
Die mit dem Schaum tanzen
- Serie: Kunst
Die französische Ikone des zeitgenössischen Tanzes Mathilde Monnier und der Plastiker Dominique Figarella zeigten zur Eröffnung des internationalen Berliner Festivals ENTROPIA ihr genreübergreifendes Werk Soapéra als skulpturale Meditation über Kunstformen, aus der sich eine Metapher über den tragischen Umgang des Menschen mit der Natur entpuppt.
Seit Donnerstag ist das renommierte Berliner Radialsystem V wieder fest in Händen der Szenarien der Energie und der Aggregatzustände der Dinge: ENTROPIA – DAS FESTIVAL ZU ENTROPIE öffnet in dem ehemaligen Pumpwerk an vier Tagen die Pforten der energetischen Wahrnehmung. ENTROPIA bespielt erfreulich kontextbezogen sämtliche Räume dieser Kunst- und Kulturstätte.
Auftakt Ökodrama als Coole Meditation
Die beeindruckende Halle des Radialsystems bietet die Basis für die Berlinpremiere von Soapéra der französischen Tanzcompagnie aus Montpellier. Die Bühne ist leer. Ein klassischer Black Cube inmitten der Ornamentik der Industriearchitektur des vorvergangenen Jahrhunderts. Der Einlass des Publikums läuft. Eine gewaltige Schaummaschine hängt wie ein Alien über der Bühne und fängt pünktlich deutsch um 20:00 Uhr an Schaum zu spucken. Zunächst ist es nur ein Kuhfladen, dann wird es eine Pfütze. Nach zehn Minuten ist es nicht nur ein bedrohlich großer See von 12 Meter Durchmesser, nein es ist auch ein auf dreieinhalb Meter Höhe gewachsenes Schaumetwas. Dann erst ebbt der Fluss aus der Maschine ab und vor den Zuschauern liegt ein Glazialrefugium. Still und ruhig wie die Arktis. Beobachtet von einer Frau im Anorak. Alles scheint kalt und okay. Eine Eskimobraut am Silbersee.

Wann wird´s mal wieder richtig Sommer?
Doch dann setzt sich diese riesige Schaumskulptur in Bewegung. Die Zeit läuft. Es geht ein flächendeckendes Wabern durch diese Masse, das Licht moduliert langsam zwischen hell stechender kalter Bläue und diffus dunkler gelber Wärme. Dieses Schelfeis lebt, es atmet!
Und tatsächlich setzt es sich als riesiger Körper in Bewegung. Elemente bäumen sich auf. Große Lappen, lange Schaumfetzen recken sich hoch und weit in den Raum um in Art einer Superzeitlupe wieder darin zu versinken. Ist es doch ein Tier, ein Drache aus Spüli, der uns alle heimsuchen wird? Wen und was will er rächen und wie ist er zu bändigen?
Träume sind Schäume
Die Bedrohung und Angst verschwindet irrsinnigerweise erst mit dem deutlich sichtbaren Erscheinen der hier tätigen Menschen. Das sind die drei weiteren Tänzer in der Installation, die unter diesem Schaumwesen, mitten im Eis hindurch agiert haben. Ihr Tanz ist dem
Tempo der steigenden Flut entnommen. Fließende Bewegungen in irritierend langsamer Zeitlupe. Nirgendwo ist auch nur im Ansatz ein Stop and Go zu erkennen. Alles bleibt in unendlich langsamer Bewegung. Tänzer vereinigen sich mit riesigen Fetzen des schmelzenden Schaumbergs. Das Eis nimmt ab. Das Walten der Tänzer zerstückelt die raumnehmende Skulptur. Wolkenhafte Halbwesen verknüpft und gesteuert von menschlichen Gliedmaßen fliegen durch die Luft. Aber auch die etablierte Szene der leichten schönen Himmelskämpfe der Titanen im High-Tech Outdoor Kostüm kommt zu einem jähen Ende.
Poetische Bindung gekappt – quadratische Avantgarde?
Zwar gibt es zur Halbzeit noch einen gehörigen Nachschlag Schaum obendrauf, aber mit dem Schaum verschwindet auch die Poesie an diesem Abend. Die Tänzer bedienen sich eines großen flachen Quadrats von ca. fünf mal fünf Meter Größe, das sie an die Bühnenrückwand klatschen und später auf den Boden fallen lassen. So wird der Rest des großen Schaumes in kleine Stücke zerfetzt und vertrieben in die Höhe der Pumphalle und auf die Publikumsränge. Was bleibt ist rutschige Seifenlauge. Und die Frage, wie soll man darauf tanzen? Allein mit der Platte und sich selbst will den Menschen hier keine Poesie mehr entstehen. Die Schwerelosigkeit ist dahin. Das luftig flüssige Vegetative ist tot und die kantige Geometrie soll nun helfen. Alle Ansätze und Versuche die Platte als Tanzboden, als gemeinsame Plattform zu nutzen, um eine gemeinsame Choreografie zu finden, scheitern.
Beckett am seidenen Faden
Einmal wird das platte Quadrat zu einer platten Beckettmetapher missbraucht: Die vier Tänzer sitzen
jeder an einer Kante des Quadrats. Ihre Beine liegen unbeweglich unter der Platte. Mit dem Oberkörper versuchen sie miteinander zu kommunizieren und zu reagieren auf ihre Umwelt. Hier löst sich die Allegorie auf Becketts Werk und der damit verknüpften Philosophie des besseren Scheiterns aber überhaupt nicht ein, weil die Tänzer weder tanzen noch gute Schauspieler geben oder schon gar nicht Marionetten sein wollen. Ihre Kommunikation ist hilflos. Die Menschen haben den Bezug zu ihrem taktgebenden Medium verloren. Das stiftete ihnen die Gemeinschaft. Hier fehlt die Ruhe und Ernsthaftigkeit der Meditation, die dem ersten Teil der Performance so gut tat. Das gab das schäumende Eis her. Die Spannung des Abends ist zerfasert und fast vollständig gerissen. Es liegt alles nur noch einzig und allein an dieser Hilflosigkeit selbst. Just in ihrem Ausdruck als Unmöglichkeit und Verweigerung liegt der den Abend noch gerade eben so rettende Keim, der die Aufführung zum Schluss hin schaukelt.
Eine düster ernsthafte Soap Opera – ohne Fortsetzungsmöglichkeit
Je näher die Tänzer den tradierten Möglichkeiten des modernen Tanzes auf freier Bühne kommen, desto mehr verweigern sie sich seiner Darstellung. Sie versuchen es, aber werden unterbrochen. Sie zerstückeln ihre Bewegung, sie zaudern und hadern. Die
Poesie ist ebenso zerstört. Der Zerfall ist da. Das Eis ist weg. Der Berg ist platt. Bis aufs Blut von Seifenlauge durchtränkt kleben Hemd und Hose glitschig schimmernd an den Körpern. Die Natur fehlt. Sie haben sie gebraucht, benutzt. Sie haben sie durchpflügt und sind darin gescheitert etwas Haltbares aus der Natur zu machen. Jetzt kleben deren Reste an ihnen. Das Projekt der Kultivierung ist fehlgeschlagen. Es musste scheitern, weil ihnen das Element entglitt. Alles was bleibt, was unter diesem Umgang und Verhalten bleiben kann, ist das Alleinsein unter Menschen in ihrer selbst gemachten eckigen Logik, die ihnen den Zugang untereinander versperrt.
So unangenehm die Zerstörung der Poesie auch ist, so konsequent ist hier der Hinweis auf ihre Bedingungen, ihre Fragilität und Kurzlebigkeit vorgeführt.
Leider gab es nur diese eine Aufführung von Soapéra am gestrigen Donnerstagabend.
Das Festival läuft bis einschließlich Sonntag mit Performances und Vorträgen.
Fotos: ENTROPIA/Monnier: Marc Coudrais
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Auftakt Ökodrama als Coole Meditation
Die beeindruckende Halle des Radialsystems bietet die Basis für die Berlinpremiere von Soapéra der französischen Tanzcompagnie aus Montpellier. Die Bühne ist leer. Ein klassischer Black Cube inmitten der Ornamentik der Industriearchitektur des vorvergangenen Jahrhunderts. Der Einlass des Publikums läuft. Eine gewaltige Schaummaschine hängt wie ein Alien über der Bühne und fängt pünktlich deutsch um 20:00 Uhr an Schaum zu spucken. Zunächst ist es nur ein Kuhfladen, dann wird es eine Pfütze. Nach zehn Minuten ist es nicht nur ein bedrohlich großer See von 12 Meter Durchmesser, nein es ist auch ein auf dreieinhalb Meter Höhe gewachsenes Schaumetwas. Dann erst ebbt der Fluss aus der Maschine ab und vor den Zuschauern liegt ein Glazialrefugium. Still und ruhig wie die Arktis. Beobachtet von einer Frau im Anorak. Alles scheint kalt und okay. Eine Eskimobraut am Silbersee.

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Wann wird´s mal wieder richtig Sommer?
Doch dann setzt sich diese riesige Schaumskulptur in Bewegung. Die Zeit läuft. Es geht ein flächendeckendes Wabern durch diese Masse, das Licht moduliert langsam zwischen hell stechender kalter Bläue und diffus dunkler gelber Wärme. Dieses Schelfeis lebt, es atmet!
Und tatsächlich setzt es sich als riesiger Körper in Bewegung. Elemente bäumen sich auf. Große Lappen, lange Schaumfetzen recken sich hoch und weit in den Raum um in Art einer Superzeitlupe wieder darin zu versinken. Ist es doch ein Tier, ein Drache aus Spüli, der uns alle heimsuchen wird? Wen und was will er rächen und wie ist er zu bändigen?
Träume sind Schäume
Die Bedrohung und Angst verschwindet irrsinnigerweise erst mit dem deutlich sichtbaren Erscheinen der hier tätigen Menschen. Das sind die drei weiteren Tänzer in der Installation, die unter diesem Schaumwesen, mitten im Eis hindurch agiert haben. Ihr Tanz ist dem
Tempo der steigenden Flut entnommen. Fließende Bewegungen in irritierend langsamer Zeitlupe. Nirgendwo ist auch nur im Ansatz ein Stop and Go zu erkennen. Alles bleibt in unendlich langsamer Bewegung. Tänzer vereinigen sich mit riesigen Fetzen des schmelzenden Schaumbergs. Das Eis nimmt ab. Das Walten der Tänzer zerstückelt die raumnehmende Skulptur. Wolkenhafte Halbwesen verknüpft und gesteuert von menschlichen Gliedmaßen fliegen durch die Luft. Aber auch die etablierte Szene der leichten schönen Himmelskämpfe der Titanen im High-Tech Outdoor Kostüm kommt zu einem jähen Ende. Poetische Bindung gekappt – quadratische Avantgarde?
Zwar gibt es zur Halbzeit noch einen gehörigen Nachschlag Schaum obendrauf, aber mit dem Schaum verschwindet auch die Poesie an diesem Abend. Die Tänzer bedienen sich eines großen flachen Quadrats von ca. fünf mal fünf Meter Größe, das sie an die Bühnenrückwand klatschen und später auf den Boden fallen lassen. So wird der Rest des großen Schaumes in kleine Stücke zerfetzt und vertrieben in die Höhe der Pumphalle und auf die Publikumsränge. Was bleibt ist rutschige Seifenlauge. Und die Frage, wie soll man darauf tanzen? Allein mit der Platte und sich selbst will den Menschen hier keine Poesie mehr entstehen. Die Schwerelosigkeit ist dahin. Das luftig flüssige Vegetative ist tot und die kantige Geometrie soll nun helfen. Alle Ansätze und Versuche die Platte als Tanzboden, als gemeinsame Plattform zu nutzen, um eine gemeinsame Choreografie zu finden, scheitern.
Beckett am seidenen Faden
Einmal wird das platte Quadrat zu einer platten Beckettmetapher missbraucht: Die vier Tänzer sitzen
jeder an einer Kante des Quadrats. Ihre Beine liegen unbeweglich unter der Platte. Mit dem Oberkörper versuchen sie miteinander zu kommunizieren und zu reagieren auf ihre Umwelt. Hier löst sich die Allegorie auf Becketts Werk und der damit verknüpften Philosophie des besseren Scheiterns aber überhaupt nicht ein, weil die Tänzer weder tanzen noch gute Schauspieler geben oder schon gar nicht Marionetten sein wollen. Ihre Kommunikation ist hilflos. Die Menschen haben den Bezug zu ihrem taktgebenden Medium verloren. Das stiftete ihnen die Gemeinschaft. Hier fehlt die Ruhe und Ernsthaftigkeit der Meditation, die dem ersten Teil der Performance so gut tat. Das gab das schäumende Eis her. Die Spannung des Abends ist zerfasert und fast vollständig gerissen. Es liegt alles nur noch einzig und allein an dieser Hilflosigkeit selbst. Just in ihrem Ausdruck als Unmöglichkeit und Verweigerung liegt der den Abend noch gerade eben so rettende Keim, der die Aufführung zum Schluss hin schaukelt. Eine düster ernsthafte Soap Opera – ohne Fortsetzungsmöglichkeit
Je näher die Tänzer den tradierten Möglichkeiten des modernen Tanzes auf freier Bühne kommen, desto mehr verweigern sie sich seiner Darstellung. Sie versuchen es, aber werden unterbrochen. Sie zerstückeln ihre Bewegung, sie zaudern und hadern. Die
Poesie ist ebenso zerstört. Der Zerfall ist da. Das Eis ist weg. Der Berg ist platt. Bis aufs Blut von Seifenlauge durchtränkt kleben Hemd und Hose glitschig schimmernd an den Körpern. Die Natur fehlt. Sie haben sie gebraucht, benutzt. Sie haben sie durchpflügt und sind darin gescheitert etwas Haltbares aus der Natur zu machen. Jetzt kleben deren Reste an ihnen. Das Projekt der Kultivierung ist fehlgeschlagen. Es musste scheitern, weil ihnen das Element entglitt. Alles was bleibt, was unter diesem Umgang und Verhalten bleiben kann, ist das Alleinsein unter Menschen in ihrer selbst gemachten eckigen Logik, die ihnen den Zugang untereinander versperrt.So unangenehm die Zerstörung der Poesie auch ist, so konsequent ist hier der Hinweis auf ihre Bedingungen, ihre Fragilität und Kurzlebigkeit vorgeführt.
Leider gab es nur diese eine Aufführung von Soapéra am gestrigen Donnerstagabend.
Das Festival läuft bis einschließlich Sonntag mit Performances und Vorträgen.
Fotos: ENTROPIA/Monnier: Marc Coudrais
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