Filmemacher in Österreich - Die Auswanderer

Von Daniel Bickermann. Die kleine Alpenrepublik hatte in filmischer Hinsicht schon immer eine Art schizophrener Persönlichkeit: Trotz geringer Ressourcen und immer wieder haarsträubender Zensurgesetze brachte Österreich eine ganze Reihe weltberühmter Filmemacher und Stars hervor – die jedoch stets schnell das Weite suchten; trotz des gemeinsamen Sprachraums mit Deutschland, einem der größten europäischen Absatzmärkte, gelingen nur sehr wenige Auslandsverkäufe; und trotz faszinierenden kulturellen Filminstitutionen ist das Interesse von Bevölkerung und Politik am Film massiven Schwankungen unterworfen.

Die Anfänge und die Exilanten-Problematik

Die Anfänge waren holprig. Durch teils groteske Zensurbedingungen in der k.u.k.-Monarchie, die Theaterschauspielern das Mitwirken in Filmen verbaten oder den Kinobesuch gleich ganz für illegal erklärten, kam es erst 1910 zu ersten Spielfilmproduktionen in Österreich. Paradoxerweise profitierte die Industrie vom Ersten Weltkrieg, in dem ausländische Filme verboten wurden, so dass die einheimische Filmproduktion gestärkt in die Nachkriegszeit gehen konnte und durch massenhafte Auslandsverkäufe sogar bis zu 140 lange Stummfilme jährlich stemmen konnte – eine Zahl, die bis Ende der 30er Jahre auf ca. 30 zurückging.

Durch die frühe Vermischung mit der deutschen Filmindustrie zeigte sich aber auch schnell ein Trend, der bis heute anhält: Die österreichische Filmindustrie mit ihren traditionell limitierten Ressourcen erwies sich von jeher für die wahren Meister der Kunst als zu klein. Einer der ersten, die es im Ausland zu Weltruhm brachten, war der gebürtige Wiener Fritz Lang, der erst mit seinen Ufa-Filmen Geschichte schrieb und dann nach Hollywood zog. Die Liste der Emigranten sollte sich im Dritten Reich noch um Fred Zinnemann, Erich von Stroheim, Billy Wilder, Hedy Lamarr, Peter Lorre, Otto Preminger und Edgar G. Ulmer erweitern.

Wer blieb, konnte erste Tonfilme, die berühmten Wiener Musikfilme und den Südtiroler Bergfilmer Luis Trenker bewundern, bevor der Österreichische Bürgerkrieg ausbrach und die deutschen Faschisten schon Jahre vor dem politischen Anschluss die österreichische Filmwirtschaft durch Verbotsdrohungen und andere Druckmittel beherrschten. Bis 1945 wurde Österreich Teil der zentralisierten deutschen Komödien- und Heimatfilmindustrie. Die teils absurden Gesetze der k.u.k-Zeit wiederholten sich ab 1941 durch Nazi-Vorschriften, die z.B. kinderlose Ehe, rauchende Personen oder bestimmten Figurennamen im Film untersagten.

Der schwere Wiederaufstieg

Nach der Wiederaufnahme der Filmproduktion Anfang der 50er Jahre ging die innere Emigration aus Historien-Biopics, Schwank-Komödien, Eis-Revues, Operetten- und Heimatfilmen erstmal weiter, wobei die Zahl der Produktionen pro Jahr stabil zwischen 20 und 30 pendelte. Wie in Deutschland war es erst die 68er-Generation, die einen „Neuen Österreichischen Film“ hervorbrachte, der sich an der Autorentheorie und an den ersten Filmhochschulen orientierte. Und ähnlich wie im größeren Nachbarland kam auch hier nach einer langen kommerziellen Durststrecke der finanzielle Aufschwung in Form von Publikumskomödien lange vor der qualitativen Revolution: Filme wie MÜLLERS BÜRO oder HINTERHOLZ 8 wurden zu wahren Blockbustern, ohne außerhalb der Grenzen auch nur Aufmerksamkeit zu erregen. Doch die Talentflucht ging natürlich weiter: Von Klaus Maria Brandauer und Romy Schneider bis Christoph Waltz, von Xaver Schwarzenberger bis Arnold Schwarzenegger suchten viele Etablierte lieber das Glück in der Ferne.

Eine Goldene Generation

Im neuen Jahrtausend wurde die Schizophrenie der österreichischen Filmkultur vielleicht sichtbarer denn je. Zum einen gelang es Institutionen wie dem Filmfestival Viennale und dem ausgezeichneten Österreichischen Filmarchiv, mit Retrospektiven und qualitativen Neuentdeckungen eine cineastische Renaissance in der Alpenrepublik anzuregen – auf der anderen Seite krebsen die einheimischen Kinoproduktionen lediglich bei einem Marktanteil von zwei bis sieben Prozent herum. Und auf der einen Seite verliert die Politik scheinbar zunehmend das Interesse an seiner vitalen Funktion der Filmförderung – auf der anderen Seite verzeichneten die im Ausland lebenden oder arbeitenden österreichischen Filmemacher und Schauspieler in der letzten Dekade eine ungeheure Erfolgsquote: Ulrich Seidl erhielt für HUNDSTAGE den Jurypreis 2001 in Venedig. Michael Glawogger holte sich 2005 für WORKINGMAN’S DEATH den Deutschen und den Europäischen Filmpreis als beste Doku ab. 2008 gab es für Stefan Ruzowitzkys DIE FÄLSCHER den Oscar als bester fremdsprachiger Film – der erste für einen österreichischen Beitrag überhaupt. Der beliebte Kabarettist und Filmschauspieler Josef Hader sammelte in der Zwischenzeit internationale Schauspielpreise (z.B. 2000 in Locarno) ein.

Und dann kam erst noch das Jahr 2009, das man so schnell nicht vergessen wird: In diesem Jahr erhielt Jessica Hausner in Venedig gleich vier Preise für LOURDES, nachdem sie von 1999 noch einen Jury-Preis aus Cannes im Regal stehen hatte; Götz Spielmanns REVANCHE wurde in dem Jahr als bester ausländischer Film für den Oscar nominiert und erhielt zwei Preise auf der Berlinale; gleichzeitig gewann die Österreicherin Birgit Minichmayr den Silbernen Bären als beste Schauspielerin auf der Berlinale und Erwin Wagendorfers LET’S MAKE MONEY erhielt den Deutschen Dokumentarfilmpreis. Und Michael Haneke, der im Lauf seiner bisherigen Karriere sage und schreibe acht Preise in Cannes gewann, krönte all dies mit der Goldenen Palme für DAS WEISSE BAND, mit dem er anschließend auch noch den Europäischen Filmpreis dominierte. Und 2010? Da gewann der gebürtige Wiener Christoph Waltz in Cannes den Darstellerpreis und anschließend den Oscar für seine exuberante Darstellung des SS-Bösewichts in Tarantinos INGLOURIOUS BASTERDS – übrigens war es der erste Oscartriumph eines deutschsprachigen Schauspielers nach dem ebenfalls in Österreich geborenen und aufgewachsenen Maximilian Schell. Österreich wird derzeit also von einer Goldenen Generation der Filmemacher wieder verwöhnt mit prestigeträchtigen Preisen, internationaler Anerkennung und vor allem richtig guten Filmen – auch wenn ihnen dafür die österreichische Filmindustrie immer noch viel zu eng und klein ist.

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Do, 18.11.2010 0

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29.01.2010

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