Anders Gärtnern im Prinzessinnengarten in Kreuzberg. Foto: Prinzessinnengarten

Die Keimzelle des Urban Gardening

Der Prinzessinnengarten in Berlin Kreuzberg ist seit 2009 das Vorreiterprojekt der neuen grünen Szene in Deutschland

Der Prinzessinnengarten in Berlin Kreuzberg ist so etwas wie die Keimzelle des Urban Gardening Trends der letzten Jahre. Seit 2009 betreiben Robert Shaw und sein Team hier ein offenes Gartenprojekt für Anwohner und Besucher mit unerwartetem Erfolg.

 

Grüne Trends wie Urban Farming und Guerilla Gardening haben sich in den letzten Jahren auf der ganzen Welt ausgebreitet und sind längst auch in der Metropole Ruhr angekommen. Das Natur-Festival in Bochum geht in die dritte Runde, Garteninitiativen und Guerilla Gardening sprießen von Duisburg bis Dortmund aus dem Boden und der fantasievolle Blick auf die grünen Brachen inmitten der Stadt wird immer öfter gewagt.

Eines der deutschen Vorreitermodelle für die Lust am Gärtnern in der Stadt ist der Prinzessinnengarten in Berlin Kreuzberg. Mitten im urbanen Kiez, am Moritzplatz, entstand bereits 2009 auf einer großen Brachfläche ein mobiler Garten, der als Experiment angelegt war. Der Gründer Robert Shaw und sein Team vom Nomadisch Grün GmbH wollten ein soziales Projekt verwirklichen und die Nachbarn gemeinsam in ihrem Garten versammeln um mit ihnen eigenes Gemüse zu ziehen.

 

Urban Farming ein Import aus Kuba

Die Idee dazu hatte Shaw aus Kuba mitgebracht: „Dort betreiben die Leute urbane Landwirtschaft, um sich selbst zu versorgen. Ich habe dort als Student ein Jahr verbracht und kam mit der Frage zurück, ob und wie so etwas auch in Berlin machbar wäre.“ Doch bevor das Experiment beginnen konnte, waren noch zähe Verhandlungen nötig, wie sich Shaw erinnert: „Man denkt ja, wenn auf so einer Brachfläche 50 Jahre lang nichts passiert, müsste der Besitzer doch froh sein, dass jemand dort etwas sozial Sinnvolles machen will und auch noch Miete zahlt. Aber so ist das nicht, denn Brachflächen sind Spekulationsobjekte. Es hat acht Monate gedauert, bis wir 2009 den Mietvertrag bekommen haben und anfangen konnten.“

prinzessinnengarten2012

Als der Deal klar war, galt es noch, ganze zweieinhalb Tonnen Müll von dem Gelände zu entsorgen. Heute stehen im Prinzessinnengarten etwa 4.000 Kisten und 600 Säcke als Beete, acht ausgebaute Container, u.a. mit einer Küche und einer Bar. Besucher aus Berlin und ganz Deutschland kommen regelmäßig vorbei, um sich das bekannte Gartenprojekt anzusehen oder direkt mit anzupacken. Denn der Garten ist eine offene Baustelle – jeder kann mitmachen und natürlich auch die Früchte der Arbeit tragen.

 

Ein sozialer Mikrokosmos

Das Ziel von Shaw und seinem Team war es nicht nur, eigenes Gemüse zu ziehen und sich unabhängiger von Lebensmittelmarkt und konventionellen Produktionsmethoden zu machen. Sie wollten auch herausfinden, wie gut das soziale Experiment funktioniert, ob und welche Menschen sich einfinden würden und welche Früchte das Zusammenkommenn ragen würde. „Wir haben auf den Willen der Leute gesetzt, etwas zu tun und ihre Umwelt zu gestalten, aber dass das in dieser Geschwindigkeit und Größe passiert, damit haben wir nicht gerechnet“, erinnert sich Shaw. „Wir haben uns das viel langsamer und gemütlicher vorgestellt.“

Durch das große Interesse wurde der Garten zu einem sozialen Mikrokosmos, der den Kiezgedanken neu belebt und den Austausch unter Nachbarn im Viertel fördert, die sich sonst höchstens kurz im Hausflur begegnen. Neben den gemeinsamen Erlebnissen entsteht so auch ein neues, geteiltes Wissen. „Alle, die im Prinzessinnengarten mitmachen, stoßen auf die gleichen Probleme und stellen sich dieselben Fragen, ohne dass wir uns hinstellen und politische Vorträge darüber halten, was wir falsch oder richtig finden“, berichtet Shaw. „Wir kritisieren aus unserer eigenen Praxis heraus.“

 

"Wie wollen wir im 21. Jahrhundert in der Stadt leben?“

Systemskepsis und Kritik an der konventionellen Agrarökonomie entstehen so ganz von selbst: „Wenn du hier ein Radieschen pflanzt und siehst, wie viel Mühe dahinter steckt, eine einzige Pflanze hochzuziehen, dann fragst du dich, warum beim Discounter ein Bund mit 24 Stück so wenig kostet. Der Prinzessinnengarten wirft ganz viele solcher Fragen auf und im Kern geht es eigentlich um die Frage: Wie wollen wir im 21. Jahrhundert in der Stadt leben?“ Für Berlin mit seiner Kiezkultur ist der Prinzessinnengarten jedenfalls eine ideale Einrichtung – er fungiert als nachbarschaftlicher Treffpunkt und Aushängeschild der großstädtischen Alternativkultur, fördert die Kiezkultur und ist auch Ort sozialer Projekte, etwa mit den Kids aus den umliegenden Vierteln.

Die Erfahrungen der letzten Jahre waren für die urbanen Gärtner in Kreuzberg so reichhaltig, dass sie nun in einem Buch gesammelt erscheinen werden: Unter dem Titel "Prinzessinnengarten – Anders gärtnern in der Stadt" erscheint ein 247-seitiger Band mit den schönsten Bildern und den anregendsten Geschichten im und um den Garten. "Das Buch ist eine sehr schöne Sammlung von all den Dingen geworden, die im Prinzessinnengarten eine Rolle spielen", erklärt Robert Shaw. "Es gibt Gartentipps und Pflanzenporträts, man findet Infos über unsere Art zu gärtnern, einen Gartenkalender und viele Rezepte. Es gibt aber auch Texte zu all den Dingen, die drumherum stattfinden."

 

"Die konkrete Hilfe bleibt in wichtigen Punkten aus"

Der Erfolg und das deutschlandweite Renommee hilft ihnen aber nicht, Planungssicherheit an ihrem Standort zu bekommen, wie Robert Shaw erzählt: „Wir kriegen ganz viel Wertschätzung in Form von Schulterklopfen, aber die konkrete Hilfe bleibt in wichtigen Punkten aus. Die wertvollste Unterstützung wäre es, wenn die Stadt anerkennen würde, dass der Prinzessinnengarten ein wertvolles Projekt ist und wir zumindest mal die Erlaubnis bekämen, fünf Jahre an einem Ort zu bleiben. Bisher fehlt uns jede Planungssicherheit – wir haben immer nur Mietverträge für ein Jahr bekommen, dieses Mal für zwei Jahre.“

Leicht hat es die alternative Kultur also auch in Kreuzberg nicht. Manche Dinge sind eben überall gleich, egal ob man sich an der Ruhr befindet oder an der Spree.

 

Fotos: Prinzessinnengarten

 

redaktionelle Buchempfehlungen zum Thema:

„Prinzessinnengärten – Anders Gärtnern in der Stadt“
Dumont, 247 Seiten, 29,95 €

"My Green City - Back To Nature With Attitude and Style"

Gestalten, 240 pages, 38 €

 

Sa, 23.03.2013 0

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19.01.2010

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