Die Kunst des Zusammenlebens: Städte und Vielfalt

Charles Landry ist eine Autorität auf dem Gebiet der Kreativität und  der Stadtplanung und ihrem Gebrauch. Er hilft Städten dabei, ihre Denkweise zu ändern, damit sie ihr tatsächliches Potential erkennen und mit der entsprechenden Originalität planen und handeln können, in dem sie ihren kulturellen Hintergrund mit einbeziehen.

Für das 2010LAB.tv schreibt Charles Landry alle zwei Monate eine Kolumne. Seine erste Kolumne handelt von Kreativität am Scheideweg, seine zweite befasst sich mit der Wichtigkeit, die (kulturelle) Vielfalt für unser Zusammenleben bedeutet.



Vielfalt - wo ist sie hin?


Es gab und gibt diesen Traum von liberaleren Menschen, dass wir zusammenkommen können, um unsere voneinander verschiedenen Lebensarten zu teilen - in Städten, die durch diese Mischung und den Austausch kreativer und lebendig werden. Dieses Bestreben wird jetzt zum politischen Sprengstoff in Europa. Angela Merkel verkündet, dass das Multi-Kulti-Modell gescheitert ist; Nicolas Sarkozy verteibt Roma aus Frankreich, die Schweiz verbietet den Bau von Minaretten, rechtsextreme nationalistische Parteien befinden sich im Aufwind. Wohin geht es mit der Vielfalt?
 

Die Welt war, ist und bleibt in Bewegung




Die Welt ist in Bewegung - obwohl wir vergessen, dass sie das schon immer gewesen ist. Um nur einige große Bewegungen von Menschen zu nennen: bereits vor 2000 Jahren gab es frühe Völkerwanderungen im Mittelmeerraum; es gab den Sklavenhandel über den Atlantik: die größte jemals erzwungene Migration, die 11 Millionen Afrikaner nach Nord- und Südamerika und 5 Millionen von ihnen in den arabischen Raum brachte; es gab erzwungene Arbeitermigration aus Indien und China, und die große Auswanderungswelle, die 50 Millionen Europäer in die USA führte.




Tatsächlich sind wir alle bis zu einem gewissen Grad Immigrationsgesellschaften - die Zeit hat nur die Unterschiede verwischt. Ich "maskiere" mich als Brite und bin als Brite bekannt, aber ich habe 0% britisches Blut in mir. Eine interessante britische TV-Sendung mit dem Titel "Wer glaubst du zu sein" untersuchte den Hintergrund vieler Leute, einschließlich den eines eingeschworenen britischen Politikers und den der Vorsitzenden der Englischen Gesellschaft. Es stellte sich heraus, dass beide gar nicht so britisch waren: durch DNA-Tests wurde belegt, dass letztere tatsächlich ein bisschen Roma- und Mongolen-Blut in sich hatte. Sie war außer sich und verklagte die TV-Firma.



Man muss sich auch noch einmal ins Gedächtnis rufen, dass ein katholischer Präsdent in den USA vor weniger 50 Jahren noch undenkbar war, bis dann Kennedy kam. Das zeigt, dass wir mit der Zeit Unterschiede auffangen und abschwächen können. 



Es scheint auch so, dass wir bestimmte Migranten mögen, andere aber nicht. Wir möchten die talentierten und reichen, nicht die armen und ungebildeten haben. Aber die letztere Gruppe - wenn sie die Chance dazu bekommt - ist es, die das Besondere möglich macht, denn es ist allgemein bekannt, dass sie oft motivierter sind als die ansässige Bevölkerung.



Migration und Urbanisierung




Heute gibt es 214 Millionen internationale Migranten, was 3% der Weltbevölkerung entspricht - ein Prozentsatz, der sich seit den Sechzigern, in denen er bei 2.3% lag, kaum geändert hat. Trotzdem fühlt es sich wie mehr an, weil es insgesamt mehr Menschen sind. Was allerdings immer wieder vergessen wird, ist die große Verschiebung, was interne Migration angeht. 714 Millionen Menschen (bei der letzten Zählung) ziehen aus ländlichen Gebieten in die großen städtischen Ballungsräume, mit China als dem extremsten Beispiel: über 100 Millionen Menschen sind binnen der letzten zehn Jahre dort umgezogen.



Hinter diesen scheinbar simplen Bewegungen stecken tatsächlich sehr komplexe Vorgänge. Manche sind arm und möchten ein besseres Leben, andere sind Tagelöhner, Facharbeiter, Studenten, begabte Unternehmer, Wissensnomaden oder Asylsuchende. Die Gruppierungsgrenzen verwischen sich: manche sind temporär Migranten, andere dauerhaft, manche legal, andere illegal, mit oder ohne Ausbildung, Rentner und alt, andere sind jung und suchen nach einer besseren Zukunft, manche sehen so aus wie wir, andere anders.




Wenn man es optimistisch sehen will, kann man sagen, dass wir neue Energien und Einsichten bekommen. Bei diesem Model profitieren wir alle: der Migrant, die Arbeitgeber, das Gastland, und sogar das Ursprungsland, da ja Gelder "nach Hause" geschickt werden. Wenn man es pessimistisch betrachtet, könnte man sagen, dass Migration die nationale Harmonie bedroht, den Zusammenhalt schwächt und das Ursprungsland seiner besten Talente beraubt, oder dass Migration zu einem sogenannten "Kampf der Kulturen" führen wird. 


 

Vielfalt als Vorteil für das kreative Umfeld




Mein Kollege Phil Wood und ich erforschen seit vielen Jahren diese komplexen Zusammenhänge in Verbindung mit der Idee der ‘interkulturellen Stadt' und ob und wie sie zu Innovation und Kreativität beitragen. Unsere Schlussfolgerungen sind ganz einfach. Am Anfang ist Homogenität einfacher, die Dinge werden erledigt, wir kommen mit den Gegebenheiten klar. Wenn man es aus der Perspektive der Kreativität betrachtet, kommen wir mit ihr allerdings nicht sehr weit. 



Unser Beweismaterial lässt darauf schließen, dass Orte, die über einen längeren Zeitraum florieren, die sind, die eine gute Ausbalancierung ihrer sozialen und kulturellen Unterschiede gefunden haben, und eine Atmosphäre schaffen, in der Vielfältigkeit als Vorteil wahrgenommen wird und relative Harmonie vorherrscht - das ist nicht einfach, und oft gibt es Spannungen. 
Wenn man aber dem Konflikt und den Spannungen entgegentritt, wächst der potentielle Reiz einer Innovation durch Vielfalt ziemlich schnell. Deshalb wollen die meisten großen Konzerne auch eine diversifizierte Belegschaft.


Multi- oder interkulturell?




Die zentrale Frage ist: Wir wissen, dass heutzutage alle größeren Städte aus verschiedenen Kulturwelten bestehen. Sie sind multikulturell - aber was viel wichtiger ist: sind sie interkulturell? Eine multikulturelle Perspektive erkennt und feiert manchmal sogar Unterschiede. Das kann aber auch bedeuten, dass Leute separate oder parallele Leben führen. Das ist ist zwar bis zu einem gewissen Ausmaß in Ordnung, die Stadt schöpft jedoch ihr volles Potential dabei nicht aus. Im Gegensatz dazu hat eine interkulturelle Perspektive eine andere Fragestellung: kommunizieren die Menschen, vermischen sie sich, teilen sie Erfahrungen, nehmen sie an gemeinsamen Projekten teil, machen sie "ihre Stadt" zu einem wichtigen Teil ihrer hybriden und multiplen Identität? 



Die Kultur spielt in diesem Zusammenhang die wichtigste Rolle. Eine beschränkte, lokale Kultur kann Menschen zurückhalten und in ihre eigene enge Welt zurückwerfen, sie fühlen sich vom "Anderen" und vom "Außenseiter" bedroht. Eine selbstbewusstere Kultur hingegen fühlt sich im Einklang mit sich selber und hat keine Angst vor dem "Anderen". 
Sie sucht und genießt sogar den Kontakt zum Anderen. Sie fühlt, dass sie jedem Konflikt gewachsen ist, der sich auftun könnte. 



Offenheit ist das Wichtigste bei diesem Prozess, und Offenheit ist auch die wichtigste Voraussetzung, um kreativ zu sein. Nur, wenn wir offen sind, kann sich eine starke und anpassungsfähige Kultur entwickeln. Sie kann dann belastbar werden und sich nach einiger Zeit selbst erhalten. Eine Stadt mit einer derartigen Kultur ist bereit für die Zukunft.


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Mo, 08.11.2010 0

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31.08.2010

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