
Die Rahmenbedingungen für Kultur sind schlecht
Lisa Mews (Bündnis90/Die Grünen) über Möglichkeiten der Kulturpolitik in Essen
Lisa Mews sitzt für Bündnis90/ Die Grünen im Rat der Stadt Essen. Sie beschäftigt sich für ihre Fraktion schwerpunktmäßig mit Kulturpolitik und sitzt im Kulturausschuss der Stadt Essen. 2010LAB-Autor Joscha Hendricksen ist Pressesprecher der Initiative Freiraum2010, die sich für Freiräume für Kunst einsetzt. Das Geld ist knapp und die Aussichten rar. Aber trotz des kritischen Tons kommt es vielleich doch zu Aufbruchsstimmung in Essen, denn am 12.10.2011 stimmt der Kulturausschuss der Stadt Essen über ein Förderkonzept für die nördliche Innenstadt ab.
2010LAB: Beschreibe doch mal die Essener Kulturlandschaft aus deiner Sicht.
Lisa Mews: Ich finde, dass die Hochkultur eine tolle Arbeit macht und ich sehe all die Einzelparzellen: Das Grend, das Kunsthaus und all die kleinen Institute. Diese müssen auf jeden Fall erhalten bleiben. Darauf zu achten, dass die institutionelle Förderung und die Projektförderung läuft, dass die kleinen Institute auch entsprechend ausgerüstet sind, um weiter machen zu können, darauf liegt mein Schwerpunkt. Gleichwohl bin ich der Meinung, dass die Stadt Essen ein Theater und eine Philharmonie haben muss. Das breitgefächerte Angebot muss erhalten werden. Das ist schwierig, wenn man so wenig Geld zur Verfügung hat. Die Institute haben sich über viele Jahre etabliert und ,das ,Spielgeld', sage ich mal, wird immer weniger. Es lässt sich schwer noch etwas Neues eröffnen. Das führt dazu, dass ihr, als junge Künstler, die etwas ganz Neues wollen, es schwer haben. Da muss man fragen: Wie kriegt man das überhaupt noch hin?
Die Vision, die ich habe, richtet sich auf das Essener Nordviertel, rund um den Kopstadtplatz und herunter bis zur Universität. Ich denke, da kommt durch die neue Bebauung ein ganz neues Publikum hin. Der ganze Bereich wird sich beleben und da gehört ihr dazu. Es ist allerdings schon komisch, dass man von der Stadt aus ein Zeichen setzen muss und dass ihr da nicht einfach so reingehen könnt, wie ihr das mit eurer Besetzung gemacht habt, aber ich sehe im Moment keinen anderen Weg.
In der öffentlichen Wahrnehmung gab es ja gerade das Kulturhauptstadtjahr, wo es Geld gegeben haben soll für innovative Konzepte. Jetzt ist es ein Jahr später und man hat so das Gefühl, dass es so ist, wie es die Kritiker vorher gesagt haben: RUHR.2010 ist ein Strohfeuer und danach ist alles wieder weg. Ist das auch dein Eindruck?
Ich glaube, es wurde zu viel in RUHR.2010 hinein interpretiert. Viele Künstler haben geglaubt, dass sie mehr Geld bekommen für ihre Projekte. Das ist so nicht passiert – bis auf wenige Ausnahmen. Das Geld ist vor allem für Werbung und Organisation ausgegeben worden. Da ist das Geld ein bisschen versickert und es hat nicht jeden Stadtteil erreicht, so wie sich das viele gewünscht haben. Da ist die Enttäuschung sehr groß. Ich kann das einerseits verstehen. Auf der anderen Seite habe ich von vornherein gedacht, dass das so nicht funktioniert. Jetzt hab ich in der Zeitung gelesen: Es gibt durch RUHR.2010 mehr Chöre, mehr Leute, die singen wollen – kurz: es gibt ein paar Randeffekte. Im Großen wird aber so weiter gemacht wie gehabt.

Gibt es denn eine Möglichkeit, der Stadt zu vermitteln, dass sie mehr für Kunst und Kultur ausgeben sollte?
Das tut ihr ja bereits und das ist auch sehr wirkungsvoll, indem ihr das Thema immer wieder ins Gespräch bringt. Dann muss man aber unterscheiden zwischen der Politik und den Bürgern der Stadt. Ich möchte bezweifeln, dass irgendein Bürger der Stadt euch so wahrgenommen hat, wie ihr wahrgenommen werden möchtet.
Mir kommt es so vor, dass, wenn man Geld für seine Projekte will, man nur im Kulturbereich selbst ,wildern' kann – also anderen Kultureinrichtungen oder Projekten versucht, Geld wegzunehmen...
Ihr könnt zum Beispiel Projektmittel beantragen...
Wobei diese Projektmittel ja sehr schmal sind. Das sind glaub ich 60.000€ im Halbjahr. Das kann für ernstgemeinte Projekte ja nur ein minimaler Baustein sein. Mit diesen 60.000€ soll ja alles im Kulturbereich gefördert werden: vom Solisten fürs Polizeiorchester bis zum Tanzfestival, das sind 0,2% des Essener Kulturhaushaltes – das steht in keiner Relation.
Wir in der Kulturpolitik versuchen zu machen, was wir noch machen können, die Rahmenbedingungen sind hier nicht so gut.
Die Rahmenbedingungen sind schlecht, das stimmt.
Das Neue ist für mich – was ich auch attraktiv und interessant finde – ist, dass Essen nicht so zergliedert wird, sondern dass wir einen Kern schaffen. Dieser Kern kann im Nordviertel sein, sodass dort ein Kreativ-Viertel entsteht. Weil ich denke, dass dann eine Atmosphäre entsteht, die ein bisschen an Berlin-Kreuzberg erinnern könnte. Das ist meine Vision. Deshalb seid ihr als Künstler dabei unglaublich wichtig und deswegen sage ich immer: Ihr müsst mit ins Boot. Das Problem ist dann jedoch die Finanzierung. Wir müssen alle an einen Tisch bringen, die im Nordviertel Konzepte entwickeln.
Diese politischen Prozesse sind für viele junge Leute, denen Ich begegne, so nicht nachvollziehbar. Es besteht eine allgemein angespannte Haltung gegenüber dem politischen Prozess. Man denkt sich: Auf lokaler Ebene ist kein Geld da, um ein kulturelles Projekt anzuschieben, und auf anderen Ebenen werden astronomische Summen in kürzester Zeit verschlungen. Das gibt einem nicht unbedingt das Gefühl, dass es da immer mit ,rechten Dingen zugeht', wenn es um die Frage geht, wofür in unserer Gesellschaft Geld da ist. Wenn man dann also protestiert, wie es Freiraum tut, dann mit einen politischen Hintergrund, wir haben gewisse Vorstellungen. Wenn wir also von Kunst reden, dann heißt das auch, dass Kunst in die Gesellschaft hinein wirken will, Fragen stellen will, die darüber hinaus gehen, ob wir hier im Allerkleinsten noch irgendetwas reißen können. Um daraus mal eine Frage zu formulieren: Siehst du in Kunst und Kultur eine Möglichkeit, die drängenden Probleme unserer Welt anders zu denken?

Infos zum Antrag aus dem Ratsinformationssystem der Stadt Essen
- Antragsvorlage:
Förderung von Künstlerinnen und Künstlern in Essen. Nördliche Innenstadt - "Raum für Kunst."
- Anhang zum Antrag:
Titelfoto: ,Essen ist fertig' von Gigo Propaganda (c) J.Hendricksen
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