Die neue Zentrale der Jugend in Essen ist die Weststadthalle (Teil 2)

Ein neuer Ort für eine neue Jugend

Nach dem Rückblick der Ausblick: Im zweiten Teil des Interviews (zu Teil 1 geht's hier) steht Betty Fischer-Tauchmann Yvonne Bohun zur Seite. Sie ist gelernte Veranstaltungskauffrau und mit zuständig für den Veranstaltungsbereich. Ich beginne mit dem Offensichtlichen...

 

J. Hendricksen: Die Atmosphäre ist hier ja nicht gerade „Jugendzentrums-mäßig“, manch ein Jugendlicher steht ja vielleicht mehr auf vollgetaggte Räume. Hier hingegen herrscht ein sehr gepflegtes Ambiente.

 

Y. Bohun: Wir haben hier eben auch ein anderes Konzept als ein ,normales' Jugendzentrum, aber das ist ja nur eine weitere Alternative. Die anderen, kleinen Jugendzentren existieren ja weiter und die sind ja auch dementsprechend vollgesprayt. Wer hier mit so einer Vorstellung hinkommt, ist sicher überrascht und vielleicht sogar enttäuscht. Weil wir wissen, wie das Bild in den Köpfen der Menschen ist, versuchen wir das Wort ,Jugendzentrum' zu vermeiden und sagen einfach: ,Das ist ein Ort für Jugend'. Wir wollen, dass sich das Wort ,Weststadthalle' oder eben ,WeststadtHorizont', das ist der Name für den Cafébereich, etabliert.

 

J. Hendricksen: Das ist jetzt also weniger ein Jugendzentrum als ein Organisationszentrum der Jugendarbeit in Essen.

 

B. Fischer-Tauchmann: Nein, das kann man auch nicht sagen. Beim Wort Jugendzentrum haben alle Menschen dieser Stadt andere Bilder im Kopf. Z.B.: „Da trifft sich die Jugend. Die kommen vorbei, dann gehen sie wieder.“ Das ist vielleicht die einzig gemeinsame Vorstellung zum Thema Jugendzentrum. Das ist hier natürlich etwas völlig anderes, das gab es in der Papestraße aber auch nicht. Da stand zwar seit 1974 Jugendzentrum drüber, aber die Papestraße war kein Ort der offenen Jugendarbeit. Seit 1994 war es ein Ort, in dem wir Jugendlichen Räume geboten haben, ihre Freizeit zu gestalten, mit uns Projekte zu entwickeln und die gesetzlich festgelegten zentralen Aufgaben der Jugendarbeit zu erfüllen. Die Themen sind dabei gesetzlich vorgegeben: Medienarbeit, Jugendkulturarbeit, internationale Jugendarbeit, Geschlechter-differenzierte Mädchen-/Jungenarbeit und politische Bildung. Wobei zum Thema ,politische Bildung' das Konzept noch nicht verabschiedet ist. Da wird gerade der stadtweite Bedarf ermittelt.

 

Y. Bohun: Wir wollen das eigentlich nicht Jugendzentrum nennen, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass viele mit ,Jugendzentrum' einen offenen Treff verbinden. Diese Orte werden von vielen Jugendlichen jedoch als Orte wahrgenommen, wo sie von Pädagogen bevormundet werden. Deshalb haben wir ein Café geschaffen, das für alle offen ist und das nicht von Pädagogen geleitet wird, sondern wo im Idealfall Freunde hinter der Theke stehen, die sich dort etwas dazu verdienen. Dazu kommt die Veranstaltungshalle in der wir auch punktuell Jugendarbeit anbieten.

 

B. Fischer-Tauchmann: Diese Bandbreite ist wichtig. Wir versuchen es hier mit einem neuen Konzept. Die Jugendlichen sollen sich hier ausprobieren.

 

Y. Bohun: Aber hier ist auch Raum dafür sich einfach zu treffen. Dienstags bis Freitags ab 16 Uhr kann man hier ins Café, den WeststadtHorizont, kommen und beispielsweise Kickern. Wir wollen auch, dass hier Lerngruppen hinkommen, ob von der Schule oder der Uni. Hier gibt’s die Möglichkeit, die Tische zusammen zu stellen, das WLAN zu nutzen. Es wird hier Computer geben, die man sich ausleihen kann. Das ist also ein offener Bereich, der als Café aufgemacht ist. Ein Ort, wo man gerne hingeht eben. Gleichzeitig werden hier punktuell Angebote gemacht. Wenn junge Leute auf uns zukommen und sagen: Ich hab Bock, was zu machen, dann helfen wir bei der Realisierung. Beispielsweise haben wir hier einen Poetry-Slam, der von einem ehrenamtlichen Team organisiert wird. Die sind mittlerweile zu fünft. Die führen den Abend selbstständig durch und haben dabei unsere Unterstützung. Zuletzt war die Anfrage hier eine Manga-Convention zu machen. So etwas gehört hier hin.

 

B. Fischer-Tauchmann: Und zwar ausgehend von der Weststadthalle als dem zentralen Ort der Kinder- und Jugendarbeit und der Jugendkulturarbeit in Essen, übrigens in Kooperation mit - und das ist ja unser Auftrag nach §3 Jugendfördergesetz - den freien Trägern dieser Stadt. Nicht nur selbständig Projekte anzubieten oder kulturelle Veranstaltungen anzubieten zu bestimmten Themen. Dies ist der Ort, wo sich alle, die sich mit dem Thema Kinder- und Jugendkultur beschäftigen, treffen sollen, wenn sie Lust haben, mit uns zu kooperieren, Ideen zu entwickeln und gemeinsam zu arbeiten. Das ist etwas völlig Neues.

 

J. Hendricksen: Und wie schätzt du so die Perspektiven der Jugendarbeit in Essen ein, angesichts von knappen Haushalten? Gibt es da irgendwas zu mäkeln?

 

B. Fischer-Tauchmann: Ich möchte nicht mäkeln. Ich habe immer gesagt: Ich höre dann auf als Sozial-Klempnerin, wenn ich von Jugendlichen nichts mehr lernen kann. Ich stelle fest: Dieser Tag wird nie kommen. Klar wird es immer schwieriger mit immer weniger Ressourcen. Wie oft haben wir schon davon geträumt, dass alle gemeinsam in dieser Stadt für die Interessen der Kinder und Jugendlichen arbeiten würden, ohne dass jeder versucht, nur seine eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Unser Ziel sollte sein, den Kindern und Jugendlichen in der Großstadt Räume zu schaffen, in denen man atmen kann. Das hört sich sehr idealistisch an, aber das ist mein Traum.

 

Alle Infos zur Weststadt-Halle, Termine im WeststadtHorizont und der Veranstaltungshalle unter:

www.weststadt-halle.de

 

In der Blogroll sind Kreidebemalungen auf den Toiletten des WeststadtHorizont zu sehen. (Fotos: J. Hendricksen)

 

Mi, 14.12.2011 0

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27.02.2010

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