Der britische Streetartist Eyesaw mischt die Werbung auf. Foto: Eyesaw

Die Reklame-Rowdies

Adbuster gehen mit Streetart gegen den alltäglichen Werbewahnsinn vor

„Ich bin doch nicht blöd!“, „Geiz ist geil!“ Mit solchen tautologischen Werbebotschaften werden Menschen heute täglich konfrontiert, ob sie es wollen oder nicht. Auf dem Weg zur Arbeit wollen uns nackte Frauen auf Plakatwänden Parfüm andrehen, am Bahnsteig lachen uns glückliche Familien aus dem Traumurlaub an und selbst während wir in der Pommesbude warten, flackern bunte, hektische Überredungsversuche über an der Decke hängenden Bildschirme.

 

Werbebotschaften entlarven

Die Konsum- und Werbe-Berieselung wird von den meisten Menschen hingenommen und der Städter im frühen 21. Jahrhundert hat sich längst eine dicke Hornhaut angeeignet, an der die lauten Botschaften scheinbar abprallen. Dennoch handelt es sich bei der allgegenwärtigen Werbung um einen aggressiven Akt, einen Eingriff in die Umgebung, der ohne vorheriges Fragen getätigt wird und gegen den man sich nicht wehren kann – so argumentieren zumindest Konsumkritiker und Adbuster.

Letztere sind ein aktuelles Phänomen an der Schnittstelle zwischen Aktivismus und Kunst: Streetart-Künstler, deren primäres Ziel die ungewollten Werbebotschaften im Stadtbild sind. In nächtlichen Aktionen ziehen sie los, um Werbeplakaten zu Leibe zu rücken, sie zu verändern, zu verfremden und die eigentliche Botschaft umzukehren, zu entlarven oder auf die Schippe zu nehmen. Ihre Waffen: Spraydose, Kleister, Schere.

 

 

 

Kampf dem Konsumterror

In Berlin gehört der Streetartist Prost, dem einen oder anderen bekannt durch sein Smilie-Tag, zu den bekanntesten Vertretern der Bewegung. Der Hauptteil seiner Arbeit fokussiert die Konsumkritik via Adbusting. So reagiert er auf seine Umwelt, indem er Gentrifizierungs-Plakate von Wohnungsgesellschaften verunstaltet, Logos manipuliert oder mit seinen kleinen Kunstwerken an Häuserwänden auf witzige Art Zeichen gegen Yuppietum und Kapitalismus setzt.

Auch der Londoner Eyesaw hat dem Konsumterror den Kampf angesagt und nimmt sich mit Vorliebe beleuchtete Werbeflächen an Bushaltestellen vor, um dort neue, konsumkritische Botschaften unterzubringen. Dort entstehen meditierende Coca-Cola-Mönche, ein Weihnachts-Jesus mit Dollar-T-Shirt, ein Kapitalist baumelt am Seil und ein Coke-Zero-Werbeposter wird mit dem Spruch „Buying is Believing“ versehen.

 

Mit Ironie gegen Missstände

Ihren Ursprung haben diese Aktivisten in der Streetart und Graffiti-Szene. Einer der bekanntesten Vorreiter, der Graffiti auf raffinierte Weise politisch einsetzte, ist der britische Künstler Banksy, der bereits auf der ganzen Welt seine subversiven Botschaften versprühte und zuletzt mit seinem genial subtilen filmischen Rundumschlag „Exit Through The Gift Shop“ dem Kunstmarkt eine Abreibung erteilte. Banksys Arbeiten teilen den subtilen Angriff auf bürgerliche und bigotte Vorstellungen und nehmen – nicht selten mit viel Ironie – gesellschaftliche und politische Missstände aufs Korn.

Jenseits von Streetculture hat Adbusting auch einen „ideologischen“ Hintergrund, der maßgeblich durch die Chef-Vorreiter Kalle Lasn und Bill Schmalz geprägt ist. Die Kanadier verfolgen und prägen die Szene bereits seit 1989 mit ihrem Adbusters Magazin, das regelmäßig Relevantes und Interessantes zum Thema Culture Jamming und Adbusting beinhaltet. Neben Umweltschutz und Kapitalismuskritik spielt seit jeher auch das Subvertisement eine zentrale Rolle.

 

 

Kritik am grenzenlosen Konsum

Die Manipulierung von Werbelogos und -botschaften zu deren Entlarvung und Persiflage wird gern von NGOs und konsumkritischen Gruppen für Kampagnen genutzt, um die üblen Praktiken großer Konzerne bloßzustellen und anzuklagen. Diese Ideen finden nun ihren Weg ins städtische Erscheinungsbild, indem sie sich auf Werbewänden und Plakaten ausbreiten. Der generelle Konsens vieler neuen Bewegungen, wie etwa der LOHAS und der neuen Minimalisten, ist das zunehmende Kritisieren des grenzenlosen Konsums, der als einer der Hauptgründe für viele Missstände in der heutigen Welt gesehen wird.

Eine gedankenvolle Auseinandersetzung mit dem Thema ist nötig und wird in der heutigen Gesellschaft am liebsten mit einer Prise Humor gereicht. In einer Gesellschaft, die nur noch auf Konsum basiert und jegliche andere Bedeutung verloren zu haben scheint, sind solche Gegenkräfte umso wichtiger. Bleibt zu wünschen, dass die Bewegung weiterhin an Fahrt gewinnt und mehr Menschen zum Umdenken bewegt.

 

Fotos: Eyesaw; www.eye-saw.net

So, 29.07.2012 0

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19.01.2010

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