Die älteste Zeitung des Ruhrgebiets behält das Lokale im Blick

Eine Grabesstille umgab das beschauliche Städtchen Werden im Jahr 1850. Seine Bewohner mussten schweigen. Denn die Jagd auf Demokraten hatte begonnen. Die Revolution von 1848 war endgültig niedergeschlagen und jeder konnte in Verdacht geraten, ein Demokrat zu sein, angezeigt, verfolgt und bestraft zu werden.

 



In dieser Atmosphäre von Misstrauen und Angst richtete 1850 Wilhelm Flügge Werdens erste Druckerei ein und gründete eine kleine Zeitung, das „Werdener-Kettwiger Wochenblatt”, die späteren Werdener Nachrichten und heute älteste Zeitung des Ruhrgebiets.
Das Wichtigste in diesen Jahren war, nicht anzuecken und so legte Wilhelm Flügge den Schwerpunkt der Zeitung auf Unterhaltendes – und Anzeigen. Werdens größter und wendigster Kaufmann W. Vogelsang bot in Inseraten regelmäßig ein munteres Sortiment seiner Waren an: „galvano-electrische Ketten” gegen Rheuma, die „Aechten Ohrenmagnete” gegen Kopfleiden oder Kölners Stollwerk „vorzügliche Dampf-Chokoladen”.

 


 

Die Welt beginnt vor der Haustür

 

Auch heute sind die Themen der Wochenzeitung aus dem Essener Stadtteil Werden nicht die großen Weltnachrichten, sondern die lokalen.

„Die Welt beginnt vor der Haustür. Denn hinter jeder Werdener Tür wohnt eine spannende Lebensgeschichte. Und jedes Thema kann aufs Lokale heruntergebrochen werden, sei es eine Rentenreform oder eine Hartz-IV-Debatte”, fasst Redakteur Gereon Buchholz die Leitlinie der Werdener Nachrichten zusammen.

Der Redakteur berichtet, die Werdener Nachrichten seien zudem eine der ersten Wochenzeitungen überhaupt gewesen, die das lokale Geschehen in den Fokus gesetzt hat. 1948, nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gleichschaltung im Nationalsozialismus, wurde die Zeitung wieder neu verlegt und das Konzept des „Local Weekly”, der lokalen Wochenzeitung realisiert. Dieser Typ des lokalen Wochenblatts wird heute nur noch wenig verlegt – kostenlose Anzeigenzeitungen haben die Wochenzeitung in vielen Städten verdrängt. In den 1970er-Jahren feierten die Werdener Nachrichten ihre Hochzeit mit einer Auflage von 7.500 Stück. Die hohe Auflagenzahl war auch dem Umstand geschuldet, dass es zu dieser Zeit selbstverständlich erschien, ein Abonnement abzuschließen. Man verschenkte es zum Beispiel zur Eheschließung.
 

 

 

Der schönste Arbeitsplatz in Werden

 

Heute erscheinen die Werdener Nachrichten in einer Auflage von 5.000 Exemplaren und kosten 95 Cent. Seit dem Jahr 2000 gehört die Zeitung zum WAZ-Konzern. „Redaktionell bin ich frei – auch vom Umfang und den Möglichkeiten”, erklärt Gereon Buchholz, der einzige hauptamtliche Redakteur, den zwei freiberufliche Mitarbeiter unterstützen. 1986, mit 27 Jahren, übernimmt Gereon Buchholz die Redaktionsleitung von seinem Vorgänger Siegfried Theis. Am 1. Mai 2011 feiert Gereon Buchholz sein 25-jähriges Betriebsjubiläum. 60 Stunden in der Woche arbeitet er an 14 Seiten, die jede Woche neu gefüllt werden müssen. „Enorm viel Arbeit steckt in der Zeitung”, resümiert Gereon Buchholz. „Dennoch, hier in Werden habe ich den schönste Arbeitsplatz, mitten im Zentrum. Werden ist ein wahnsinnig schöner Ort. Für mich mutet die Fahrt zur Redaktion immer noch wie eine Urlaubsfahrt an. Wir sind hier mittendrin. Wir sind auch international – zum Beispiel mit der Folkwanghochschule und ihren 900 bis 1.000 Studenten. Hier ist die Welt”, begeistert sich Gereon Buchholz.

 

Siegfried Theis (rechts) in der Druckerei

Die Werdener Nachrichten sind eine Heimatzeitung

 

Die Berichterstattung über das Lokale schließt auch die Heimatverbundenheit mit ein: Die Werdener Nachrichten sind eine Heimatzeitung. Und so soll sie die Erinnerung an das Erreichte bewahren und einladen, das Neue kennenzulernen, so Gereon Buchholz in einer Festschrift. „Hier leben spannende, und auch kritische Menschen. Die aufmüpfigen Bergvölker eben. Die Werdener sind außerdem sehr eigen. Man muss drei Generationen durchlebt haben, bis man als Werdener bezeichnet werden kann. Aber eigentlich sind die Werdener tolerant und easy. Und: Sie haben ein großes Selbstbewusstsein. Immerhin ist Essen 50 Jahre jünger als Werden. Das macht stolz.”



Fotos: Sandra Anni Lang/Werdener Nachrichten
 


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Mo, 21.03.2011 2

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Kommentare

Werdener Nachrichten

Hallo Herr Sträter-Imberg,

das Bild zeigt das Haus in dem die ehemaligen Redaktionsräume untergebracht waren. Ob es sich tatsächlich um ein Haus in der Hufergasse handelt ist wahrscheinlich. Kann ich Ihnen aber leider nicht versichern. Bitte kontaktieren Sie Redakteur Gereon Buchholz unter redaktion@werdener-nachrichten.de oder in der Grafenstraße 41 unter 0201/4997778. Die Redaktion verfügt über ein umfangreiches Archiv.

Schöne Grüße
Sandra Anni Lang

Bild im Artikel von Sandra Anni Lang vom 21.3.2011

Guten Tag,
bin durch Zufall auf Ihrem Artikel gestoßen und wüsste gern, welches Werdener Haus dort gezeigt wird und aus welchem Jahr das Foto stammt. Meine Großmutter hat "gleich um die Ecke" von den Werdener Nachrichten gewohnt - Hufergasse 33, Haus im Besitz der Bäckersleute Burgmann - kann es sein, dass Sie dieses Haus zeigen? An alten Werdener Bildern bin ich sehr interessiert, habe selbst nur wenige, da die Familie meines Vaters im März 1944 ausgebombt ist. Gibt es bei Ihnen eine Rubrik "Das alte Bild" (oder so ähnlich), wo Leser nachfragen bzw. mitteilen können, wo eine Aufnahme entstanden ist und wen sie zeigt?
Mit freundlichen Grüßen
B. Sträter-Imberg

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04.12.2009

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