Die Messe bild.sprachen 2011 in Gelsenkirchen - nicht immer lebende Bilder

Kunstprojekt über Dortmunder Strichjungen gewinnnt Fotopreis

„Mögen die Besten gewinnen“, sagt man. Leider ist das nicht immer so - weder im Fußball noch in anderen kompetitiven Sparten unserer Welt. Im Fall der jungen Foto-Künstlerin Rosa Maria Rühling, die den zum ersten Mal ausgelobten Preis „Beste bild.sprache 2011“ der Fotomesse bild.sprachen in Gelsenkirchen gewann, hatte die Jury aber den richtigen Blick.

 

Kunstpreise sind trotzdem absurd. Neben der Partnerwahl für Beziehung und Ehe gibt es kaum ein Feld, das ähnlich von Zeitgeist, verborgenen Sehnsüchten, Statusdenken, Ängsten, Lust und Hoffnung geprägt ist, wie die Betrachtung und Bewertung von Kunst. Wer Kunstpreise vergibt, müsste also auch den Glücksgrad von Beziehungen bewerten können. So aber dienen Kunstpreise eher dem Marketing der sie vergebenden Institution, bringen dem Künstler seltenst viel Geld, am ehesten ein wenig Aufmerksamkeit in einer bildüberfluteten Welt und eine Zeile mehr im Lebenslauf. Sei's drum.

 

Langzeitprojekt mit Tiefenwirkung

 

Wenn jemand über viele Monate Strichjungen aus Bulgarien begleitet und ihre Leben in Dortmund zu Fotografie verarbeitet, dann muss aber schon einiges an Können und Sehen zusammenkommen, um weder RTL 2 Voyeurismus noch gefühlsduselige Sozialstudie und auch nicht nur einen Blick von oben herab zu zeigen. Rosa Maria Rühlings Arbeit fiel schon bei der Präsentation der Pixelprojekt Ruhrgebiet Sammlung auf und verdient in jedem Fall Würdigung. Rühlings Bilder aus dem Projekt Azis' zeigen mal abstrakt-karge, menschenleere Räume oder Zimmerecken in eigenartigem Licht, dann wieder unscharf aufgenommene Hinterhöfe und Treppenhäuser oder einen schmutzigen Schneehaufen. Zusammen mit den Portraits junger Männer, mal posierend mit nacktem Oberkörper oder auch ins Leere starrend auf einem Sofa, bekommt das Ganze Kraft und Tiefe. Die leeren Orte entwickeln aus dem Kontext eine Aura, die Portraits und das Wissen um die Arbeit der Männer sind dieser Kontext. Indem die Fotografin den Männern außerdem eine Kamera gab, um sich selbst zu fotografieren, entstand ein Mix aus Fremd- und Selbstbild einer verschlossenen, tabubeladenen Welt. Erstaunlich, dass die Selbstportraits inhaltlich nicht so weit von den Bildern der Fotografin entfernt sind. Beleg für den guten Blick und die Nähe der Fotografin zu ihren Motiven. Azis' ist eine runde, reife, sehr engagierte Arbeit.

 

Die echte Konkurrenz und die glatten Bilder

 

Die echte Konkurrenz auf der Messe  war eher klein: Die grotesk humorlosen Bilder von Margarita Brenner-Grigorova / Avela Admon oder die Nan Goldin kopierenden Partyszenen in Schwarz/Weiß von Alexandar Krajinovic haben zu Recht keine Beachtung gefunden. Die vorsichtigen, sehr persönlichen Arbeiten von Daniela Risch (Helga und Der Garten) dagegen waren eine interessante künstlerische Selbst- und Herkunftsbefragung - wenn auch ohne größeren ästhetischen „Mehrwert“.

Das schon recht breite Werk von Carsten Klein hat durchaus einige sehr interessante Projekte zu bieten: Er zeigte in Gelsenkirchen u.a. Nachtaufnahmen von Orten im Ruhrgebiet bei künstlichem, fast esoterisch wirkendem Licht. Manchmal allzu sehr am Rechner bearbeitet, verloren sie aber an Kraft und Besonderheit - und "typischen" Ruhrpott -  hat man langsam auch genug gesehen. Eigen und gelungen dagegen die Arbeiten von Oscar Ledsma. Doch vermutlich erschien den Juroren sein Werk allzu heterogen und uneinheitlich: Von greller Landschaft, über Pflanzen hinter Gittern und Sonnenuntergangsbildern bis Autokarrosseriedetails - der Mann macht alles.

Insgesamt präsentierten sich 24 Fotografen als Professionelle sowie knapp 40 „Young Professionals“ – zumeist von Hochschulen. Die Bandbreite der vielen "Bildsprachen" ist erstaunlich, die Nähe zu Magazinfotografie und gefälliger Bildbastelei, das marktgefällige manchmal erschreckend. Wenn man nicht als junger Fotograf experimentiert und sucht, wann dann?

 

Die bild.sprachen 2011 war die dritte Messe im Wissenschaftspark Gelsenkirchen und so langsam, mit zwei Preisen für Teilnehmer, einem gehaltvollen Seminarprogramm sowie einigen Unternehmen, Vereinen, Verlagen, Zeitschriften und Branchenverbänden scheint das Ganze in Fahrt zu kommen. Der Preis für eine Fotografin wie Rosa Maria Rühling ist dabei die bestmögliche Werbung.

 

Fotos: Caravante

Sa, 08.10.2011 1

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Kommentare

schlich und einfach falsch

Hallo Herr Caravante, wie heißt das noch, wenn man unwahre Tatsachen über jemanden behauptet oder verbreitet?... Leider habe ich Ihren Beitrag jetzt erst entdeckt. Recherche ist für Sie wohl ein Fremdwort! Die Bilder, die sie als "allzu sehr am Rechner bearbeitet" beschreiben sind analoge Großformatfotos (4x5 Inch) und in Handabzug entstanden! - Wissen Sie was das ist? Da ist GAR NICHTS am Rechner bearbeitet... Wollen Sie die originale Negative sehen? Die meisten Orte existieren so gar nicht, hätten Sie sich ein wenig Zeit genommen, hätten Sie erfahren, dass ich mit einer portablem Blitzanlage unterwegs war und mit Farbfiltern die dunklen Orte "verwandelt" habe. Die Arbeit heißt sublim, hier ein Paar Pressestimmen (sollten Sie doch etwas Zeit investrieren wollen, diese Texte stammen von Profis): „Eigentlich sind es Orte, an denen man achtlos vorbeigeht oder -fährt. Parkdecks, Hinterhöfe, Industriehallen. Aber Carsten Klein, der sich auf Otto Steinert bezieht, hat ihnen in seinen Fotografien eine eigene, manchmal seltsame Aura verliehen. Er hat sie - in Anlehnung an den Philosophen Kant - zu „erhabenen Orten“ gemacht. Das klingt abgehoben, ist es aber letztlich nicht. Der Mann reflektiert einfach, was er tut - und die Ergebnisse sind verblüffend. Aber auch das ist Methode. Vertrautes erscheint auf einmal in einem anderen Licht. Nehmen wir ein Beispiel: ein Parkdeck des Einkaufszentrums Centro in Oberhausen. Klein hat es, wie bei allen Aufnahmen, in der Nacht fotografiert. Die Vorgehensweise dabei nennt er selbst Lichtmalerei: er arbeitet mit langen Belichtungszeiten, die durch Restlicht (zum Beispiel von Laternen) unterstützt werden, und blitzt in die Belichtungszeit hinein, was mitunter unheimliche Effekte bewirkt. Das Bild des Parkdecks hat etwas von einer Seelandschaft. Die Parkstreifen verschwimmen, der Boden wirkt wie Sand und hinten taucht - je nach Betrachtungsweise - ein Wal oder eine Düne auf, was in Wirklichkeit ein riesiges Veranstaltungszelt ist, in dem unter anderem Tabaluga gespielt wurde. Sehr sehenswert.“ /NRZ, Christof Wolf/ „... Das Verborgene sichtbar machen und das Banale in Sublimes zu verwandeln - darum geht es Klein. Es gelingen ihm magische Bilder, die die Architektur betonen, hervorheben, mit Farben verstärken und in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. Bilder, die eine Mischung aus Realität und Irrealität sind, die an der Schnittstelle zwischen Wirklichkeitswahrnehmung und Einbildung liegen. Bilder, in denen durch die Verfremdung eine irritierende Stimmung mitschwingt. Bilder, die menschenleer sind und dennoch oder gerade deswegen eine starke Energie innehaben. Es ist eine sensible Sprache, die Klein spricht. ...“ /Designers Digest - the Artwork Magazin, Britta Rohlfing/ „Durch raffinierte Lichtdramaturgie verwandelt Carsten Klein farblose Industriearchitekturen in majestätische Palais und Kathedralen.“ /General-Anzeiger, Christina zu Mecklenburg/ „...fotografisch anspruchsvolle „Lichtmalereien“ des Esseners Carsten Klein.“ /MZ - Mitteldeutsche Zeitung, Dr. Günter Kowa, Kunst- und Architekturkritiker/ Die Arbeit „sublim“ wurde mit dem 2. Kunstpreis der Großen Kunstausstellung 2003, Villa Kobe, Halle/Saale ausgezeichnet. Bilder der Serie befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen im In- und Ausland, u.a. Landesvertretung NRW beim Bund in Berlin und Herbert Knebel alias Uwe Lyco. Sollten Sie noch mehr erfahren wollen, empfehle ich fragen oder lesen: http://www.photodesignbycarstenklein.com/subInfo.htm Viel Erfolg für Ihre weitere Laufbahn...

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25.03.2010

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