergbaus neue Anreizpunkte für Bewohner (und derer die es mal sein könnten) schaffen zu wollen, ist wichtig und richtig, doch die ausstrahlende Kraft eines Kreativquartiers Zeche Lohberg für den Stadtteil wird (u.a. im Beitrag von Jan Wilms) maßlos übertrieben. Interessanterweise ist es noch gar nicht so lange her, da plädierten nicht wenige im Dinslakener Rathaus für die Ansiedlung eines Outlet-Centers auf dem großflächigen Zechen-Areal und hatten mit Kunst & Kultur nur wenig im Sinn.
Die RAG als Besitzer des Geländes war schon drauf und dran, das örtliche Wahrzeichen, die zwei Fördertürme, aus Kostengründen abzumontieren und ins Ausland zu verkaufen. Derzeit kämpft der Verein „Fördertürme Bergwerk Lohberg“ für den Erhalt des rostigen Kolosses. Norbert Bruckmann, Vorsitzender des Vereins, rechnet z.B. damit, dass der Standort Lohberg ohne seine aussagekräftigen Türme in Zukunft kein Bestandteil der „Extraschicht“ mehr sein könnte. So viel zum Thema kultureller Fortschritt im Kreativquartier, dessen Besuch nur zu unübersichtlichen und arg eingeschränkten Öffnungszeiten möglich ist.
Ben Perdighe, Autor und Kulturschaffender vor Ort, war bereits vor einem Jahr, als Dinslaken als erster Local Hero die Kulturhauptstadtzeit eröffnete, skeptisch: „Im Endeffekt ist bisher nicht viel passiert, außer dass drei, vier Leute sich eingemietet und ihre Ateliers dort eingerichtet haben. Die ganze Geschichte nennt sich jetzt „Kreativquartier“. Von all den Plänen ist wenig umgesetzt worden und ich bin mir relativ sicher, dass es noch fünf Jahre dauern wird, ehe es halbwegs geradeaus läuft. Und dann wird es in zehn bis 15 Jahren zu einer Nullnummer auslaufen.“Auf Nachfrage vertritt er diesen Standpunkt heute noch. Daran hat auch RUHR.2010 kaum etwas geändert. Selbst die Stadt Dinslaken hat Zeche Lohberg bis heute nicht als öffentlichkeitswirksamen Anziehungspunkt auf dem Schirm. Auf der eigenen offiziellen Homepage taucht das Kreativquartier weder unter Sehenswürdigkeiten noch als Kulturstandort auf. In diesem Sinne…
Fotos: ExtraSchicht/Ruhr Tourismus/Kreklau (Teaser);
Deutscher Bundestag/Lichtblick/Achim Melde (Sabine Weiss),
Ben Perdighe (Ben Perdighe)
Deutscher Bundestag/Lichtblick/Achim Melde (Sabine Weiss),
Ben Perdighe (Ben Perdighe)
Ähnliche Beiträge
- Neue Städte: Liegt in der Mitte die Kraft?
- Ausschreibung für die Tätigkeit als Standortmanager/in
- Das Modellprojekt Zeche Lohberg
- Dinslaken ist Local Hero - Wir sind es nicht!
>>> Zum Channel Politik und Strategien <<<
Mi, 19.01.2011
2
Kommentar hinzufügen
Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben
Kommentare
Ähnliche Beiträge
15.09.2010 - 13:37
18.01.2010 - 15:51
Thema
Stadt
Branche
Aktuelle Tweets





























ein thema,
zu dem ich gern stefan laurin zitieren möchte: "warum verschwendet man (...) Energien und Ressourcen auf Standorte wie Dinslaken oder Unna?" (...) "Egal, was man macht, Gladbeck, Herne oder Marl werden niemals über einen Vorortstatus hinwegkommen. Also muss man sich für diese Städte andere Lösungen einfallen lassen. Dabei mag es sich um gute Wohngebiete handeln, die nur verkehrstechnisch besser angebunden werden müssen. Aber dazu darf man diese Städte nicht wie Großstädte behandeln, denn es sind Vororte."
im original zu lesen hier: http://www.2010lab.tv/blog/rueckblick-ruhr-2010-mit-stefan-laurin
rischtisch
Ich denke, es gibt viele "Mittelstädte" (was für eine Wortschöpfung - als wenn Größe was über Inhalt aussagen würde, muss immer an Helges "mittleren Vogel" denken), die mit einem Glanzstück oder einem "Leuchtturm" durchaus Leute ziehen. Aber die Städte sind doch deswegen nicht interessant für "Kreative" - diese offenbar Kommunalpolitiker seligmachende Spezies!
Nehmen wir das ZKM in Karlsruhe, das erwähnte Museum in Wolfsburg, die Bauhaus Dinger in Dessau oder die akkuraten Museen in Saarbrücken oder Thrier...Alles schön und gut und manchmal sehenswerte Sachen, aber da entsteht doch kein "Kreativquartier". Und was bitte hat Dinslaken?
Dieser Begriff Kreativquartier, der schon für nominelle "Großstädte" wie Dortmund, Bochum etc. nicht recht passt (sondern so lang wiederholt wird, bis da doch was sein MUSS), wird in Zusammenhang mit diesen Klein/Mittelstädten geradezu lächerlich. Nur weil 3 Maler und zwei Gitarristen und ein junger Typ, der seine Gedichte in Kneipen verteilt, dort wohnen, bilden die doch kein Kreativquartier. Dann ist Worpswede, das sich selbst das "Deutsche Künstlerdorf" nennt, das kreative Zentrum der Republik.
Also bitte, liebe Dinslakener und Castroper, Dorstener, Moerser und Hammer: freut Euch über Zuzüge und Dableiber. Und wenn von denen einer was "Kreatives" macht, ist das schön, aber bedeutet nicht, dass in eurem schönen Ort nicht weiter vor allem Shoppen, Kneipe und Stadtfest/Kirmes die Kern-Kultur stellen.