Die Grenzen verschwimmen

Ist es noch sinnvoll, von etablierter und marginaler Kultur zu sprechen?

Seit Konzeptkunst die Dematerialisierung des Kunstobjekts als Herausforderung zur Kommerzialisierung ihrer Arbeiten am Markt eingeleitet hat, sind viele Künstler weiterhin interessiert an der Idee von Kritik und Widersprüchen.

 

Diese Generation von Künstlern ist wohl gescheitert, wenn man betrachtet, dass man alles mit passender Authentifizierung verkaufen kann – das hat die Künstler jedoch nicht daran gehindert, das System, zu dem sie ja nichtsdestotrotz gehören, herauszufordern, an ihm Kritik zu üben und ihm zu widersprechen.

 

Unterstellt das jedoch, dass diese Künstler irgendwie "außen vor" sind und aus der Peripherie hineinblicken? Falls dem so ist, dann ist es schwierig herauszufinden, wo sich die Außenseite befindet, wenn alle Praktiken und Lebensstile scheinbar in den Kapitalismus integriert und in Geldmaschinen transformiert werden können. Können wir noch zwischen etablierter und marginaler Kunst unterscheiden, wie es in der Gegenkultur der 1960er Jahren möglich war?

 

Interessante Antworten zu diesen Fragen wurden vor Kurzem auf einer Konferenz in der Whitechapel Gallery in London geliefert, die sich mit dem Konzept marginaler Kunst beschäftigt. Der Begriff "marginale" Kunst ist prinzipiell etwas uneindeutig – es könnte sich dabei um "Außenseiter"-Kunst von unausgebildeten oder nicht institutionalisierten oder sogar "naiven" Künstlern handeln. Gleichzeitig definiert der japanische Erforscher der Massenkultur, Shunsuke Tsurumi, grenzwertige Kunst als das, was "im Feld aufkommt, wo das tägliche Leben und künstlerischer Ausdruck zusammentreffen" und das alles von Graffiti über Familien-Videoclips bis hin zu politischen Demonstrationsfahnen beinhalten kann.

 

Graffiti als marginale Kunst?

Wenn man berücksichtigt, dass Graffiti-Künstler – die ja in der etablierten Kunstszene als Außenseiter gelten – ihre Werke regelmäßig für beeindruckende Summen verkaufen... Ein Gemälde von Banksy beispielsweise wurde im Jahr 2008 auf der Sotheby's RED-Wohltätigkeitsveranstaltung in New York zu einem Rekordpreis von 1,9 Millionen US-Dollar verkauft. Und trotz sinkender Verkaufszahlen in diesem Genre hat das etablierte Aktionshaus Bonham's immer noch einen Absatzzweig für  "Urban Art". Der Begriff "marginal" kommt einem dabei nicht wirklich in den Sinn.

 

Darüber berichtet das Frieze-Magazin, eine stimmungsweisende Publikation für zeitgenössische, "innovative" Kunst, das oft mit Artikeln über "kritische" Kunst oder radikale Ansichten aufwartet. Der Fakt, dass das Magazin diesen Weg beschreitet und gleichzeitig die lukrative Frieze Art Fair (Frieze Kunstmesse; Anm. d. Übers.) organisiert, beleuchtet das Paradoxon der Kritik an den Machenschaften des Kapitalismus und dem erfolgreichen Status am Markt.

 

Dieses wiederum führt zu einem erneuten Paradoxon: Das am wenigsten Kommerzialisierte verkauft sich oft am besten – eben weil es etwas repräsentiert, das noch nicht vollständig von Kapital kooptiert wurde.  Es handelt sich um ein Gefühl, das im alten Rock'n'Roll-Traum vorkommt: Sich nicht zu "verkaufen" und sich nicht vom Mainstream-Erfolg und -Reichtum beeindrucken zu lassen.


Authentizität im Grenzwertigen

Auf eine andere Art und Weise bieten uns die Fotografien Nan Goldins und die Filme von Jack Smith, die oft unkonventionelle Charaktere zeigen, ein Fenster in "grenzwertige" Lebensstile. Einige von ihnen werden von der Matthew Marks Gallery repräsentiert, während Smiths Werke von Barbara Gladstone aufgekauft wurden – einer Blue-Chip-Händlerin aus New York, die die Popularität der Werke innerhalb und außerhalb der Auktionsräume attestiert. Vielleicht liegt es an der Aura an Authentizität, die die Werke umgibt: Menschen, die einen nicht-kommerzialisierten Lebensstil führen sowie ihre formalen Qualitäten, die unsere Fantasie bei diesen Arbeiten beflügeln.

 

Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein neues Konzept: Lord Byron und andere Romantiker haben aktiv proklamiert, dass sie Außenseiter sind und bewusst mit den Sensibilitäten einer Standesgesellschaft gespielt, die Geschichten über die "skandalösen Fratzen" zu erzählen hatte.

 

Randgruppen und ethische Minderheiten

Eine andere Verwendung für den Begriff "marginal" kam auf, wenn man über Künstler aus anderen Kulturkreisen bzw. aus ethnischen Minderheiten sprach. Obwohl Diskriminierung in der britischen Gesellschaft immer noch existiert, sind Künstler aus anderen Kulturkreisen seit einigen Jahren sehr erfolgreich, wie z.B. Steve McQueen, der im Jahr 1999 den Turner Prize gewonnen hat und das Vereinigte Königreich 2009 in Venedig vertreten hat. Dabei kann man wohl kaum von grenzwertig oder marginal sprechen.

 

Es scheint so, als sei der Begriff "marginal" vor diesem Hintergrund sehr dehnbar bis fast bedeutungslos – oder, wie die Autorin Jennifer Thatcher in Whitechapel anmerkte, ist der Mainstream verschwunden, was verschiedene Ebenen Peripherie hinterlässt. In der vom schottischen Künstler Momus (oder war es David Weinberger? Wikipedia ist sich nicht sicher) gelieferten Interpretation von Warhol wird im Zeitalter des Internets "Jeder für 15 Menschen berühmt sein".

Di, 27.12.2011 1

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Kommentare

nun haben sie treffend dargelegt...

...wie der kunstmarkt die frage nach der "marginalisierung" selbst erledigt...marginalisiert ist der, der sich nicht verkauft- was die mehrheit ist. die frage könnte demnach lauten: wie geht der mensch mit dem geld um.. bzw. wie sehr marginalisiert sich die kunst freiwillig, indem sie das erfolgskriterium "damit lässt sich geld verdienen" in ihrer gültigkeit mit künstlerischen mitteln reflektiert und in den prozess "kunst" zurück-übersetzt. kunst muss sich die frage nach dem umgang mit der macht stellen, die ihr der markt zur verfügung stellt...

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17.08.2011

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