Die Schützenbahn in Essen

Die "liquid democracy" implodiert, die Künstler werden laut

Schützenbahn Essen: Die Ratsfraktion der Grünen in Essen lud zur Podiumsdiskussion - mit Folgen

Wenige Wochen vor den NRW-Wahlen und parallel zur andauernden Diskussion um den "Kulturinfarkt" geht es auch in Essen um Kultur, Kulturförderung, staatliche Unterstützung der Kunst vs. Wahlfreiheit und Selbstständigkeit der Künstler. Da kann es schon mal laut werden.

 

Die Frage ist simpel: Was passiert im Kreativquartier Essen-Nord? Offenbar eine Frage von großem öffentlichen Interesse: Das Foyer des Atelierhauses in der Schützenbahn 19 ist voll besetzt.

Dieses Haus symbolisiert den Fortschritt und die wartende Arbeit in Essen-Nord ideal: Die Stadt vermittelte erfolgreich zwischen der Hausbesitzerin und den Künstlern, die in Essen hin- und hergerissen zwischen überteuerten Mieten und untertriebener Qualität nach Räumlichkeiten suchen.

So gelang es in den letzten Monaten die 15 Räume zu sanieren und für Suchende zu öffnen. Finanziell unterstützt vom Essener Kulturbüro wurden die Mieten pro Quadratmeter bei überschaubaren 2-3 Euro gehalten.

Doch das unscheinbare Gebäude an der Essener Hauptverkehrsstraße hatte zu Beginn vor allem das Problem der Außenwahrnehmung: Die verschlossene Tür und die Lamellenvorhänge ließen nicht erahnen, dass sich Ateliers und zukünftige Galerien hinter der Fassade verstecken.

 

"Wir freuen uns auf einen spannenden Abend voller Ideen"

Hier schlossen sich das Kulturdezernat der Stadt und die Grünenfraktion zusammen, um den ersten von vielen geplanten Veranstaltungsabenden dem interessierten Essener Kreativpublikum zu präsentieren. Und der Andrang übertraf die Erwartungen: Die zuletzt dazu gestoßenen der etwa 150 Gäste mussten stehen.

"Wir freuen uns auf einen spannenden Abend voller Ideen", begrüßte die Moderatorin des Abends, Hiltrud Schmutzler-Jäger, Fraktionsvorsitzende der Grünen, das Publikum und bekam, was sie sich wünschte.

Die Expertenrunde, die enthusiastisch den Ist-Zustand präsentierte, bestand aus Professor Dieter Gorny, Geschäftsführer von ECCE, Reinhard Wiesemann, der mit Projekten wie dem Unperfekthaus und dem Mehrgenerationenhaus von sich reden macht, und Andreas Bomheuer, dem Kulturdezernenten der Stadt Essen.

Doch bevor das erste Mal das Wort "Netzwerk" fallen konnte, trat Reinhard Wiesemann vor das Publikum und erklärte seine Idee für den Abend: Jeder der Anwesenden solle sich kurz vorstellen, um so später das Prinzip der liquid democracy am Bartresen idealerweise umsetzen zu können.

So folgte, noch vor der Vorstellung der Themen des Abends, eine leidenschaftliche Selbstpräsentation, die offenlegte, wie heterogen die Masse sich verteilte, zwischen Freiberuflern, Pfarrern und Fremdsprachenkorrespondentinnen.

Die Leitfrage des Abends lautete: Wie erhalten wir die Selbstständigkeit und Wahlfreiheit der Kunst, wenn es ohne (kommunale oder staatliche) Unterstützung nicht weitergeht?

 

Scheiden sich die Geister an der City-Nord?

Der fromme Wunsch der Gastgeberinnen Hiltrud Schmutzler-Jäger und Lisa Mews, der Abend möge spannend werden, übertraf sich binnen Minuten: Emotional aufgeladen entfachte sich, besser: explodierte im Raum nach kurzer Zeit eine scharfe Debatte über die Qualität der städtischen Hilfen. Immer wieder hallten empörte Zwischenrufe durch den Raum, deren Besitzer nicht mal nach dem Mikro fragen mussten, da das eigene Entsetzen die Stimme auch so genug verstärkte. Diese drängenden Bitten nach klaren Aussagen, die in der Bezeichnung der Nordstadt als "Künstlerghetto" gipfelten, wurde gleichzeitig von einer rotierenden Mehrheit grölend beklatscht beziehungsweise niedergeschrien.

Gleichzeitig entrüstete sich die Gruppe im Licht der Scheinwerfer mit fortschreitender Zeit immer offener über diesen Graswurzel-Shitstorm. Besonders Kulturdezernent Andreas Bomheuer griff immer entnervter zum Wasserglas, stimmungsmäßig gleichzeitig empört und resigniert.

Auf Mikros hätte verzichtet werden können (c) Emily Loh

Die Grünen intervenieren wahlkampferpobt

Als er schließlich doch zum Mikrofon griff, beschränkte er sich darauf, die Funktionen der städtischen Kunstförderung zu erklären, die Rahmenbedingungen schaffen sollten, in denen Kunst entstehen kann - und nicht individuelle Lebenshilfe auf der Suche nach Selbstfindung zu sichern. Die Antwort kam prompt: "Ich heule gleich, Bomheuer", fiel man ihm ins Wort.

Reinhard Wiesemann versuchte sich im Krisenmanagement und diskutierte über das Chaos hinweg mit einem Vertreter der Gruppe Freiraum über mögliche Konzerträume, während Dieter Gorny, den Krach von seiner Zeit als Leiter des Wuppertaler Rockbüros gewohnt, genervt in die Runde blickte. Sein Statement war am Ende von unterdrückter Wut geprägt: "Auch wir stecken hier viel Geld rein und wer hier ist, um zu meckern, kann gerne gehen!"

Gleichzeitig versuchten die Vertreterinnen der Grünen jedes aus dem Publikum geäußerte Statement als "ideales Fazit" umzudeuten. Dieses hier fehlte noch:

Der 26. 4. in der Schützenbahn 21 war abschließend vor allem eins: ein Beweis, wie dringend man in Essen-Nord auch nach Ruhr2010 noch nach Antworten sucht, wie der viel diskutierte 'Kulturinfarkt' zu vermeiden ist, wie die Zukunft der städtischen Finanzierung aussehen könnte und wie die Mehrheit der Künstler zufrieden zu stellen sei. Oder auch kurz: eine Explosion. 

Mo, 30.04.2012 1

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Kommentare

Kleine Ergänzung

Nun, ich war ja auch da und finde folgende Aspekte noch interessant: Die Grünpartei hatte ja nicht zuletzt die Entwicklungsmöglichkeiten des Viertels so gemalt, dass man vor dem geistigen Auge Kinderwagen vor Parkkulisse sehen konnte. Weder sie noch andere auf dem Podium konnten aber diese Wahlkampflyrik mit Fakten untermauern - kein Wunder für eine zentrale Ecke am Ende der Fußgängerzone. Und auch eine feine Work-Life-Balance der Kreativen (und nicht nur Künstler) im Viertel schien vielen im Publikum eher jenen beschieden, die schon seit Jahren zwischen Imbiss, Szeneshop und Rockerläden dort agieren - und nicht den Atelier- und Büro-Kreativen in Atelierhaus und auch Unperfekthaus, die irgendwann die Tür abschließen und nach Hause fahren. Eher in die Richtung geht da schon Wiesemanns Mehrgenerationenhaus, aber auch das wirkt nun einmal recht hermetisch gegenüber den gewachsenen, internationalen Strukturen im Viertel. Daher also das übertriebene Wort vom "Künstlerghetto" aus dem Publikum. Ein weiteres übertreibendes Wort aus dem Publikum war "instrumentalisierte Künstler", was darauf abzielte, dass mit dem Künstlerhaus eben vor allem universitäre Strukturen gestützt bzw. ergänzt werden. An diesem Punkt hätte sich zwischen Grünen, Gorny und Wiesemnann eine differenziertere Debatte ergeben können, wie nun wer Impulse mit was genau wofür (Parkidyll samt Wohnen am Büro/Atelier? Aufwertung der Einkaufsstraße? Eher separierende Förderung von Künstlern ohne Anbindung an die schon gewachsenen Kreativstrukturen? ...) setzen möchte. Dies wurde aber typischerweise durch eine Schwarzweißmalerei unterlaufen - als gäbe es nur "Freiraum-Maximalforderungsschnorrer" und "konsensuale Viertelaufwerter". So blieb das Podium harmonisch und das Publikum durfte als ignorant herhalten - was leider auch in diesem Artikel ein wenig so rüberkommt.

Über den Autor

02.03.2012

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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